Lily sitzt in der Babyschaukel und schaut ihren Eltern zu. Moderatorin Alexandra Maurer (43) und ihr Mann Greg Sadlier (45) stehen am Fenster. Sie versuchen zu erkennen, ob sich der Zürcher Unterländer Nebel noch lichten wird für einen Spaziergang. Plötzlich sagt Lily laut: «Dadadada!» Fast als meinte sie «Daddy». Greg strahlt, Alexandra seufzt amüsiert. «Sag Mama, mein Schatz. Ma-ma-ma.» Sie formt die Silben deutlich mit ihren Lippen. Doch Lily bleibt dabei: «Dadadada!»

Empathie und Menschlichkeit des Pflegepersonals im Zürcher Unispital beeindruckten Maurer. Sie schaut voller Dankbarkeit zurück.
Ellin AndereggEin kleiner Moment des perfekten Glücks. Doch der Schein trügt. Hinter der Familie liegen herausfordernde Monate. Am Tag von Lilys Geburt wäre Alexandra Maurer um ein Haar gestorben. Seither kämpft sie um ihr Leben.
Chronologie eines Albtraums
Donnerstag, 12. Juni 2025 – ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Alexandra Maurer ist früh wach und etwas aufgeregt. Die Geburt ihrer zweiten Tochter ist als Kaiserschnitt geplant – ganz bewusst. Bei Amélies Geburt sechs Jahre zuvor litt sie an einer Placenta accreta. Der Mutterkuchen wuchs ungewöhnlich tief in die Gebärmutterwand ein und löste sich nach der Entbindung nicht von selbst – eine lebensgefährliche Situation. Das will Alexandra kein zweites Mal erleben.
Um sechs Uhr steht das Taxi vor der Tür, um die werdenden Eltern ins Zürcher Unispital zu bringen. «Amélie war noch im Tiefschlaf. Als ich schon im Auto sass, hatte ich plötzlich das starke Gefühl, noch einmal zu ihr zurückgehen zu wollen, um ihr zu sagen, dass ich sie lieb habe», erinnert sich Alexandra. «Im Nachhinein betrachtet habe ich da vielleicht gespürt, dass ich lange nicht mehr nach Hause kommen werde.»
Die Geburt verläuft trotz Sorgen zunächst unkompliziert. Nach wenigen Minuten legt eine Hebamme Alexandra Maurer ihre Tochter auf die Brust. «Sie hatte viele dunkle Haare und sah so herzig aus. Wir waren richtig in Feierlaune!», erinnert sich Greg. «Aber dann änderte sich die Situation plötzlich drastisch.» Alexandra spürt als Erste, dass etwas nicht stimmt. «Ich weiss noch, wie ich nach Gregs Hand griff. Mir war eiskalt.» Dann verliert sie das Bewusstsein.
Das medizinische Team reagiert sofort. Wieder sorgt eine Placenta accreta für grossen Blutverlust. Maurer wird umgehend notoperiert. «Ich bin ein rationaler Mensch, und weil ich wusste, dass man auf diesen Fall vorbereitet war, machte ich mir nur im normalen Rahmen Sorgen», erinnert sich Greg, Wirtschaftsexperte für Luft- und Raumfahrttechnik. Doch es gelingt nicht, die Blutung zu stoppen. Die Operation dauert an. Ein Arzt informiert Greg regelmässig. «Er sprach in Farben. Alexandras Zustand war rot oder orange. Nie grün.» Irgendwann bemerkt Greg Blutspritzer auf den Schuhen des Arztes. Zu diesem Zeitpunkt hat Alexandra Maurer mehr als fünf Liter Blut verloren und ein Multiorganversagen erlitten. Erst jetzt begreift ihr Mann die Tragweite der Situation. «Die Möglichkeit, dass ich als alleinerziehender Vater zweier Töchter das Spital verlassen werde, war plötzlich real.»
Alexandra Maurer schrammt haarscharf am Tod vorbei. Nur die Entfernung der Gebärmutter kann nach sieben Stunden im Operationssaal ihr Leben retten. Als sie eineinhalb Tage später aus dem Koma erwacht, auf der Intensivstation, voller Schläuche und mit unsäglichen Schmerzen, sitzt Greg mit Lily an ihrem Bett. Der Kleinen geht es gut, sie ist gesund.
Alexandras Genesung verläuft nicht linear. Es kommt zu weiteren Komplikationen: eine Lungenembolie, Wasser auf der Lunge, Nieren, die ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. «Ich durfte Lily nicht stillen. Die Medikamente, die ich zum Überleben brauchte, wären für sie giftig gewesen.» Während sie erzählt, bestellt Lily fast auf Kommando ihren Schoppen – durch Quengeln und Strampeln. Es ist das einzige Mal an diesem Nachmittag, dass sie sich unzufrieden zeigt. «Lily war von Anfang an ein einfaches Baby. Sie schläft durch und ist immer happy», sagt Greg. «Das ist wirklich erstaunlich. Ich frage mich, ob sie instinktiv gespürt hat, dass wir bereits belastet genug sind.»
