Forschung Gesunder Stoff – Textilien in der Medizin

Was vor ein paar Jahren nur in einem Science-Fiction-Roman hätte stehen können, ist heute Wirklichkeit: Medizintextilien erobern den Markt. Sie erfassen Gesundheitsdaten, geben Medikamente ab und dienen als Implantate - vier Beispiele aus Schweizer Forschung.
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Ein T-Shirt, das die Herzfrequenz misst, eine Kappe, die Medikamente abgibt: Technische Textilien erobern den Gesundheitsmarkt. «In der modernen Medizin spielen Textilien eine immer grössere Rolle», sagt Prof. Dr. Martin Wolf vom Universitätsspital Zürich. «Denn einerseits können sie wichtige medizinische Leistungen übernehmen wie zum Beispiel die intelligente Überwachung von Körperfunktionen und die gezielte, wohldosierte Abgabe von Medikamenten. Andererseits bieten sie auf unauffällige Weise grossen Komfort und sind alltagstauglich.»

Der grosse Vorteil von Medizintextilien: Sie ähneln in mancher Hinsicht körpereigenem Gewebe, weshalb sie für den menschlichen Organismus besonders gut verträglich sind. Darum sind sie auch für die Forschung so spannend – alle der porträtierten Hersteller und Forscher (siehe Boxen) haben bereits neue Ideen, um mit Textilien die Gesundheit zu verbessern.

Mehr Infos unter www.swisstextiles.ch

Schonende Bettwäsche

Bettwäsche
© Martin Valgigursk

Ein Problem von bettlägerigen Personen ist die Entstehung von Druckgeschwüren (Dekubitus). Denn wenn man sich über längere Zeit nicht bewegt, verursachen Feuchtigkeit, Druck und Schwerkräfte Durchblutungsstörungen im Gewebe. Im schlimmsten Fall führt das zu lebensbedrohlichen Geschwüren. Mit den Dekubitus-Spannbettlaken der Schweizer Firma Schoeller Textil AG soll dieses Risiko herabgesetzt werden. «Durch eine spezielle Webart und die Auswahl hochwertiger Fasern erzielen wir eine deutlich geringere Reibung im Vergleich zu herkömmlichen Bettlaken», erklärt Dr. Anne Timm von Schoeller Textil AG. «Die Art des Stoffes gleicht einer Berg-und-Tal-Struktur. Die textile Oberfläche aus Teflonfasern weist nur eine geringe, aber gleichmässige Kontaktfläche mit der Haut auf. Und zusammen mit der Rückseite, die aus Polyamid und Polyester besteht, wird Feuchtigkeit von der Haut wegtransportiert.» Das Bettlaken ist also auch für gesunde Personen geeignet, die stark schwitzen. In Zukunft möchte man das reibungsarme Gewebe auch für andere Bereiche einsetzen. «Es eignet sich generell, um verschiedene Arten von Lagerhilfen einzufassen. Oder für Rollstuhlauflagen», erklärt Dr. Timm.

Mehr Info unter www.schoeller-textiles.com

Mikrogeflecht als Implantat

Mikrogeflecht
© Martin Valgigursk

In der Orthopädie kommen textile Mikrogeflechte schon seit ein paar Jahren zum Einsatz und werden immer beliebter. Der Grund: Für die minimalinvasive Technik (Schlüssellochmethode) brauchen Chirurgen kleinstmögliches Material, das strapazierfähig und gut körperverträglich ist. Im Moment werden mit Mikrogeflechten vor allem gerissene Kreuzbänder oder Schultersehnen repariert. «Das Material ist sehr gewebefreundlich und ausserordentlich reissfest, zudem wird es vom Körper durchweg gut vertragen», erklärt Marcel Meister, CEO der Schweizer Firma Meister & Cie AG, welche spezielle Mikrogeflechte herstellt. «Es ist aber nicht so, dass sie die bisherigen Methoden einfach ersetzen würden, vielmehr sehe ich unser Produkt als eine ideale Ergänzung. Neben dem orthopädischen Einsatzgebiet forscht man zurzeit auch für Anwendungen im kardiovaskulären Bereich. Dort sieht man die Möglichkeiten bei Operationen an der Herzklappe, als Arterienersatz oder Mikrostents. Momentan forscht man auch an der Entwicklung von Fasern, die Medikamente abgeben könnten – das im Bereich der Neurochirurgie, Orthopädie oder im kardiovaskulären Bereich. «Das ist aber Zukunftsmusik und braucht, wie alles in der Medizin, noch einige Jahre der Forschung und genauen Prüfung», sagt Marcel Meister.

