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«Sie unterschätzen die Gefahr»

Immer mehr Jugendliche greifen zu rezeptpflichtigen Medikamenten

Im September 2021 stirbt in Bern ein 16-jähriges Mädchen an einer Überdosis Medikamente. Kein Einzelfall. Immer mehr Teenager konsumieren rezeptpflichtige Medikamente. Markus Meury von «Sucht Schweiz» erklärt, warum diese so gefährlich sind, was man als Eltern tun kann und warum jetzt die Politik gefordert ist.

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«Medikamente haben das Image des Cleanen, daher ist die Versuchung gross, Probleme mit ihnen zu beheben», sagt Markus Meury von Sucht Schweiz.

IMAGO/YAY Images

Markus Meury, der Konsum von psychoaktiven Substanzen scheint auf dem Vormarsch bei Jugendlichen, im Gegensatz zu klassischen Drogen. Sind rezeptpflichtige Medikamente die Drogen unserer Zeit?
Bei den klassischen Drogen sehen wir eine Zunahme von Kokain, der Rest bleibt eher stabil. Der Gesamtkonsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln in der Gesamtbevölkerung ist in den letzten 20 Jahren auf hohem Niveau stabil geblieben. Bei den Jugendlichen hat seit 2014 tatsächlich eine Steigerung des Konsums von Medikamenten zur Berauschung stattgefunden, vor allem unter den Buben. Das Ausmass ist allerdings noch nicht so gross, dass man von «den Drogen unserer Zeit» sprechen könnte. Aber da Medikamente das Image des «Cleanen» haben, ist die Versuchung gross, Probleme damit zu beheben, was bei suchtgenerierenden Medikamenten verheerend ist.

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In den letzten drei Jahren starben mehrere Dutzend Jugendliche an Medikamenten-Mischkonsum. Sind diese Substanzen gefährlicher als konventionelle Drogen?
Je nach Medikamententypus ist das unterschiedlich. Schmerzmittel auf Opioidbasis oder Benzodiazepine wie Xanax machen sehr schnell abhängig. Gleichzeitig werden sie von Jugendlichen oft mit Alkohol oder anderen Substanzen gemischt, was die Wirkung verstärkt und unberechenbarer macht. Sie konsumieren oft Hustensirupe auf Basis von Codein oder Dextromethorphan und mischen sie mit Limonade, was alleine meist nicht gravierend ist. Aber beim - oft vorkommenden - Mischen mit Alkohol zu einer gefährlichen Sedierung des ganzen Körpers führen kann, bis hin zu Atem- und Herzstillstand. Ein Vergleich mit anderen Substanzen ist schwierig: Heroin ist ähnlich gefährlich, Alkohol alleine ist die Haupttodesursache unter den 15- bis 24-jährigen Männern, und Tabak tötet jeden zweiten starken Konsumenten vorzeitig. Das Gefährliche bei den Medikamenten ist, dass sie vor allem akute Konsequenzen haben, wenn man sie mischt.

Wie erklären Sie sich, dass Jugendliche immer öfter zu psychoaktiven Medikamenten greifen?
Ein Grund ist sicher, dass sie die Gefahr unterschätzen, aber auch die Normalität des Konsums in der Gesellschaft. Jugendliche orientieren sich viel stärker an den Normen der Gesellschaft als man denkt. Weiter ist der Medikamentenkonsum in der internationalen Hiphop-Szene weit verbreitet und wird auch von einigen entsprechenden Stars besungen. Und vielleicht gibt es auch einen Zusammenhang mit dem in den letzten Jahrzehnten zunehmenden Druck, der auf den Jugendlichen lastet, sei es in der Schule, beim Einstieg ins Arbeitsleben, oder auch der Druck, in den Sozialen Medien immer präsent sein zu müssen.

