Der Dinosaurier-Papst Mit Ben Pabst auf dem grössten Dino-Friedhof Europas

Er pickelt und stochert in der Urzeit. Paläontologe Ben Pabst ist einer der bedeutendsten Saurierforscher der Schweiz. Die besten Funde macht er auf dem grössten Dino-Friedhof Europas: in Frick im Aargau.

Knochentrocken. Die Ebene glüht in der Mittagshitze. Der Steinboden gleisst, heizt und blendet, zwischen den Mergel- und Kalkbänken flirrt die Luft. Neben gewächshausähnlichen Zelten, wie sie Archäologen bei Grabungen verwenden, kauern Gestalten und hauen, meisseln und pinseln. Sie stochern in der Urzeit, sie graben Dinosaurier aus. Eine Szenerie wie in den heissen Weiten Amerikas, stünden da nicht Chriesibäume und bimmelten Kuhglocken.

AG statt USA. Jurapark Aargau statt Jurassic Park.

Verlässt man die Autobahn A3 Zürich–Basel bei der Ausfahrt 17, steht da mitten im Verkehrskreisel - ein Saurier! Vier Meter hoch, aus Stahl. Willkommen im Saurierdorf Frick! Der 5000-Einwohner-Ort im Aargau gilt als grösster Dinofriedhof Europas.

Ein Paläontologe, der sein Leben den Sauriern verschrieben hat, der forscht, aufspürt und gräbt, bei Wind und Wetter - wie stellt man sich den vor?

So. Genau so.

Ben Pabst, 66 Jahre alt, drahtig, gewitzt, forscher Blick (Forscherblick!), ist Zürcher, hat eine heisere Stimme und die blausten Augen der Welt. Mit seinem kecken Bärtchen und dem weissen, wallenden Haar könnte er auch in einem Musketier-Film mitwirken oder als Alain-Sutter-Double auftreten. Dr. Ben Pabst (Zoologe steht im Telefonbuch, seine Dissertation schrieb er über die Fressstrategie von Seesternen) gräbt seit 40 Jahren nach Saurierskeletten. 12 Stück hat er in den USA gefunden, 35 hier in Frick, so lautet seine Knochenbilanz. In diesem Sommer sorgt er einmal mehr für Schlagzeilen. «Sensationeller Saurier-Fund», titelte die «Aargauer Zeitung». Jetzt steht Pabst da, im Abbaugebiet der Tonwerke Keller AG in Frick (wo seit 120 Jahren Ton für Backsteine und Ziegel abgebaut wird), tänzelt zwischen Knochen, Meisseln und Hämmern herum und zeigt seinen Schatz.

Das grösste zusammenhängende Saurierskelett, das bisher in der Schweiz entdeckt wurde, einer der grössten Plateosaurier weltweit. 210 Millionen Jahre alt, Pflanzenfresser, acht Meter lang, eine Tonne schwer, mit 60-Zentimeter-Klauenfüssen.

Seit 1976 wird in Frick wissenschaftlich gegraben; schon damals ist Ben Pabst als Student mit dabei. Seit 2004 leitet er die Grabungen. Wie weiss er, wo suchen? Eine Mischung aus Erfahrung, Intuition und Zufall seis. Ein Bagger mit zahnloser Schaufel schabt jeweils sachte Gestein weg, während Pabst daneben steht. Erspäht er etwas, das nach Knochen aussieht, wird nachgeschaut, nachgekratzt, die Fläche abgesperrt, und die Grabung beginnt. Fünf Saurier fand Pabst diesen Sommer auf einer Fläche, so gross wie ein Basketballfeld.

Entdecken ist eine Sache, ausgraben eine ganz andere. Wahre Knochenarbeit.

