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Wenn Kinder in die Autonomie-Phase kommen...

Wie überstehen wir die «Terrible Twos»?

Sie schmeissen sich auf den Boden, gerne in der Öffentlichkeit, halten absolut nichts vom Wort «Nein» und setzen alles daran, ihren eigenen Willen durchzusetzen. In der berühmt berüchtigten Autonomie-Phasen von kleinen Kindern geraten wir gerne mal an unsere Grenzen. Wie wie heil aus der strengen Zeit kommen und wie wir die lieben Kleinen am besten unterstützen, weiss die Direktorin des Marie Meierhofer Institut für das Kind.

Kreischendes Kind

Wenn die Kinderlein in die Autonomiephase kommen, wirds für die ganze Familie streng.

Getty Images

Wir können im Leben vieles schönreden. Wenn wir aber aber in der langen Schlange vor der Supermarkt-Kasse stehen und unser Kind gerade alles zusammenschreit, weil es keine Kinderüberraschung bekommt, sich auf den Boden schmeisst und wild um sich schlägt, dann hört nicht nur unsere Geduld, sondern auch die Schönrederei auf.

Wer ein Kind hat, das so plusminus zwei Jahre alt ist oder mal war, weiss genau, wovon wir sprechen. Von der Autonomiephase oder, wie im Volksmund liebevoll genannt, den «Terrible Twos». Fakt ist, jedes Kind muss und soll unbedingt seine Grenzen ausloten, seinen Willen durchsetzen und erfahren, dass es ein eigenständiges Persönli mit eigenen Bedürfnissen und Wünschen ist. 

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Was in der Theorie ganz plausibel klingt, ist im Alltag aber nicht nur leicht zu überstehen und zu handeln. Deswegen haben wir mit Dr. phil. Heidi Simoni vom Marie Meierhofer Institut für das Kind gesprochen und wissen nun, was wirklich hilft.

«Kinder brauchen in der Autonomiephase ganz besonders viel Verständnis»

Frau Simoni, was genau ist die Autonomiephase eigentlich?
Die Autonomiephase ist sowohl für Kinder wie für Eltern anstrengend. Sie bezeichnet die Spitze einer Entwicklung, die Kinder ab Geburt bis zu einem eigenständigen Leben als Erwachsene Schritt für Schritt durchlaufen. Früher wurde sie auch «Trotzphase» genannt. Damit wird aber eigentlich nur ein Begleitsymptom beschrieben, das zudem mehr oder weniger ausgeprägt ist.

Warum ist diese wichtig für die kindliche Entwicklung?
Das Kind merkt nach und nach, dass es selber etwas bewirken und Pläne schmieden kann. Die Umsetzung von eigenen Ideen braucht jedoch Erfahrung und will gelernt sein. In der Autonomiephase erlebt das Kind die Qual der Wahl und dass es mit dem Kopf durch die Wand nicht geht. Nötig sind viel Übung und eine geduldige Begleitung.

Wann beginnt die Autonomiephase für gewöhnlich und wie lange dauert sie?
Im zweiten und dritten Lebensjahr erreicht die Ich-Entwicklung einen ersten Höhepunkt – der zweite ist dann in der Pubertät. Das Kind nimmt sich immer deutlicher als eigenständiges Wesen wahr. Es erlebt neue Gefühle und hat mehrere Wünsche gleichzeitig. Entsprechend ist es manchmal überfordert. Ab etwa vier Jahren gelingt es vielen Kindern bereits gut, mit den neu entdeckten Möglichkeiten umzugehen

trotzkind

Läuft es nicht nach dem Willen des Kindes, kann dieses ganz schön laut werden.

Getty Images

Wie können wir unsere Kinder während dieser Zeit unterstützen?
Kinder brauchen in der Autonomiephase ganz besonders viel Verständnis, Geduld und Orientierungshilfen. Die Erwachsenen können sowohl anerkennen, dass das Kind jetzt «selber will» als auch Orientierung stiften. Oft kann ein Kind bereits sehr gut zwischen zwei Möglichkeiten wählen, ist aber mit einer grösseren Auswahl noch völlig überfordert.

Und wie können wir erfolgreich Grenzen setzen?
Grenzen erfahren wir alle so oder so alltagtäglich. Das Kind braucht Erwachsene, die ihm helfen, seinen Weg zu finden und diesen mit anderen Menschen abzustimmen. Es geht also eher darum, Leitplanken zu setzen.

Kinder können in der Autonomiephase heftige Gefühle erleben. Die Kunst besteht dann darin, diese zwar mit dem Kind zusammen auszuhalten, sich aber davon nicht anstecken zu lassen. So kann das Kind erleben, dass seine Verzweiflung nicht bodenlos ist

Ein Wutausbruch in der Öffentlichkeit ist für Eltern oft unangenehm. Was für ein Verhalten empfehlen Sie?
Oh ja, das kann ein echter Spiessrutenlauf sein! Ich bewundere Mütter und Väter, die dem Kind und dem Umfeld trotzdem signalisieren können: Wir kommen zurecht, das geht vorbei. Und auch hier gilt es, Situationen so gut es geht zu vereinfachen, etwa indem man dem Kind in wenigen Worten erklärt, jetzt kaufen wir fürs Zmittag ein und du kannst mir dabei helfen, dann setzen wir uns auf die Bank und essen eine Banane oder eine Mandarine, dann gehen wir nach Hause.

Wutausbrüche von Kindern und «Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs» sind übrigens vorprogrammiert, wenn die einen oder die andern übermüde sind. Also gilt es den Tag entsprechend zu planen und sich nicht zu viel vorzunehmen. Die Autonomiephase ist an sich eine aufregende Zeit – und sie ist kein Erziehungsfehler!

 

Von Maja Zivadinovic am 2. Februar 2022 - 07:09 Uhr
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