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Die höchste Schweizer Lehrerin im Interview

«Wir müssen mehr Aufstiegschancen schaffen»

Sie ist neu die oberste Lehrerin der Schweiz – die Solothurnerin Dagmar Rösler hat klare Ziele: Eines davon ist ein ganz persönliches.

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«Als Lehrerin ist man sehr verletzlich»: Dagmar Rösler in der Kantine der Pädagogischen Hochschule in Solothurn.

Kurt Reichenbach

Ein futuristischer Tisch fürs Foto, das passt. Schliesslich geht es ihr um die Zukunft der Schule. Dagmar Rösler, 48, ist seit letztem August die höchste Lehrerin der Schweiz. Als Nachfolgerin von Beat Zemp – 30 Jahre lang «Lehrer der Nation» – muss sie grosse Fussstapfen füllen. Gut vorbereitet kommt Rösler zum Gespräch an der Pädagogischen Hochschule in Solothurn und scherzt: «Als Lehrerin habe ich natürlich Etui und Block dabei.»

Frau Rösler, Sie haben hier Ihre Lehrerausbildung gemacht. War das für Sie eine gute oder eher eine anstrengende Zeit?
Für mich war es die grosse Freiheit! Ich wuchs hinter den sieben Bergen auf, im Solothurner Schwarzbubenland. Mit 16 kam ich hierher und wohnte im sogenannten Kosthaus. Ich habe diese Zeit sehr genossen.

Und wie lief Ihr Start als Primarlehrerin?
Ganz allein vor einer Klasse zu stehen, war am Anfang hart. Ich merkte, dass es Vorbereitung und Flexibilität braucht. In dieser Zeit schlief ich wenig. Als Lehrerin ist man eine öffentliche Person – und sehr verletzlich.

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Was waren Sie selbst für eine Schülerin?
Im Kindergarten wollte ich immer die Lauteste sein (lacht). Doch in der Primarschule war ich, so meine damalige Lehrerin, dann eher ruhig.

«Ich habe die Handys meiner Töchter schon aus ihren Zimmern geholt, auch wenn ich mich damit unbeliebt machte.»

Dagmar Rösler

Schüchtern wirkt Dagmar Rösler aber nicht. Eher aufgeräumt und pragmatisch. Drei ihrer Anliegen hat sie bereits in den Medien platziert: das Image der Lehrerinnen und Lehrer verbessern, Deutsch vor dem Kindergarten obligatorisch fördern und Tagesschulen in der ganzen Schweiz aufbauen. «Wir müssen zeigen, wie wertvoll unser Beitrag ist, wie viel wir Lehrerinnen und Lehrer leisten.»

Beim zweiten Punkt geht es ihr um Chancengerechtigkeit. Wer erst im Kindergarten Deutsch lernt, fällt automatisch zurück. – «Noch mehr Aufgaben für den Staat!», monieren Röslers Kritiker. Doch sie bleibt überzeugt, will Ärzte und Elternberatungen mit ins Boot holen, damit Kinder ohne Deutschkenntnisse auch früh erkannt werden.

Röslers drittes Anliegen beruht auf persönlicher Erfahrung: Ihre Töchter sind heute 13 und 15 Jahre alt. «Eine Tagesschule hätte ich als berufstätige Mutter gut gebrauchen können!» Stattdessen spannte sie Grossmütter und Nachbarinnen ein, «und rannte oft über Mittag nach Hause, um schnell etwas auf den Tisch zu stellen». Da gebe es in vielen Regionen der Schweiz noch Nachholbedarf, so Rösler.

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«Eine Tagesschule hätte ich als berufstätige Mutter gut gebrauchen können!»

Kurt Reichenbach

Beschweren sich Ihre Töchter zu Hause über die Lehrer?
Das kommt schon mal vor, obwohl beide grundsätzlich gerne zur Schule gehen. Solange es um Bagatellen geht, halte ich mich bewusst raus.

