1. Home
  2. Family
  3. Alltag
  4. Gift in der Muttermilch: Studie zeigt, wie viele Dioxine Babys trinken

Analyse liefert haarsträubende Zahlen

So viele Giftstoffe trinken Babys mit der Muttermilch

Muttermilch ist das Beste für Babys – das hören wir von Hebammen, Ärztinnen und anderen Eltern. Eine Analyse von Schweizer Muttermilch-Proben zeichnet jetzt ein nicht ganz so rosarotes Bild. Die Dioxine, die Babys hierzulande beim Stillen aufnehmen, übersteigen den Richtwert um ein Vielfaches.

frau stillt kind

Ein inniger Moment zwischen Mutter und Kind – eine Portion Giftstoffe inklusive.

Imago

Hoppla, das passt so gar nicht in das Idealbild, welches rund ums Stillen besteht: Eine neue Analyse von 50 Muttermilch-Proben von Erstgebärenden aus Bern, Biel, Freiburg, Morges und Basel zeigt, dass sich darin zahlreiche Dioxine, also Umweltgifte, befinden. Die 210'000 Franken teure Analyse in Auftrag gegeben hat der Bund bereits vor einigen Jahren, durchgeführt wurde sie von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA). Die Ergebnisse seien jedoch nie publiziert worden, wie der «Kassensturz» nun berichtet. 

«150 Mal über dem Richtwert. Das ist eine deutliche Belastung für ein Baby am Beginn des Lebens.»

Markus Zennegg, Chemiker bei der EMPA

Wie gelangen Dioxine in die Muttermilch?

Doch was genau liegt das Problem? In Tierversuchen wurde nachgewiesen, wie schädlich Dioxine und dioxinähnliche PCB, also giftige und krebsauslösende organische Chlorverbindungen, sind. Es konnte in den Versuchen gezeigt werden, dass sie Fruchtbarkeit, Immunsystem und die Gehirnentwicklung schädigen. «Diese Stoffe reichern sich im Körperfett und auch in der fetthaltigen Muttermilch an», sagt Markus Zennegg, Chemiker bei der EMPA. Sobald die Frau ein Kind bekomme und dieses stille, gelangen diese Stoffe auch in das Kind. «Der Säugling nimmt vor allem am Anfang hohe Konzentrationen dieser Stoffe über die Muttermilch auf», so Zannegg.

Mehr für dich

Bei den nachgewiesenen Dioxinen handelt es sich um Altlasten der 80-er und 90-er-Jahre, die in der Metallindustrie und Müllverbrennung entstanden, in Chemikalien verwendet wurden und so in die Umwelt gelangt sind. Die gute Nachricht: Mit Filtern und Verboten konnte man seither eine Verbesserung erzielen und die Werte auf einen Sechstel des Niveaus der 90-er senken. Die schlechte: Die Dioxine sind langlebig und reichern sich im Boden an, wo sie von Nutztieren beim Grasen aufgenommen werden. Durch Fleisch, Fisch, Eier und Milch gelangen sie schliesslich auch in den menschlichen Körper. Ein gestilltes Baby nimmt laut der EMPA-Analyse 294 Piktogramm pro Kilo und Woche auf. Das heisst im Klartext, dass es den Richtwert – 2 Pikogramm pro Kilo Körpergewicht pro Woche – welchen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt hat, um das 150-fache überschreitet. «Am Anfang des Lebens ist das eine relativ deutliche Belastung», sagt Markus Zennegg.

Dioxine sind schädlicher als gedacht

Diese Erkenntnis lässt aufhorchen, besonders deshalb, weil man heute weiss, dass Dioxine toxischer sind, als die Forschung angenommen hat. Eine Langzeitstudie der Universität Harvard zusammen mit russischen Forschern aus dem Jahr 2017 zeigte, dass die Spermienqualität russischer Buben schon bei sehr niedriger Konzentration beeinträchtigt wurde.

baby bekommt flasche

Stillen oder das Fläschchen geben? Diese Frage sorgt bei Müttern immer wieder für rote Köpfe.

imago images/JohnAlex

Soll man Babys besser die Flasche geben?

Dass diese neusten Erkenntnisse Mütter verunsichern, ist verständlich. Sollen sie nun besser aufs Stillen verzichten und dem Baby die Flasche geben? Die WHO räumt zwar ein, dass die Dioxine in der Muttermilch weltweit deutlich über den Sicherheitsstandards liegen, Still-Verzicht wollen sie dennoch nicht. Der Nutzen des Stillens sei nach wie vor deutlich grösser als die damit verbundenen Risiken. «Kinder haben durch die Übertragung von Immunoglobulinen ein stärkeres Immunsystem und viel weniger Allergien. Dieser positive Effekt überwiegt klar, zumal das Baby ja nur während einer kurzen Zeit eine deutlich höhere Belastung hat», sagt auch EMPA-Chemiker Markus Zennegg.

Den kompletten Beitrag von «Kassensturz» findet ihr hier.

Von Edita Dizdar am 10.06.2021
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer