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Chantal Galladé und Tochter Amélie

Gegen Waffengewalt: Ihr Schicksal soll sich nicht wiederholen

Sie ist die Stimme der Waffengegner. Nach ihrem Übertritt von der SP zu den Grünliberalen erwägt Chantal Galladé eine neue Initiative gegen Waffengewalt. Ihre Tochter Amélie unterstützt sie dabei. 

Chantal Galladé und Tochter Amélie

Enge Bindung: Chantal Galladé mit ihrer Tochter Amélie zu Hause in Winterthur. Die 14-Jährige ist im Jugendparlament aktiv. 

Remo Nägeli

Chantal Galladé ist elf Jahre alt, als sich ihr Vater mit einer Armeewaffe das Leben nimmt. 23 Jahre später erzählt die SP-Nationalrätin erstmals im Parlament davon. Seitdem ist Galladé, 46, das Gesicht der Waffengegner. Sie reicht Vorstoss um Vorstoss für Verschärfungen ein, tritt an Podien auf, ist beim Waffenrecht Stammgast in der SRF-«Arena». Schon früh an ihrer Seite: Tochter Amélie, 14. «Ich begleitete Mami so oft, dass ich ihre Argumentenliste auswendig kenne.» Auch beim Interview zu Hause in Winterthur will die aufgeweckte Gymischülerin dabei sein.

Frau Galladé, wann haben Sie Ihren beiden Töchtern erzählt, dass ihr Grossvater sich das Leben nahm?
Sie haben mich irgendwann nach ihm gefragt. Ich wollte ihnen das nicht aufzwingen. Meine dreijährige Tochter Victoria sagte: «Gell, Grosspapi ist in den Wolken.»

War für Sie immer klar, dass Sie in der Öffentlichkeit darüber reden?
2007, im Vorfeld der Debatte über die Lagerung der Armeewaffe zu Hause, habe ich mir überlegt, meine Betroffenheit öffentlich zu machen. Aber ich wusste nie, ob ich es schaffe. Klar ist: Noch nie hat mich ein Satz so viel Mut gekostet.

Was hat den Ausschlag gegeben?
In der Ratsdebatte ging ein Mann nach dem anderen ans Rednerpult. Und es tönte immer gleich: «Ich spreche aus Erfahrung, ich habe so und so viele Diensttage und diesen militärischen Grad.» Ich sass da und wurde immer wütender. Denn das war ja gar nicht Thema! Damals gab es in der Schweiz jährlich 400 Tote durch Schusswaffen. Der Grossteil davon waren Suizide. Darüber zu sprechen, war ein Tabu. Ich musste es brechen.

Chantal Galladé und Tochter Amélie

Austausch: Politisch sind sich die beiden meist einig. «Ich bin vor Mami der GLP beigetreten», sagt Amélie.

Remo Nägeli

Galladé brauchte Personenschutz

Bis zu ihrem Rücktritt aus dem Nationalrat letzten Dezember erhält Galladé Hunderte Briefe und Mails von Betroffenen. «Besonders berührt hat mich ein Vater, der mir schrieb, sein 19-jähriger Sohn habe sich aus Liebeskummer mit dem Sturmgewehr erschossen. Oder eine ältere Frau, die mir erzählte, dass ihr Mann sie über Jahre mit der Armeewaffe bedrohte.» Die Schattenseite von Galladés Kampf gegen die Waffenlobby: Sie schaffte sich Feinde. «Zeitweise waren die Drohungen gegen mich und meine Familie so massiv, dass ich Personenschutz brauchte.»

Daran kann sich auch Amélie gut erinnern. «Als wir an eine Kinopremiere gingen, musste ich den Männern sagen, wann ich aufs WC wollte.» Einschüchtern liess sich Galladé davon nie. Auch als das Parlament letztes Jahr die Verschärfung des Waffenrechts diskutierte, verteidigte sie diese an vorderster Front.

