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Romina weiss Rat

Was man gegen Eifersucht aufs Geschwisterchen tun kann

Die Geburt eines Geschwisterchens ist für Kinder ein einschneidendes Erlebnis. Was hilft, damit keine Eifersucht entsteht, weiss unsere Familienexpertin Romina Brunner.

Ein Geschwisterkind kommt zur Welt

Ein unvergesslicher Moment: Wenn aus einem Einzelkind ein grosses Geschwisterkind wird.

Getty Images
Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Seit der Geburt unseres Sohnes vor zwei Monaten ist unsere zweijährige Tochter nicht wiederzuerkennen. Sie ist launisch und agressiv, vor allem gegen ihre Mutter. Sie beisst sie und ist ein richtiges Biest. Ganz besonders, wenn ich die Woche durch am arbeiten bin. Was können wir tun? – Roger

Lieber Roger

Du befindest dich als Vater in einer schwierigen Situation. Du möchtest deine Frau entlasten, deine Tochter trösten, doch es klappt nicht wirklich, weil du spürst, dass deine Tochter eigentlich ihre Mama braucht. Darum richtet sich ihre Wut auch primär gegen die Mutter und nicht gegen dich.

Fragt Romina!

Habt ihr auch ein Thema, das euch beschäftigt? Dann schreibt ein Mail an romina@schweizer-illustrierte.ch

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Stell dir einmal vor: Da hast du dein ganzes Kinderleben lang deine Eltern für dich alleine und nun kommt ein winzig kleines Ding namens Bruder in dein Leben und nichts ist mehr wie es war! Der Kerli kann nicht reden und nicht spielen und hängt fast ununterbrochen an der mütterlichen Brust. Er darf schreien ohne Konsequenzen und sogar bei der Mutter im Zimmer schlafen! Wie, lieber Roger, soll ein zweijähriges Mädchen das verstehen?

Deine Tochter konnte nicht mitentscheiden, ob sie grosse Schwester werden will. Sie wurde nicht vor die Wahl gestellt. Und einen eigenen Geschwisterwunsch entwicklen Kinder meist erst im Alter von vier oder fünf Jahren. Das solltest du immer bedenken.

«Überdenke, wie du deine Tochter wahrnimmst und über sie sprichst»

Ich finde es recht heftig, dass du deine Tochter als Biest bezeichnest. Sie ist ein kleines Persönchen, das die Situation, in der es sich befindet, nicht versteht. Sie gibt nur ihren Gefühlen Ausdruck. Darauf mit abwertender Haltung zu reagieren, verschlimmert die Situation.

Das Beissen einfach so zu akzeptieren, dazu rate ich euch jedoch auch nicht. Beissen ist ein Tabu, das dürft ihr eurer Tochter respektvoll vermitteln. Du kannst vielleicht sagen: «Stopp! Beissen, das machen wir nicht. Ich kann ja verstehen, dass du wütend bist, doch beissen toleriere ich nicht, das tut weh!»

Was die Bezeichnung «Biest» angeht, möchte ich jedoch einen wichtigen Punkt hervorheben. Es gibt einen Erziehungsgrundsatz, den sich Eltern merken sollten: Egal, was ein Kind macht, egal, wie schrecklich es sich verhält – das Kind IST nicht so, es VERHÄLT sich nur so. Und dafür gibt es Gründe, die wir Eltern zu verstehen versuchen sollten.

Kinder brauchen ein Gefühl der Akzeptanz und Zuneigung

Auch Sozialpädagogin Carmen Lahusen weist darauf hin, welch grosser Einschnitt im Leben eines Erstgeborenen die Geburt seines Geschwisterchens bedeutet. Umso mehr, wenn es noch recht klein ist und noch keine komplexen verbalen Erklärungen versteht. «Was es aber immer versteht, ist das gesamte Spektrum der nonverbalen Sprache. Und diese spricht in Stresssituationen der Eltern Bände», sagt Lahusen.