Wo Sonnenschirme stehen, wird geforscht. Wie Markiernadeln auf einer Landkarte stecken sie überall auf dem Areal. Pabsts Team besteht aus Profis und erfahrenen Laien. Rolf Schweizer etwa, 58, Industriemeister, hat extra zwei Monate Ferien genommen. Mit einer Aale stichelt er an Zehenknochen herum. Lehrreich und spannend sei es, «ein Abenteuer auf kleinstem Raum», sagt Schweizer und beugt sich - mit dem fiebrigen Blick, wie er Goldgräbern und Glücksrittern eigen ist - wieder über die Zehenreste.

Skelette aus dem Gestein zu holen, sagt Pabst, erfordere den Kraftakt eines Bauarbeiters und die Feinarbeit eines Uhrmachers. Letzteres kann Rabea Lillich, 40, bestätigen. Die Paläontologin pinzettelt an Rippenknöchlein herum. Dünn wie Spaghetti seien die «und zerbrechlich - wie rohe Spaghetti». Etwas weiter vorne brummt ein Staubsauger. Ursina Bachmann, 31, geologische Präparatorin, säubert einen Mordsknochen - die Entdeckung des Tages.

Fundstück «15.6.41». Der rechte Oberschenkelknochen des Plateosaurus misst 75 Zentimeter und steckt im Gestein. Die Beschriftung der Funde hat System: 15 (bedeutet das Jahr, also 2015), 6 (6. Saurier, der hier heuer gefunden wurde), 41 (fortlaufende Anzahl Knochenstücke dieses Tieres). Um «15.6.41» kümmert sich Dino-Papst Pabst persönlich.

Ben Pabst. Heisst mit vollem Namen Benedikt Pabst. Er sagt das genüsslich, schweigt dann, schmunzelt und lässt dem Zuhörer Zeit, sich gebührend zu wundern. Benedikt Pabst - Papst Benedikt. Die Namensvetternschaft mit dem emeritierten Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., führe oft zu verzückten Reaktionen, sagt der Paläontologe. Autogramme müsse er hin und wieder geben, will er Klosterbauten besichtigen, öffnet ihm seine Anmeldung «Hallo, hier ist der Pabst» jede Pforte, und ein Hotelier in Bayern (wo der echte Papst a. D. herkommt) liess ihn gar gratis nächtigen. Seine «Jesusfrisur» habe übrigens keinen klerikalen Hintergrund. Ben Pabst mag ganz einfach das Haareschneiden nicht sonderlich. Letztmals beim Coiffeur war er mit 16 Jahren, zweimal im Jahr schnippelt er sich seine Frisur selber zurecht.

Damit Sonne und Regen die Knochen nicht zerstören, werden sie mit Acrylleim durchtränkt und so fixiert. Jedes Teammitglied hat zwei alte, rote Handy-Abwaschmittel-Flaschen bei sich. «Die haben einen guten Stand, kippen nicht um, und dank der Farbe kann man sie nicht verlieren», rechtfertigt Pabst die ungewöhnliche Materialwahl. In der einen Flasche (mit «W» beschriftet) befindet sich Wasser, mit dem man feines Gestein lösen kann, in der «A»-Flasche ist Acrylleim.

Während «15.6.41» sein Acrylbad bekommt, erläutert Pabst, wie Frick vor 210 Millionen Jahren aussah. Selbst jetzt, beim Erzählen, ist er andauernd am Forschen, zerbröselt Brocken, schaut, ob was drinsteckt, und grübelt mit der Aale im Erdreich. «Frick war damals wie Pakistan heute», beschreibt Pabst das Klima. Ein Monsun-Gebiet, eine Ebene mit Wasserläufen. Die Saurier kamen an die Wasserstellen, blieben im Schlamm stecken und verendeten. «Darum finden wir viele Tiere in Frosch-Stellung. Sie versuchten, sich freizustrampeln.»