Heutzutage greifen Eltern eher schneller ein, wenn sich ihre Kinder ungerecht behandelt fühlen.
Bei gravierenden Problemen ist das auch absolut richtig. Schädlich ist, wenn Eltern zu Hause aus Prinzip schlecht über die Schule reden.

Wollen Sie, dass Lehrer wieder unantastbare Autoritäten werden?
Überhaupt nicht. Aber man muss sie ihre Arbeit machen lassen. Schulqualität bedeutet, dass die Lehrer eine gute Beziehung zu den Kindern aufbauen. Aber sie führen auch Klassen mit mindestens 20 Schülerinnen und Schülern gleichzeitig – da kann man nicht jedem jederzeit seine persönlichen Wünsche erfüllen.

Dass sie selbst Lehrerin werden möchte, war Dagmar Rösler früh klar. «Ich habe im Dorf oft Kinder gehütet.» Heute noch unterrichtet sie jeden Dienstagmorgen in Bellach SO. Eine vierte Klasse, Deutsch und Sport. Zweimal löste Rösler in ihrer Karriere einen älteren Mann mit Schnauz ab: 2010 den Präsidenten des Solothurner Lehrerverbands, 2019 dann den Präsidenten des Schweizer Lehrerverbands. Ein Amt mit viel Medienpräsenz, emotionale Themen gibt es schliesslich genug.

Die heutigen Schüler wachsen mit der Digitalisierung auf. Gibt es bei Ihnen zu Hause ein Handyverbot?
Meine Töchter müssen die Geräte über Nacht abstellen. Und ich habe die Handys schon aus ihren Zimmern geholt, auch wenn ich mich damit unbeliebt machte. Grundsätzlich versuchen wir, einfach zu zeigen: Das Leben findet auch noch woanders statt!

Und klappt das?
Meistens, aber natürlich haben wir immer wieder Diskussionen darüber. Mit der Zeit verliert das Handy an Reiz. Letztlich müssen es die Jugendlichen in ihr restliches Leben einordnen können. So wie wir Erwachsenen auch.

Dagmar Rösler

Als Präsidentin des Lehrerverbands vertritt Dagmar Rösler 50'000 Deutschschweizer Lehrerinnen und Lehrer. Ihr Vater war Binnenschiffskapitän, ihre Mutter Krankenschwester. Rösler lebt mit ihrer Familie in Oberdorf SO.

Zum restlichen Leben gehört für Rösler auch ein Vierbeiner: das Schweizer Warmblut Atlantic, elf Jahre alt. Ihre Töchter hat sie schon mit dem «Pferdevirus» angesteckt. «Es tut mir gut, ab und zu in dieser komplett anderen Welt unterwegs zu sein.»

Lehrer, so das Klischee, sind oft nur mit anderen Lehrern befreundet.
Es stimmt, dass viele unter sich bleiben. Vielleicht, weil sie sich da keine dummen Sprüche anhören müssen.

Der Lehrermangel ist akut. Was kann man dagegen tun?
Wir müssen mehr Aufstiegschancen schaffen. Und zeigen, wie interessant, abwechslungsreich und anspruchsvoll dieser Beruf ist. Denn für die Zukunft brauchen wir weiterhin geeignete Leute – auch Männer.

Ist Ihr Mann auch Lehrer?
Nein, er arbeitet im IT-Bereich. Ich bin froh, dass er in Schulfragen ein Aussenstehender ist und einen etwas anderen Blick auf die Dinge hat.

Wie meinen Sie das?
Seine Perspektive relativiert die hohen Ansprüche, die von allen Seiten an die Schule gestellt werden. Zur Erinnerung: Man lernt auch nach der Schulzeit noch dazu im Leben. Deshalb ist mein Rat an alle manchmal einfach: Entspannt euch!

Von Lynn Scheurer am 23.02.2020
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