1. Home
  2. Family
  3. Weihnachten: Neue Traditionen dank Corona-Massnahmen

Romina weiss Rat

Das Coronajahr als Chance fürs Weihnachtsfest

Weihnachten ohne Streitigkeiten und ohne nervige Verwandte? Familienexpertin Romina Brunner sieht im Corona-Jahr eine Chance für Familien, die mit alten Mustern brechen wollen.

Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker

Familienexpertin Romina Brunner wird im kleinen Rahmen Weihnachten feiern.

ALL RIGHTS RESERVED
Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Es gab Zeiten, da waren Weihnachten bei uns in der Familie voller Gefühle und positiver Emotionen. Doch seit mein Schwager mit seiner neuen Frau dabei ist, ist nichts mehr wie es war. Ich kann ihn nicht ausstehen. Er dominiert die Familie, ist laut und reisst dämliche, primitive Witze. Ich habe null Bock mit ihm zu feiern, traue mich aber nicht, ihn auszuladen. Mein Mann fühlt ähnlich, doch es ist sein Bruder. Wie können wir damit umgehen? – Lilly

Mehr für dich

Liebe Lilly

So manches Leid Covid19 diese Jahr brachte, kann ich dem Coronavirus auch hin und wieder einen positiven Nebeneffekt abgewinnen. So auch im Hinblick auf die Festtage. Noch nie war es so einfach, auf die traditionelle Weihnachtsfeier zu verzichten und mit Verweis auf die aktuellen Empfehlungen des BAG unliebsame Gäste von der Liste zu streichen. Es ist für viele eine Chance, die Weihnachtsfeier nach eigenem Gusto zu formen.

Fragt Romina!

Habt ihr auch ein Thema, das euch beschäftigt? Dann schreibt ein Mail an romina@schweizer-illustrierte.ch

Ein Anruf oder auch eine SMS an den unlieben Schwager und du bist deine Sorgen los. «Lieber Schwager und Familie. Aufgrund der Corona-Empfehlungen des Bundes verzichten wir dieses Jahr auf die Weihnachtsfeier im herkömmlichen Stil. Wir feiern im kleinen Rahmen, danke für euer Verständnis. Gruss, Lilly». Wie klingt das für dich? Oder ihr feiert nur mit den Grosseltern. Es ist sowieso dringend empfohlen, dass sich nicht mehr als zwei Haushalte gleichzeitig treffen. Durch die reduzierte Anzahl an Gästen, vermindert sich schliesslich das Ansteckungsrisiko, ihr könnt den geforderten Abstand besser einhalten und beim Essen auch die Maske abnehmen.

Vorschlag der Familientherapeutin: Weihnachten einfach neu denken!

Liebe Lilly, es ist ein trauriger Fakt, dass die Feiertage für viele Familien mehr Stress als Bereicherung bedeuten. Laut Umfragen der American Psychological Association APA klagen 61 Prozent der Befragten über Beziehungsprobleme an den Festtagen. Über ein Drittel sind an Weihnachten gar öfters verärgert und wütend.

Für Familientherapeutin Martina Rissi ist es ohnehin an der Zeit, die traditionellen Familienfeste zu hinterfragen. «Es macht für mich wenig Sinn, einer Tradition zuliebe Weihnachten Jahr für Jahr mit Menschen zu feiern, mit denen man sich wenig bis gar nicht versteht und mit denen man das Jahr hindurch nicht freiwillig Zeit verbringen möchte.»