Mehr Info unter www.meister-ag.ch

Koffein-Käppchen für Frühgeborene

Baby
© Martin Valgigursk

Die Idee ist ähnlich wie bei einem Nikotinpflaster – durch ein Patch auf der Haut wird ein Wirkstoff abgegeben. Nur ist der Wirkstoff in diesem Fall Koffein, und zwar erst noch genau dosiert. «Bei den herkömmlichen Pflastern kann man die Dosierung nicht genau regeln. Zum Abgabezeitpunkt entsteht eine Konzentrationsspitze, danach fällt sie oft schnell wieder ab», erklärt Dr. René Rossi, Abteilungsleiter Schutz und Physiologie an der Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt). «Deshalb forschen wir zusammen mit dem Universitätsspital Zürich an einer Membran, deren Durchlässigkeit man anhand von UV-Licht kontrollieren kann.» Einfach gesagt, öffnet das UV-Licht die Poren der Membran und lässt so den Wirkstoff durch die Haut in die Blutbahn eindringen. Unter Weisslicht schliessen sich die Poren wieder. Die Membran soll vor allem Frühgeborenen den Start ins Leben vereinfachen. Da deren Lungen meist nicht vollständig entwickelt sind, verabreicht man ihnen Koffein – per Sonde oder Spritze. Ein Patch, das man auf die Haut kleben kann, würde ihnen und den Eltern Stress ersparen. «Momentan suchen wir noch nach Industriepartnern, um diese Forschung voranzutreiben und in die Praxis umzusetzen. Bis Patientinnen und Patienten von dieser Neuentwicklung profitieren können, dürfte es aber noch ein paar Jahre dauern», erklärt Dr. René Rossi. Das Patch funktioniert bisher nur bei Frühgeborenen. Der Grund: Ihre Haut ist noch besonders dünn und durchlässig. Bei Erwachsenen gibt es aber die Möglichkeit, die Haut chemisch oder physisch zu behandeln. Eine weitere Vision wäre, dass man das Koffein-Patch kombiniert. «Mit einem sogenannten Fotoplethysmografen kann man anhand von Lichtstrahlen den Sauerstoffgehalt im Blut messen», sagt Dr. Rossi. «Würde man das Koffein-Patch und den Fotoplethysmografen kombinieren, könnte man dem Neugeborenen eine Art Käppchen überziehen, das ständig den Zustand des Kindes kontrolliert und im Notfall auch autonom reagieren könnte, also den Wirkstoff automatisch abgeben würde.» Ein grosser Vorteil dieser textilen Innovationen: Sie sind äusserst hautfreundlich. Deshalb sind sie auch für den Sportbereich sehr interessant. Dank sensorischen Textilien kann sich Dr. Rossi vorstellen, dass man zum Beispiel über einen Stoff den Laktatgehalt im Blut misst und während des Trainings Zugriff auf diese Daten hätte. Aber auch die direkte Abgabe von Vitaminen über spezielle Sportkleidung wäre in Zukunft eine Möglichkeit.

Mehr Info unter www.empa.ch

Stützstrümpfe mit Silber

Strümpfe

 

Silber in den Strümpfen statt als Schmuck um den Hals. Der Grund: die antibakterielle Eigenschaft des Edelmetalls. «Gerade bei Patienten mit Neurodermitis, Psoriasis oder offenen Beinen sind unsere Venosan 5000 Kompressionsstrümpfe hilfreich», sagt Alain Sidler von Swisslastic AG St. Gallen. In diesem Produkt wird eine elastische LYCRA®-Faser, welche mit Baumwolle und einem Silbergarn umwunden ist, mit Nylonfasern verstickt. Beim Tragen setzt das Silbergarn positiv geladene Ionen frei. Diese binden sich an die Bakterien und verhindern somit Infektionen. «Silber hemmt die Bakterienvermehrung. Bis zu 99,9 Prozent der Bakterien werden in drei Stunden abgetötet. Das haben Tests an der Empa bestätigt», erklärt Alain Sidler. Dazu kommt, dass Silber auch die Temperatur ausgleicht. «Silber hat die höchste Wärmeleitfähigkeit aller Elemente. Es leitet die Wärme rasch von den Füssen ab und verteilt sie auf das gesamte Produkt. Und dank den reflektierenden Eigenschaften bleibt die körpereigene Wärme weitgehend erhalten», sagt Alain Sidler. Gerade bei Personen, die aus gesundheitlichen Gründen täglich Kompressionsstrümpfe tragen müssen, kann das ein Vorteil sein, weil normalerweise die Durchblutung der oberen Hautschicht durch den Druck der Kompressionsstrümpfe etwas abgeschwächt ist. Ein weiterer Pluspunkt: Die Silberstrümpfe reduzieren die Geruchsbildung, die durch die bakterielle Zersetzung von Schweiss entsteht.

Mehr Info unter www.venosan.com

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