Mette Hobaek Siegenthaler, wie verbreitet sind Rückenschmerzen bei Kindern?
Sie sind häufiger, als man denkt: Bereits 27 Prozent der 11-Jährigen haben schon mal Rückenschmerzen erlebt. Und mit zunehmendem Alter kommt das öfter vor: Bei den 13-Jährigen haben bereits 37 Prozent Rückenschmerzen erlebt und bei den 15-Jährigen 47 Prozent. Bei den 18-Jährigen ist die Situation dieselbe wie bei den Erwachsenen: Bis zu 80 Prozent hatten schon Rückenschmerzen – das heisst aber nicht, dass sie regelmässig darunter leiden.
Haben Rückenschmerzen bei Kindern in den letzten Jahren zugenommen?
Das lässt sich nicht eindeutig sagen, da es keine Langzeitstudien gibt. Zudem ist unklar, ob Rückenschmerzen häufiger vorkommen oder ob sie heute einfach ernster genommen werden. Ich persönlich habe aber schon den Eindruck, dass immer mehr Kinder an Rückenschmerzen leiden – auch aufgrund unseres Lebensstils.
Was sind denn die häufigsten Ursachen?
Bewegungsmangel ist sehr schlecht für den Rücken. Wer keinen Sport treibt und oft sitzt, hat einen schwächeren Stützapparat, was das Risiko für Rückenschmerzen erhöht. Was aber vielen Eltern nicht bewusst ist: Auch übermässiger Sport kann Rückenschmerzen verursachen. Besonders Kontaktsportarten, bei denen man häufig hinfällt, erhöhen das Risiko, da die Wirbelsäule während des Wachstums empfindlicher ist.
Welche weiteren Risikofaktoren sollte man kennen?
Mit einem Bewegungsmangel geht oft auch Übergewicht einher, das den Rücken belastet. Zudem schadet langes Sitzen am Computer oder Handy dem Rücken: Eine neue Studie zeigt, dass sich das Risiko für Rückenschmerzen mit jeder Stunde vor dem Bildschirm um 8.2 Prozent erhöht. Nicht zu unterschätzen sind auch psychologische Faktoren wie Stress.
Die Expertin

Mette Hobaek Siegenthaler ist Fachchiropraktorin und führt die Holbeinpraxis in Basel (www.holbeinpraxis.ch). Zudem arbeitet sie an der Universität Zürich und im Kindergesundheitszentrum Youkidoc in Basel.
Wie sehr belastet ein schwerer Schulrucksack den Rücken?
Der Rucksack an sich stellt kein Risiko dar. Richtig getragen kann das Gewicht sogar gesund sein und die Muskulatur stärken. Zu einem Risiko wird der Rucksack, wenn er nur über eine Schulter getragen wird, sodass das Gewicht nicht verteilt ist.
Haben Kinder mit Rückenschmerzen automatisch auch im Erwachsenenalter Probleme mit dem Rücken?
Automatisch nicht, aber die Gefahr besteht. Gemäss einer Studie steigt das Risiko für Rückenschmerzen im Erwachsenenalter um das Doppelte an, wenn man in der Pubertät innerhalb eines Jahres an sieben bis 30 Tagen Rückenschmerzen hatte. Waren es über 30 Tage pro Jahr, steigt das Risiko sogar um das Vierfache.
Wie kann man Rückenschmerzen im Kindesalter vorbeugen?
Am wichtigsten ist moderater Sport. Das heisst, zwei bis drei Mal pro Woche plus Schulsport. Und natürlich ist es wünschenswert, dass die Kinder zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule gehen und nicht gefahren werden. Zudem sollte man auf Abwechslung im Alltag achten. Das heisst nicht nur, dass die Kinder nicht zu lange am Smartphone oder Computer sitzen, sondern auch, dass sie beim Hausaufgabenlösen regelmässig Pausen einlegen und sich bewegen – sie sitzen in der Schule ohnehin schon lange genug. Weiter hilft es, die Kinder so gut wie möglich vor Stress zu schützen. Wichtig ist auch, dass die Eltern gute Vorbilder sind.
Was meinen Sie damit?
Es nützt wenig, wenn wir den Kindern sagen, sie sollen sich nicht stressen lassen und selbst dauernd gestresst sind. Oder ihnen sagen, sie sollen sich mehr bewegen und selbst nichts tun. Die Kinder orientieren sich an den Eltern und übernehmen deren Verhalten. Leider sehe ich oft zwei Extreme: Eltern, die alles für ihre Kinder tun, sie pushen und stark auf ihr Wohlergehen achten und dann wiederum Eltern, die das komplett vernachlässigen. Den gesunden Mittelweg wählen aus meiner Sicht zu wenige.
Angenommen, das Kind klagt über Rückenschmerzen: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Das ist abhängig vom Alter und der Ursache. Bei funktionellen Schmerzen im Kreuz – etwa durch einen Unfall oder zu langes Sitzen – helfen Physiotherapie und chiropraktische Behandlungen. Generell gilt: Die Kinder sollten so bald als möglich wieder einen normalen Alltag haben und moderat Sport treiben.
Was ist mit Schmerzmitteln? Dürfen Eltern ihren Kindern diese verabreichen?
Ja, das kann man machen. Es ist sogar besser, dem Kind Schmerzmittel zu geben und es in die Schule zu schicken, als es lange zuhause zu behalten. Bei den Schmerzmitteln sollte es sich allerdings um niedrig dosierte nicht steroidale Medikamente handeln, von denen die Eltern wissen, dass ihr Kind sie erträgt. Bei anderen Medikamenten oder bei Unverträglichkeiten muss mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin Rücksprache gehalten werden.
In welchen Fällen sollte man einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen?
Wenn die Rückenschmerzen trotz Schmerzmitteln nach einer Woche noch stark sind, sollte man eine Fachperson aufsuchen. Beklagt sich das Kind zwar über Schmerzen, kann aber weiterhin zur Schule gehen und Sport treiben, würde ich die Schmerzen nach zwei bis drei Wochen abklären lassen. Ein Alarmzeichen sind Rückenschmerzen bei Kindern unter fünf Jahren. In diesem Alter sind sie extrem selten und das Risiko ist gross, dass eine ernst zu nehmende Ursache zugrunde liegt. Für alle Altersgruppen gilt: Nächtliche Schmerzen oder Schmerzen, die vom Rücken in andere Körperteile ausstrahlen, sollte man unbedingt abklären lassen.

