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10 Jahre Mama, 20 Jahre Olympiagold und 50. Geburtstag

2026 ist Tanja Friedens Jahr der Jubiläen

Es ist ihr Jahr der Jubiläen: Seit 10 Jahren Mutter, vor 20 Jahren Olympia- Gold im Boardercross – und jetzt feiert Tanja Frieden ihren 50. Geburts­tag. Die SI-Kolumnistin zeigt, wie sie tickt, wo sie lebt und was sie liebt.

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<p>SI-Kolumnistin Tanja Frieden war Lehrerin und Präsidentin der Schneesportinitiative. Nun tüftelt sie an einem Schulkonzept für Selbstregulation und Lernfreude.</p>

SI-Kolumnistin Tanja Frieden war Lehrerin und Präsidentin der Schneesportinitiative. Nun tüftelt sie an einem Schulkonzept für Selbstregulation und Lernfreude.

Kurt Reichenbach

Die Kurve ist eng zwischen Cheminéeofen und Esstisch. Tanja Frieden geht auf ihrem Snakeboard in die Knie und flitzt zwischen den Hindernissen hindurch. Aus der Küche schiesst ihr Sohn Luam auf einem Surfbrett mit Rollen heran, mitten im Raum steht ihr Mann Marc auf einem Balance-Board. Einen Moment lang scheint eine Kollision vorprogrammiert. Doch die ehemalige Profi-Snowboarderin und ihre Männer grinsen sich nur frech an und weichen einander geschickt aus. Sie bewegen sich täglich mit fahrbaren Untersätzen durch ihr Haus und wissen genau, wie viel Spielraum sie haben.

<p>Wohnküche oder Skatepark? Tanja Frieden bewegt sich mit Ehemann Marc Ramseier und Sohn Luam rasant durchs Haus <br /> am Thunersee.</p>

Wohnküche oder Skatepark? Tanja Frieden bewegt sich mit Ehemann Marc Ramseier und Sohn Luam rasant durchs Haus
am Thunersee.

Kurt Reichenbach

Hier, zuoberst auf dem Strättlighügel mit Blick über den Thunersee, ist Tanja Frieden aufgewachsen. Vor einigen Jahren hat sie ihr Elternhaus übernommen und zum Plusenergiebau umgebaut. Sie wohnt mit ihrer Familie in den oberen zwei Stockwerken, das Erdgeschoss ist vermietet.

Der Wohnraum wirkt wie eine Mischung aus Dschungel und Gym. In der Mitte steht ein Trampolin, von einem Balken hängen Turnringe, und daneben bilden Lianen einen natürlichen Fallschutz für die Treppe. Die getrockneten Pflanzenstränge hat die reiselustige Familie aus Indonesien mitgebracht. Auch die Küchenplatte aus Onyx stammt von dort. Auf der Insel Sumbawa hat Kitesurf-Coach Marc Ramseier ein Haus gebaut. Wenn er Camps leitet, reist oft die ganze Familie mit. «Tanja war ja Primarlehrerin», sagt Marc. «Darum haben wir die Möglichkeit, Luam für solche Auslandaufenthalte aus der Schule zu nehmen.»

<p>Familie in Feierlaune: Tanja und Luam hatten schon Geburi, davon zeugen Dutzende Karten auf dem Esstisch. Marc ist als Nächster dran.</p>

Familie in Feierlaune: Tanja und Luam hatten schon Geburi, davon zeugen Dutzende Karten auf dem Esstisch. Marc ist als Nächster dran.

Kurt Reichenbach

Heliumgefüllte Ballone schweben durch den offen gestalteten Wohn- raum, an einem Balken hängt eine Girlande. «Der Februar ist unser Feiermonat», erklärt Tanja. «Wir haben alle drei kurz nacheinander Geburts-tag und lassen die Dekoration jeweils hängen, bis alle durch sind.» Am 30. Januar wurde Luam zehn Jahre alt, Marc feiert Ende Februar seinen 52. Geburtstag. Tanja liegt mit ihrem Ehrentag dazwischen – dieses Jahr ein runder! Am 6. Februar wurde sie 50 Jahre alt. «Eine krasse Zahl», sagt sie. «Da wird einem bewusst, dass man vermutlich mehr Lebenszeit hinter sich hat als vor sich.» Angst mache ihr diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil. Sie fühle sich vor allem dankbar. «Über das Alter zu jammern, käme mir nicht in den Sinn. Ich sehe es als Privileg. Viele Menschen haben es nicht bis dahin geschafft.»

