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  4. Remo Largo: Seine fünf wichtigsten Ansätze

Wertvolles Vermächtnis

Was nach seinem Tod von Remo Largo bleibt

Sein Schaffen wird seinen Tod überdauern. Am 11. November ist der Zürcher Kinderarzt Remo Largo im Alter von 76 Jahren gestorben. Sein Vermächtnis sind wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung und Erziehung von Kindern, mit denen er Eltern und Fachpersonen gleichermassen inspiriert.

Remo Largo 2011

Remo Largo war als «Erziehungspapst» der Schweiz bekannt.

Thomas Buchwalder

1. Freiraum statt Frühförderung

«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht», pflegte Remo Largo zu sagen. Er sah den Freiraum von Kindern, eigene Erfahrungen zu sammeln, durch zu viel elterliche Sorge und übervolle Agenden bedroht. Ob im Fussballverein, im Ballett oder in der Schule – überall werde Kindern vorgegeben, was zu tun sei. Largo sprach sich für mehr Gelassenheit statt Förderwahn aus. «Das Kind entwickelt sich aus sich selbst heraus, wenn es die notwendigen entwicklungsspezifischen Erfahrungen machen kann.»

2. Der Mensch als Individuum

Remo Largo wurde nicht müde, die Einmaligkeit von Kindern und deren Entwicklung, sowohl motorisch wie auch sprachlich oder psychisch, hervorzuheben. «Jedes Kind ist ein einmaliges Wesen. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Erfahrungen, die es macht. Es ist auch in seiner Anlage einmalig.» Er plädierte dafür, Kinder nicht als Diamanten zu sehen, die man nach den eigenen Vorstellungen schleifen könne, sondern die eigenen Erwartungen den Fähigkeiten jedes Kindes anzupassen.

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3. Kinder lernen von Kindern

Ein Kind braucht nur seine ­Eltern? Mitnichten, war der Pädiater überzeugt. «Ein Kind sollte mehrere Stunden pro Tag mit Gleichaltrigen zu­sammen sein», sagte Largo. «So lernt es zu sprechen, sich in andere Kinder einzufühlen, sich anzupassen, mit Konflikten umzugehen, Beziehungen zu pflegen und Freundschaften zu schliessen.» Der Kontakt zu anderen Kindern und weiteren Bezugspersonen sei nicht nur für die Entwicklung eines Kindes, sondern auch für dessen Wohlbefinden essenziell.

4. Kritik am Bildungssystem

Wiederholt legte sich der Kinderarzt mit Vertretern des Bildungssystems an. «Die Schule orientiert sich nicht an den indivi­duellen Stärken der Kinder, ­sondern an ihren Schwächen», ­kritisierte er. Es sei Kindern nur möglich, Lernmotivation, Kreativität und Eigenverantwortung zu entwickeln und beizu­behalten, wenn sie in ihren Kompetenzen gefördert würden. Das leistungsorientierte Bildungssystem setze auf Didaktik, Methodik und Fachwissen. Der Schlüssel für Lernerfolg sei eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung.

5. Vorteile der Gemeinschaft

«Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf» –dieses afrikanische Sprichwort zitierte Remo Largo gerne. Das Modell Kleinfamilie hielt er für falsch. Seine Argumente: Erstens überfordert es Eltern, wenn sie alleine allen Ansprüchen der Kinder genügen müssen, zweitens brauchen Kinder verschiedene erwachsene Bezugspersonen, von denen sie lernen und bei denen sie Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren dürfen. Damit beschäftigte er sich im letzten Buch ­«Zusammen leben», das im Sommer 2020 erschien.

Seine Bücher, sein Lebenswerk

Geboren 1943 in Winterthur, machte sich der ­Kinderarzt Remo Largo ab den 70er-Jahren einen ­Namen als Leiter der Abteilung «Wachstum und ­Entwicklung» der Zürcher Universitäts-Kinderklinik. Internationale Bekanntheit erlangte er durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen sowie als Autor der Erziehungsratgeber «Babyjahre» und «Kinderjahre» und weiterer Bestseller. ­Zuletzt wohnte Largo in Uetliburg SG. Nach seinem Tod hinterlässt eine Ehefrau, drei Töchter und neun Enkelkinder.

Von Sylvie Kempa und Christa Hürlimann am 22.11.2020
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