Ein Kind spüre jeden Hauch von Ungeduld und Ärger und fühle sich rasch abgelehnt und verlassen, was es wiederum mit Aggression zu kompensieren versuche. «Folglich ist es gerade in der Situation einer Zweijährigen wichtig, ihr ein Gefühl von Akzeptanz und Zuneigung zu vermitteln», so Lahusen. Dazu brauche es nicht viel: Ein freundlicher Blick, ein nettes Wort oder ein Lächeln.

So schaffen Eltern Zeitinseln für die Erstgeborenen

Die Sozialpädagogin empfiehlt, sogenannte Zeitinseln zu schaffen, in denen sich ein Elternteil zu 100 Prozent um das Ältere kümmert, Geschichten vorliest, mit ihm spielt oder kuschelt. Dabeil gilt: Lieber mehrere kurze, intensive Momente mit klaren Abschlüssen als dauerndes, desinteressiertes oder sogar genervtes Interagieren, so Lahusen. Dies gelte für beide Elternteile, je nach zeitlicher Möglichkeit.

Die Grosseltern mit einzubeziehen, kann helfen

Lieber Roger, ich bin überzeugt, dass sich eure Situation mit den beschriebenen Massnahmen rasch bessert. Allerdings geht das nicht von heute auf Morgen. Jede Veränderung braucht Zeit. Bringt eurer Tochter Geduld entgegen. Falls du aber merkst, dass sich die Situation weiter zuspitzt, würde ich unbedingt eine Fachperson beiziehen. Oder gibt es eine Möglichkeit, das euer Mädchen regelmässig ein paar Tage zu den Grosseltern kann oder diese gar zu euch kommen, um euch zu unterstützen?

Wichtig ist nur, dass euer Kind sich nicht abgeschoben fühlt und in der aktuellen Situation auch wirklich gerne von daheim weg ist. Für unsere ältere Tochter wäre es mehr Strafe als Freude gewesen, wenn sie nach der Geburt ihrer Schwester nicht auch bei mir hätte sein dürfen. In dieser Zeit kamen die Grosseltern mehrheitlich zu uns.

So ist Romina Brunner mit der Situation umgegangen

Ich habe meine Erstgeborene während dieser Phase sogar aus der Kita genommen. Ob das nun für alle Kinder der richtige Weg ist, kann ich nicht sagen. Laut Lahusen ist dies tatsächlich Typ-abhängig. Einigen tut der Besuch der Kita gut, weil sie da vielleicht eine enge Bezugsperson haben. Lahusen: «Es kann für ein Kind durchaus stimmen, wie gewohnt in die Kita zu gehen, während sich ein anderes von den Eltern möglicherweise ausgeschlossen fühlt.»

Laut Lahusen klappt das Weggeben von zu Hause jedoch nur, wenn das Kind davor einen innigen Moment mit der Mutter verbringen durfte und sich dieser Beziehung absolut sicher sein darf. «Idealerweise müsste der Tag detailliert vorbesprochen werden, doch mit einem zweijährigen Kind ist dies noch nicht möglich. Möglich wäre aber, dass man Folgendes sagt: «Schau, dein Bär sitzt schon auf dem Bett und freut sich, wenn du heute abend wiederkommst.»

Lieber Roger, ich habe unser Grosse von Beginn weg recht stark in den Alltag mit Baby eingebunden. Sie durfte mithelfen, ihre Schwester zu baden und zu wickeln und ich las ihr während dem Stillen Geschichten vor. Sie durfte aber auch ihr Baby stillen, wickeln und baden und auf die Spaziergänge mitnehmen. Ich habe die Kleine ins Tragetuch genommen und mich (fast) wie zuvor um die Grosse gekümmert. Ich hatte der Kleinen gegenüber oft ein schlechtes Gewissen, weil ich mich bewusst stärker um meine ältere Tochter gekümmert habe. Dafür geniessen wir jetzt, seit die Grosse im Kindergarten ist, unsere gemeinsame Zeit zu zweit umso mehr!

Hier findest du übrigens weitere Tipps, wie du eine gute Beziehung zwischen deinen Kindern fördern kannst: So schafft ihr aus euren Kindern ein starkes Team.

 

Herzlich,
Romina 

Von Romina Brunner am 14.01.2021
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