2026 ist ein wahres Jubiläumsjahr für Tanja Frieden. Vor 30 Jahren stieg sie in den Weltcup ein, vor 20 Jahren gewann sie Olympia-Gold im Boardercross. Und 2016 wurde sie Mutter. «Ich mag diese Zehnerschritte», sagt sie. «Nach jeder Dekade ist in meinem Leben etwas wegweisend Gutes passiert.»

Von allen Meilensteinen habe die Mutterschaft sie am stärksten geprägt. «Früher war ich sehr leistungsorientiert unterwegs. Mit Luams Geburt entdeckte ich eine neue Weiblichkeit und Sanftheit in mir.» Sie liebt es, ihrem Sohn aus Büchern vorzulesen, auch wenn er längst selbst zur Leseratte geworden ist – davon zeugt ein Regal voller Kinderbücher neben dem Sofa. Er wiederum schätzt die wilde Seite seines «coolen» Mamis. Eines seiner Lieblingsspiele heisst «Wolf und Fuchs». Das bedeutet: Mutter und Sohn raufen wie Wildtiere.

<p>Wie die Mutter, so der Sohn? In Luams verspielter Art erkennt sich Tanja. «Er ist aber auch sehr pünktlich und regeltreu, das hat er nicht von mir.»</p>

Wie die Mutter, so der Sohn? In Luams verspielter Art erkennt sich Tanja. «Er ist aber auch sehr pünktlich und regeltreu, das hat er nicht von mir.»

Kurt Reichenbach

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Tanja Frieden bis heute in erster Linie «die Olympiasiegerin». Ihren «Plämpu», wie die Bernerin ihre Goldmedaille nennt, bewahrt sie mit weiteren Trophäen in einer Vitrine auf. Ein Erinnerungsstück, das gemischte Gefühle weckt: Stolz auf die eigene Leistung. Aber auch Frust, weil ihr Triumph nach dem Sturz einer Konkurrentin nach «Zufallssieg» aussah.

Vielleicht auch deswegen weigert sie sich bis heute, sich nur über diesen Erfolg zu definieren. «Ein Titel zeigt, was man erreicht hat, nicht wer man ist.» Diese Haltung möchte sie auch ihrem Sohn mitgeben. «Ich frage ihn nie, was er einmal werden will. Er ist ja schon jemand. Ich frage: Was willst du machen?» Darauf weiss Luam noch keine Antwort. Snowboarden jedenfalls nicht, er fährt lieber Ski. Sportlich könnte es aber werden. Sein Lieblingsfach ist «Schutte in der grossen Pause».

<p>Spätfolge: Die Snowboarderin therapiert ihren Bandscheibenvorfall mit Biokinematik – ­Mobilisieren und Dehnen der Rumpfmuskulatur.</p>

Spätfolge: Die Snowboarderin therapiert ihren Bandscheibenvorfall mit Biokinematik – Mobilisieren und Dehnen der Rumpfmuskulatur.

Kurt Reichenbach

Neben der Wohnküche führt ein Durchgang in den Arbeitsbereich des Hauses. Als Coach für Energie und Identitätsarbeit bestreitet Tanja das Haupteinkommen der Familie. «Ich begleite Führungskräfte und Menschen, die mehr Gelassenheit suchen.» In ihrer FriedensAcademy beschäftigt sie acht Mitarbeitende – auch ihren Mann. «Marc kümmert sich um die Finanzen und die Buchhaltung.»

Vor sechs Jahren haben die beiden Ja zueinander gesagt. Dem verflixten siebten Ehejahr blicken sie gelassen entgegen. «Wir sind uns bewusst, dass eine Beziehung nicht von selbst im Lot bleibt – besonders nicht, wenn man zusammen lebt, arbeitet, erzieht und reist», sagt Tanja.

<p>«Ein Gruss meiner Mutter …» Tanja Frieden staunt mit ihrer Familie über einen Regenbogen vor dem Haus, das ihre Eltern einst bauten. «Meine Enkel zu erleben, wäre schön. Das war meinen Eltern nicht vergönnt»</p>

«Ein Gruss meiner Mutter …» Tanja Frieden staunt mit ihrer Familie über einen Regenbogen vor dem Haus, das ihre Eltern einst bauten. «Meine Enkel zu erleben, wäre schön. Das war meinen Eltern nicht vergönnt»

Kurt Reichenbach

Für 2026 hat sich das Paar vorgenommen, jeden Monat zu zweit etwas Schönes zu erleben. «Mal sehen, wie gut uns das gelingt. Den Januar müssen wir auf jeden Fall schon nachholen», resümiert sie lachend.

Auch die grosse Geburi-Party steht noch an. Ihre 50 Lebensjahre will Tanja Frieden im Sommer gebührend und mit vielen Wegbegleitern feiern.

Von Sylvie Kempa («Schweizer Illustrierte») am 27. Februar 2026 - 12:00 Uhr