Sagt das Volk im Mai Ja zur Übernahme der EU-Waffenrichtlinie, wären Halbautomaten, darunter Sturmgewehre 90 und 57, nur noch mit einer Ausnahmebewilliung erlaubt. Was erhoffen Sie sich davon?
Gerade bei Tötungsdelikten in der Familie sind es oft unbescholtene Bürger, die in einer Kurzschlusshandlung zur Waffe greifen und sich selbst oder andere töten. Einfach weil die Waffe im Haus ist. Durch das neue Waffenrecht gäbe es weniger Waffen zu Hause.

Schützen reden von einer Entwaffnung der Bürger.
So ein Quatsch! Das Gesetz wurde sogar noch verwässert. Die EU ist Schweizer Armeeangehörigen entgegengekommen. Sie dürfen nach Ablauf ihrer Dienstzeit ihr Sturmgewehr behalten. Nur wer es weiterverkauft, braucht eine Ausnahmebewilligung. Sportschützen müssen lediglich nachweisen, dass sie Mitglied im Schützenverein sind. Und Sammler müssen ein Register führen. Da frage ich mich schon, weshalb Pro Tell immer noch stürmt.

Die EU begründet die Verschärfung des Waffenrechts mit dem Kampf gegen den Terror. Nicht mit den Tötungsdelikten in Familien. 
Die Verschärfung ist in beiden Fällen wichtig. Die Pistole des Weihnachtsmarkt-Attentäters von Berlin war früher in den Händen eines Schweizer Waffenschmugglers. Die Ermittlungen wurden erschwert, weil es in der Schweiz immer noch kein flächendeckendes Waffenregister gibt. Zudem: Stimmen wir am 19. Mai Nein, riskieren wir den Ausschluss aus dem Schengen-Raum!

Chantal Galladé und Tochter Amélie

Familie: Im ehemaligen Arbeiterhäuschen lebten schon Galladés Grosseltern. Ihre beiden Töchter Amélie und Victoria zieht Galladé alleine gross.

Remo Nägeli

Ich denke über eine neue Volksinitiative nach

Amélie, die das Gespräch interessiert verfolgt, schüttelt den Kopf: «Ich habe nie den Sinn darin gesehen, eine Waffe zu Hause zu haben. Um einen Einbrecher zu verjagen? Sicher nicht.» Die 14-Jährige möchte gerne mal Anwältin werden, kann sich aber auch vorstellen, in die Fussstapfen ihrer Mutter zu treten. Schon heute ist sie im Jugendparlament aktiv – wie ihre Mutter früher. «Aber bei den Grünliberalen», sagt sie stolz. «Ja, da bist du mir zuvorgekommen», erwidert Galladé schmunzelnd. Mit ihrem Wechsel von der SP zur GLP hat die heutige Kreisschulpräsidentin von Winterthur Töss für Wirbel gesorgt. «Es war der richtige Entscheid», sagt sie. In der Sicherheitspolitik habe sie sich von der GLP schon im Nationalrat immer getragen gefühlt. «Der SP war das Thema nicht so wichtig.»

Neuseelands Premierministerin will nach dem tragischen Attentat mit 50 Toten das Waffenrecht verschärfen. Wie schätzen Sie die Stimmung in der Schweiz ein?
Ich bin überzeugt, dass das Volk fortschrittlicher ist als das Parlament. Dort ist die Waffenlobby noch sehr stark. 2011 hat es Ihre Initiative «Schutz vor Waffengewalt» aber abgelehnt.  Heute würde das Ergebnis wohl anders ausfallen. Das zeigt etwa die heftige Kritik beim Waffenexport in Bürgerkriegsländer.

In der Schweiz ging die Zahl der Schusswaffentoten auf 231 zurück.
Ja, unter anderem, weil Armeeangehörige die Munition nicht mehr nach Hause nehmen dürfen und die Armee verkleinert wurde. Wir belegen hinter den USA immer noch den traurigen zweiten Rang bei den Schusswaffentoten. 91,3 Prozent davon sind Suizide.

Können Sie sich vorstellen, erneut aktiv zu werden?
Ja, ich denke darüber nach, künftig nochmals eine Volksinitiative zu lancieren. Ziel müsste sein, Schusswaffen aus Privathaushalten zu verbannen. Sie gehören da nicht hin. Die Zeit ist reif.

Von Jessica Pfister am 21. März 2019