Offenbar scheinen Jugendliche sehr leicht an diese Substanzen zu kommen - sie werden via Chat oder Instagram verkauft. wie kann das sein?
Das Internet, speziell die sozialen Medien, sind noch immer praktisch ein rechtsfreier Raum. Regeln und Jugendschutz existieren kaum. Die Gesellschaft muss sich diesem Problem annehmen. Die technischen Mittel existieren, aber man muss sie auch anwenden wollen. Die Kräfte, die dann sofort eine Einschränkung unserer «Freiheit» wittern, sind aber leider stark.

«Medikamentenkonsum ist Ausdruck einer Not oder aber die Suche nach dem Kick. Nöte müssen früh gemeinsam angegangen werden, sei es mit konkreten Problemlösungen, verbessertem Beistand oder zum Beispiel mit Entspannungstechniken bei Ängsten.»

Wie kann man als Eltern merken, dass das Kind Medikamente und/oder Drogen konsumiert?
Das ist wie bei jeder Abhängigkeit: Andere Interessen und Pflichten wie Schule oder Aufgaben werden nicht mehr wahrgenommen, es gibt einen Rückzug, oft auch Geheimniskrämerei. Bei Medikamentenkonsum werden viele Jugendliche auch apathisch.

Wie soll man darauf reagieren?
Wichtig ist, keine Vorwürfe zu machen, sondern auszudrücken, dass man sich Sorgen macht. Wenn nötig sollte man auch professionelle Beratung suchen. Sucht Schweiz hat einen Ratgeber für Eltern herausgegeben, der zeigt, was hinter dem Konsum steckt und wie Eltern das Gespräch suchen können.

Wie kann man vorbeugen?
Medikamentenkonsum ist Ausdruck einer Not oder aber die Suche nach dem Kick. Nöte müssen früh gemeinsam angegangen werden, sei es mit konkreten Problemlösungen, verbessertem Beistand oder zum Beispiel mit Entspannungstechniken bei Ängsten. Auch Sport hat hier eine hervorragende Wirkung. Das gilt auch für die Suche nach dem Kick. Viele Jugendliche brauchen Kitzel und Abenteuer, Eltern können helfen, dies in gesunden Bahnen auszuleben. Studien zeigen klar, dass Jugendliche viel seltener schädliche Substanzen konsumieren wenn sie ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Eltern haben, und wenn die Eltern wissen, was die Jugendlichen in ihrer Freizeit tun und mit wem. Auch wenn man denkt, dass sie nicht mehr auf die Eltern hören, sind das Verhältnis und gemeinsam erarbeitete Regeln weiterhin extrem wichtig. Einfluss hat zudem das Vorbild der Eltern: Wie gehen wir selber mit Problemen, Schmerzen oder Bedürfnissen um? Jugendliche kennen oft nur die Lösungsstrategien der Eltern.

In der Suchtprävention (und in der Schule, wenn sie denn dort überhaupt stattfindet) liegt der Fokus immer noch auf Rauschgift und Alkohol. Warum reagieren wir in der Schweiz so langsam auf solche Trends?
Viele Mühlen mahlen in der Schweiz langsam, was in gewissen Bereichen ein Vorteil ist, in anderen eher ein Nachteil. Ein grosses Problem dabei ist das Fehlen von regelmässigen epidemiologischen Daten: Die Schülerstudie «Health Behaviour in School-aged Children» findet nur alle vier Jahre statt, und die Schweizerische Gesundheitsbefragung unter den Bewohnern ab 15 Jahren gar nur alle fünf Jahre. Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2017 resp. 2018, und neue Zahlen werden erst im 2023 vorliegen. Eine echte Prävention in einer sich schnell ändernden Suchtlandschaft wird damit verunmöglicht. Und in der Politik scheint die Angst vor «Freiheitsverlust» bei Massnahmen noch immer stärker zu sein als die Sorge um unsere Jugend.

Der Eltern-Ratgeber zum Thema Medikamentenkonsum von Sucht Schweiz kann hier gratis bestellt werden

Addiction Suisse. Lausanne - Vaud.

Markus Meury von Sucht Schweiz: «Jugendliche kennen oft nur die Lösungsstrategien der Eltern.»

Olivier Wavre
Von Sandra Casalini am 14. April 2022 - 08:05 Uhr
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