Nach ein paar Tagen darf Greg seine neugeborene Tochter mit nach Hause nehmen. Er installiert ein Babyfon, so kann seine Frau den Kindern vom Spital aus zuschauen. Einmal schaltet sie sich ein, als Amélie ihrer kleinen Schwester den «Demon Hunters»-Hit «Golden» vorsingt. «Das war unglaublich berührend», erzählt sie. «Aber ich habe auch gesehen: Mein Mann kann das. Der Alltag meiner drei Liebsten würde auch ohne mich gut funktionieren. Diese Erkenntnis war zugleich schön und hart.»
Manchmal hat Alexandra Maurer, während sie erzählt, Tränen in den Augen. «Warum weinst du?», fragt Amélie dann ihre Mama. «Es sind Freudentränen, mein Schatz. Ich bin so froh, dass ich euch habe.»
«Die Ärzte wussten nicht, ob ich überlebe»
Amélie weiss, was passiert ist. Am Anfang versuchten ihre Eltern, sie abzuschirmen. «Aber ich habe schnell begriffen, dass es Amélie mehr belastet, ihre Mama nicht zu sehen, als wenn man sie altersgerecht einbezieht», sagt Greg. Bevor das Mädchen seine Mutter zum ersten Mal besucht, entfernt das medizinische Personal sorgsam einige der Kanülen und Schläuche. Die Eltern erklären Amélie, dass eine Geburt nichts ist, wovor man sich fürchten muss – manchmal dauert es einfach etwas länger, bis man sich davon erholt. «Wir wollen vermeiden, dass sie durch die Ereignisse Ängste entwickelt.»
Rückkehr und Rückschlag
Der Nebel lichtet sich an diesem Tag nicht mehr. Die Familie will dennoch kurz Frischluft tanken. «Nimmst du mir Lily ab?», fragt Alexandra ihren Mann. Sie hat mittlerweile genug Kraft, die Kleine aus der Babyschaukel hochzuheben. Doch während des Gehens kommt sie ausser Atem, sobald sie zusätzliches Gewicht trägt.
Am 12. Juli, genau einen Monat nach der Geburt, darf Alexandra Maurer das Spital verlassen. Gesund ist sie noch nicht. Sie muss täglich Medikamente nehmen, eine Physiotherapie besuchen und auch mental das Geschehene verarbeiten. Deshalb macht sie die neue Kurzatmigkeit zunächst nicht stutzig. Erst als ihr sogar im Sitzen die Luft ausgeht, begibt sie sich ein weiteres Mal zur Abklärung ins Spital.
Die Untersuchungen zeigen, dass ihr Körper auf die enorme Belastung der vergangenen Wochen mit einem diffusen Herzinfarkt reagiert. Die Pumpleistung ihres Herzes liegt zu diesem Zeitpunkt bei nur noch 30 Prozent – ein lebensbedrohlicher Zustand, der medikamentös stabilisiert werden kann. Einen Herzschrittmacher braucht sie vorerst nicht. Doch Alexandra Maurer lebt seither mit einer neuen Ungewissheit: «Herzinsuffizienz bedeutet, du könntest theoretisch einschlafen und einfach nicht mehr aufwachen.»
Liebe in Zeiten der Krise
Auch die Liebe kam nicht ungeschoren davon. Nach zehn Jahren Beziehung erleben Alexandra und Greg eine neue emotionale Tiefe – nehmen aber auch erstmals eine Paartherapie in Anspruch. «Unser Leben glich in den vergangenen Monaten einer Achterbahnfahrt. Wir sahen immer nur die nächste Kurve und wussten nicht, wie es danach weitergeht», beschreibt Greg die mentale Belastung.
Bei Alexandra kommt die körperliche Erfahrung dazu. Die Operationen haben Narben hinterlassen. Eine gut sichtbar am Hals, andere dezenter. «Ich bin stolz darauf. Es sind Kampfspuren, die meine Stärke beweisen. Aber ich muss mich auch mit meinem Körper neu anfreunden.» Verstecken will sie das nicht. «Ich weiss, wie es sich anfühlt, Geschichten mit sich zu tragen, die zu schwer erscheinen, um sie laut auszusprechen. Dieses Schweigen isoliert. Deshalb will ich Dinge beim Namen nennen.»
Aus diesem Bedürfnis heraus lanciert Alexandra Maurer Ende Januar das Projekt «Woman on a Mission». Eine Plattform, auf der Frauen ihre Schicksale teilen wollen. Im dazugehörenden Podcast hört die Moderatorin ihnen zu und arbeitet ihr eigenes Schicksal mit Fachpersonen auf.

Mikrofon-Test mit Amélie: Am 30. Januar lancierte Maurer ihren Podcast «Woman on a Mission» rund um Frauenthemen wie Geburt, Sexualität oder Wechseljahre.
Ellin AndereggTrotz allen schwierigen Erfahrungen mit ihren Geburten kann sich Alexandra Maurer vorstellen, irgendwann noch einmal Mutter zu werden. Sie und Greg haben noch einen Embryo auf Eis aus der Zeit nach der ersten Geburt, als Alexandra Maurer als unfruchtbar galt. «Ich kann und würde unseren Embryo nicht mehr selbst austragen. Aber sollten Greg und ich uns dafür entscheiden, gibt es ja andere Wege», sagt sie spitzbübisch. Ihr fröhliches Lachen ist Alexandra Maurer nicht abhandengekommen. «Der morgige Tag ist nie versprochen. Das wurde mir im vergangenen Jahr bewusst, und es wirkt wie ein Geschmacksverstärker in meinem Leben.»