Ben ist fünf, als er erstmals gräbt. An der Hauswand entdeckt der Bub ein Fossil und klopft es heraus. Auch Tiere interessieren ihn, als erstes Haustier hält er sich Feuerwanzen. Ben studiert Meeresbiologie, in all den Jahren aber lässt ihn die Faszination für Fossilien nicht los. Er wählt einen Mittelweg - und gräbt nach versteinerten Fischen. Dann begegnet er Hans-Jakob Siber, dem Gründer des Sauriermuseums Aathal ZH, mit ihm gräbt Ben in Peru nach Wal-Skeletten und in den USA nach Sauriern. Dort ist Ben mit dabei, als man 1991 «Big Al», einen Acht-Meter-Allosaurus findet - eine Weltsensation.

Pabst ist eine Art umgekehrter Grosswildjäger, er erweckt Jahrmillionen alte tote Tiere zu neuem Leben. Klar sei vieles beim Graben längst Routine, sagt Pabst, und doch spüre er jedes Mal aufs Neue wieder dieses Kribbeln: «Was finden wir heute?»

«15.6.41» und andere Knochen sind mittlerweile mit Acrylleim gehärtet. Pabst legt eine Plastikfolie über die Fundstelle und zeichnet mit Filzstift die Knochen darauf nach. Dieser Bauplan wird später benötigt, wenn die Knochen präpariert und zu einem Skelett zusammengesetzt werden. Das geschieht dann Monate später in der Werkstatt des Sauriermuseums in Aathal.

Den Auftrag zur Grabung erteilt der Kanton Aargau, finanziert mit 50 000 Franken aus dem Lotteriefonds. Das reicht knapp zum Graben, für die Präparation des Sauriers bleibt wenig übrig. Sponsoren würden vieles erleichtern, meint Pabst, vielleicht übernehme ein Museum die Kosten und erhalte dafür ein Skelett als Leihgabe. Seit 1991 existiert im Primarschulhaus Frick zwar ein kleines (aber enorm feines) Sauriermuseum, neue Funde haben dort aber kaum Platz.

Unerwarteter Besuch. Ein Ehepaar schaut vorbei, pensionierte Güggeli-Züchter vom Murtensee. Sie sind Fans von Sauriern - und von Ben. Sie besuchen seine Vorträge und haben ihm gar in den USA bei Grabungen zugeschaut. Er befasse sich mit Jahrmillionen alten Dingen, «da sind halt auch meine Fans etwas angejahrt», kommentiert Pabst mit knochentrockenem Humor.

Das Finale. «15.6.41» wird in Alufolie gekleidet, mit Jutestreifen und Gips eingekleistert, gehoben und in eine Kiste verpackt. All die Stücke werden zwischengelagert und später präpariert.

Ben Pabst, von welchem Fund träumen Sie?
«Zur Abwechslung mal in Afrika Knochen von Urmenschen finden und ausgraben, das wärs.»

Dann verrät der Meister einen Trick. Wie weiss man, ob ein Fund Stein oder Knochen ist? «Zunge dranhalten!», rät Pabst. «Der Knochen ist so porös, dass er sich an der Zunge festsaugt.» Im Geiste sieht man all die Schulreisekinder, die künftig nach Frick pilgern (Private dürfen auf dem «Klopfplatz» nach Fossilien suchen, die Grabung aber nicht betreten) und gemäss der Zungen-Theorie am Geröll lutschen.

Später Nachmittag, Feierabend, die Sonnenschirme werden zugeklappt. Die letzten 40 Jahre fand man in Frick 80 Saurier. «Und es hat noch mehr», glaubt Pabst. Die Tonwerke AG werde in den nächsten Jahrzehnten zwei Hektaren Fläche bearbeiten, «pro Hektare sind, selbst bei konservativer Schätzung, 500 Saurier verborgen», vermutet Pabst. Und wie es seine Art ist, stochert er während des Sprechens im Gestein. Und stutzt. Guckt - strahlt und deutet auf schwarze Steinadern. Selbst ohne Zunge weiss er: «Da liegt bereits der nächste Saurier!»

Ben Pabst wird hier auch im nächsten Jahr wieder viele Sonnenschirme aufspannen.

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