Hodenkrebs: Carlos Dos Santos nach der Chemotherapie «Wir können zum Glück noch Kinder bekommen»

Der erste Schock: Diagnose Hodenkrebs. Dann fast zwei Monate Chemoptherapie, zum Glück erfolgreich. Kurz darauf die nächste Hiobsbotschaft: die Kündigung vom Arbeitgeber. Carlos Dos Santos und seine Frau haben ein schweres Jahr hinter sich.
Carlos Dos Santos und Familie
© Heiner H. Schmitt

Carlos Dos Santos mit seiner Familie vor ein paar Tagen daheim in Basel. «Wir freuen uns trotzdem auf die Festtage.»

Das habe ich mir vergangene Weihnacht nicht so vorgestellt.» Carlos Dos Santos, 34, sitzt in seiner Stube im Basler Stadtteil Kleinhüningen. Auf dem Schoss Tochter Luana, sie wird bald zwei Jahre alt. «Es geht mir wieder gut. Wir freuen uns auf die Festtage», sagt der gebürtige Portugiese, der seit 1998 in der Schweiz lebt. Ehefrau Tania lächelt, auch sie kommt ursprünglich aus Portugal: «Luana bekam zum Glück nicht mit, was alles passiert ist.»
Mitte März dieses Jahres geht Carlos Dos Santos zu seinem Hausarzt: Sein linker Hoden ist geschwollen und schmerzt. «Das hatte ich noch nie», sagt Dos Santos. Der Arzt äussert einen schlimmen Verdacht, meldet den Patienten zum Ultraschall im Universitätsspital Basel an.

Nach der Untersuchung am 25. März steht die Diagnose fest: Hodenkrebs. «Das war ein riesiger Schock, Tania und ich hatten grosse Angst», erinnert sich Dos Santos. Bei ihm und in seiner Familie seien Krebs noch nie vorgekommen. «Ich rauche nicht, lebe auch sonst gesund, ging einmal pro Woche ins Krafttraining.» Auch mit seiner damaligen Arbeit habe er genügend Bewegung gehabt: Dos Santos war bei der Basler Stadtreinigung tätig.
Drei Tage nach der Diagnose wird Dos Santos im Unispital Basel operiert. In einem zweistündigen Eingriff wird der Tumor entfernt. Eine Woche später beginnt die Chemotherapie im Ambulatorium der Klinik für Onkologie im selben Spital, drei Zyklen, von Montag bis Freitag. Nach dreieinhalb Stunden an der Infusion mit drei verschiedenen Zytostatika (hemmen das Zellwachstum) kann er jeweils wieder nach Hause. Nach einer Woche Chemotherapie folgen zwei Wochen Pause mit je einer Spritze Bleomycin (ebenfalls ein Zytostatikum), die Dos Santos im Ambulatorium erhält. Dann folgt die nächste Chemotherapie. Die letzte findet Ende Mai statt.

Er habe Glück gehabt, sagt Dos Santos. Dank drei Medikamenten zur Behandlung der frühen und verzögerten Übelkeit (darunter auch Kortison) habe er keine richtige Übelkeit verspürt, «erbrechen musste ich nie». Nach den Einzelspritzen hat er jeweils einen Tag Fieber gehabt, ist sehr müde gewesen. «Doch tags darauf gings wieder besser.» Appetitlosigkeit habe ihr Mann in der ganzen Zeit nie gehabt, erzählt Ehefrau Tania. Viereinhalb Kilo habe ihr Mann während der Chemotherapie verloren. Er schmunzelt: «Die habe ich wieder drauf.»
Betreut wurde Dos Santos bei seinen Ambulatorium-Aufenthalten unter anderem von Hans-Rudolf Stoll. Der 63-jährige Aargauer ist Leiter Pflege auf der Klinik Onkologie; Ende Jahr geht der Pflegefachmann, der schon Tausende von Krebspatienten gepflegt und betreut hat, in Pension. Stoll: «Die Nebenwirkungen einer Chemotherapie sind von Patient zu Patient verschieden.» Während des zweiten Zyklus verlor Dos Santos am ganzen Körper die Haare – bis heute sind sie zum grössten Teil wieder nachgewachsen.
Nach der anstrengenden Chemotherapie erholt sich die Familie eine Woche lang auf Mallorca. Carlos Dos Santos: «Das tat gut», auch wenn er wegen der Zytostatika-Therapie auf direkte Sonneneinstrahlung habe verzichten müssen. Dann gehts jeden Monat einmal zur Kontrolle ins Ambulatorium. Bei der Untersuchung im September dann die gute Nachricht: Die Chemotherapie war erfolgreich, es sind keine Krebszellen mehr nachweisbar. Dos Santos: «Das war eine grosse Erlösung!»
Doch zur freudigen Nachricht gesellt sich ein grosser Dämpfer. Sein Arbeitgeber teilt Dos Santos Mitte Juli mit, dass sein Vertrag – wie der von einigen anderen Angestellten auch – nicht verlängert wird. Seit Mitte September – bis dann war er krankgeschrieben – ist Dos Santos arbeitslos. Er geniesst die zusätzliche Zeit mit Tochter Luana. «Ich hoffe, ich finde bald wieder Arbeit.»

Alle sechs Monate wird er zur Kontrolle in die Onkologie-Klinik gehen müssen, die kommenden zehn Jahre lang. Dabei wird jeweils das Blut untersucht, ein Ultraschall vom gesunden Hoden gemacht. Dos Santos: «Erst in zehn Jahren wird man mir hoffentlich sagen können: ‹Sie sind zu 100 Prozent geheilt.›» Stoll ergänzt: «Wenn ein Hoden befallen war, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko, dass auch der zweite befallen wird. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 1,5 Prozent.»
Carlos Dos Santos hat noch eine weitere Botschaft mit auf den Weg bekommen: Auch mit nur einem Hoden bleibt er zeugungsfähig. «Zum Glück können wir noch Kinder bekommen.» Stoll: «Wir raten allerdings den betroffenen Männern, bis zwei Jahre nach der Chemotherapie keinen Nachwuchs zu zeugen. Weil man nicht sicher ist, ob die Chemotherapie den Spermien Schaden zugefügt hat.»
Carlos Dos Santos und seine Frau hoffen fest, «dass Luana einmal ein Geschwisterchen bekommen wird». Erst einmal freut sich die Familie aber aufs Weihnachtsfest. «Es war ein schlimmes Jahr», sagt Carlos Dos Santos, «doch wir sind zuversichtlich.» Wahrscheinlich zu Recht.

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