Folgende Tipps könnten ebenfalls helfen:

1. Das Problem beim Namen nennen

Warum sprichst du nicht mal mit deinem Schwager? Vielleicht merkt er ja gar nicht, dass er im Beisein seiner Geliebten zum Gockel wird. Noch besser ist es, wenn dein Mann diesen Part übernimmt oder ihr gemeinsam mit eurem ihm redet. Wie wäre es, wenn ihr um ein kurzes Gespräch bittet und eure Gefühle offenlegt? «Könntest für einmal an Weihnachten auf das Witzeln verzichten? Gerade in Bezug auf die Kinder sind deine Sprüche oft deplatziert. Ich stehe nicht so drauf und bin dir dankbar für dein Verständnis.» Falls er verständnislos reagiert, bleibt hart: «Schau, uns ist das wichtig. Und in unserem Haus gelten unsere Regeln. Falls sie dir nicht passen, musst du nicht kommen.»

2. Die Sitzordnung trägt zur Stimmung bei

Laut Familientherapeutin Martina Rissi eignet sich in deiner Situation auch die systemische Tischordnung, die besagt, dass jedes Familienmitglied seinen festen Platz hat und diese Sitzordnung möglichst immer eingehalten wird. Ich erkläre sie dir jetzt einfach mal, als hätten wir ein normales Jahr - behalte aber im Hinterkopf, dass dringend empfohlen ist, an Weihnachten nicht mehr als zwei Haushalte zu vereinen.

In der coronafreien Umsetzung sieht die systemische Tischordnung folgendermassen aus: Dein Mann sitzt zu deiner Rechten, die Kinder zu deiner Linken. Sind es mehrere Kinder, sitzt das älteste neben dir, dann geht es dem Alter nach bis zum jüngsten. Ihr bildet als Gastgeber sozusagen den Anfang der Sitzaufstellung. An welcher Seite des Tischs ihr diese Rangordnung beginnt, ist nicht elementar. Wichtiger ist, dass nach euren Kindern die Grosseltern folgen, sofern diese mit dabei sind. Danach folgt dein Schwager, seine Frau und wiederum deren Kinder entsprechen dem Alter. Rissi: «Ich empfehle jedoch trotz Theorie eine gewisse Lockerheit: Sitzen die Streithähne in dieser Abfolge sehr nahe zusammen, weil es mit der Tischform nicht anders möglich ist, kann die Reihenfolge zwischen den Grosseltern und dem Bruder auch getauscht werden. Das Wohlgefühl geht immer vor, sprich, dass die Betroffenen die Distanz wahren können.»

3. Man darf sich Rückendeckung holen

Laut Rissi ist es in vertrackten Kombinationen wichtig, stärkende Menschen um sich zu haben. Das sind Menschen, die dich unterstützen und deine Emotionen fühlen. Und die eingreifen können, sollte ein Moment zu entgleisen drohen. Rissi: «Im Idealfall wissen diese Personen auch, wie sie solche Momente abwehren können. Beispielsweise mit einem neuen Gesprächsthema.» Falls die unterstützende Person nicht der eigene Partner oder die eigene Partnerin ist, sollte auch hier die Tischordnung entsprechend verändert werden.

4. Themenwahl für die Gespräche

Das Wort Corona würde ich an der Familienfeier tunlichst vermeiden. Das Thema entzweit Freunde, Paare und Familien. Gleichviel Zündstoff bietet auch die Politik. Lasst doch stattdessen mehr die Kinder erzählen oder wählt unverfängliche Gesprächsthemen. Das Wetter, die Schule, das Essen.

 

5. Kurz und gut

An deiner Stelle würde ich auch das Zeitfenster für die Feier möglichst eng planen. Je kürzer, desto besser. Das gilt ja auch mit Seitenblick auf Corona. Du kannst auch zwischen Hauptgang und Dessert eine Verschnaufpause einplanen und alle auf einen Spaziergang schicken.

Liebe Lilly, ich hoffe sehr, dass du die Gelegenheit nutzt, die das Coronavirus dir bietet: Deine Weihnachtsfeier neu zu definieren und neu zu geniessen. Vielleicht ja sogar im ganz kleinen Rahmen, ganz ohne unliebsame Gäste.

Frohe Adventstage!

Herzlichst,
Romina

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Von Romina Brunner am 20.12.2020
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer