Ein Fall für Stutz Eisenmangel: Das sind die Symptome

Eine Leserin möchte abnehmen, hat aber null Energie für Bewegung und leidet unter Schwindel. Eisenmangel wird bei Frauen oft verkannt. Ein Grund: Die Symptome gleichen stark den Wechseljahrbeschwerden.
Frau
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Energielos. Leitsymptome des Eisenmangels sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit und nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit.

Ich bin seit Jahren übergewichtig, nämlich 92 Kilo bei einer Körpergrösse von 168 Zentimetern. Früher war ich ein extremer Bewegungsmensch. Ich war im Kunstturnverein, habe Tennis und Handball gespielt. Auch heute noch habe ich Spass an Bewegung. Leider macht mir mein Blutdruck oft einen Strich durch die Rechnung. Mir ist oft schwindlig, und ich bin körperlich schlapp. So habe ich einfach Angst, dass mein Kreislauf zusammenfällt. Ärztliche Abklärungen haben nur ergeben, dass ich etwas zu wenig Blut und Eisen habe und dass mein Blutdruck ziemliche Schwankungen hat. Von 120/80 sackt er beim Aufstehen oft runter auf 100/70, und der Puls sinkt auch.

Verschiede Tests, Schilddrüsenhormon und Östrogen, haben keine Auffälligkeiten ergeben. Da ich auch noch Schlafstörungen habe – ich bin oft zwischen ein und drei Uhr wach –, hat mir der Arzt ein schlafförderndes Antidepressivum verordnet. Das hilft zwar beim Schlafen, aber nicht gegen den Schwindel. Ich bin so ziemlich am Ende, weil ich nicht weiss, was mir fehlt. Zum Arzt getraue ich mich auch bald nicht mehr, da ich manchmal das Gefühl habe, nicht wirklich ernst genommen zu werden. Vielleicht haben Sie noch eine Idee, woher meine Beschwerden kommen könnten. ANONYME LESERIN

DAS SAGT DR. SAMUEL STUTZ:
«Lassen Sie unbedingt Ihre Ferritinwerte bestimmen!»

Hier läuft einiges schief, besonders in der Kommunikation zwischen Arzt und Patientin. Und ich befürchte, dass in diesem Fall vor allem der Arzt dafür verantwortlich ist. Da möchte jemand abnehmen und schafft das nicht, unter anderem aus Angst, dass bei der Bewegung der Kreislauf zusammenfällt. Der Leserin ist oft schwindlig. Sie fühlt sich körperlich schlapp. Weiter ist der Schlaf gestört, sodass sie Medikamente nehmen muss. Zwar hat man das Blut und das Eisen kontrolliert. Aber das Resultat wird bagatellisiert. Eine Behandlung unterbleibt, obwohl alles auf einen schweren Eisenmangel hindeutet. Und obwohl die Patientin ganz offensichtlich leidet und sagt, sie sei am Ende, getraut sie sich nicht mehr zum Arzt, weil sie sich nicht richtig ernst genommen fühlt. Das ist wahrhaftig ein unhaltbarer Zustand.

Eisenmangel ist vor allem bei Frauen so häufig, dass man unbedingt daran denken und das Problem ernst nehmen muss. Leitsymptome des Eisenmangels sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit und nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit. Auch der Antrieb kann vermindert sein, ebenso die Lust, etwas zu unternehmen und sich mehr zu bewegen. Oft kommen sogar depressive Gedanken auf. Und auch die sexuelle Energie lässt nach. Ein weiteres typisches Symptom sind Schlafprobleme. Meistens entwickeln sich die Beschwerden nur langsam, sodass sie oft lange Zeit übersehen oder der Menopause oder dem Älterwerden zugeschrieben werden. Eine der häufigsten Gründe, weshalb trotz allen Anstrengungen die Kilos nicht purzeln, ist versteckter Eisenmangel.

Beim Menschen ist Eisenmangel die häufigste Mangelerscheinung. Vor allem Frauen sind betroffen. Frühe und verstärkte Regelblutungen erhöhen das Risiko. Denken wir daran, dass sich der Zeitpunkt der Menarche seit dem 19. Jahrhundert in Europa um zwei Jahre nach vorne verschoben hat.

Diese Entwicklung geht weiter. Durchschnittlich findet die erste Regelblutung jedes Jahrzehnt drei bis vier Monate früher statt. Das heisst, ein junges Mädchen verliert Monat für Monat um Jahre früher Eisen, als es in der Menschheitsgeschichte je der Fall war. Und das in einer Zeit, wo für das sich beschleunigende Wachstum mehr Eisen zur Verfügung stehen müsste. Kommt dazu, dass Frauen nördlich der Alpen – wie übrigens die Männer auch – im Schnitt einen ganzen Kopf grösser sind als unsere Vorfahren, ohne dass die Aufnahmefähigkeit von Eisen im Darm sich in dieser Zeit verbessert hätte.

Frauen in und nach den Wechseljahren leiden häufig an Eisenmangel. Oft haben sie vor der Menopause starke Blutungen, die mit einem hohen Eisenverlust einhergehen. Die Symptome ähneln stark den Wechseljahrbeschwerden und werden daher häufig verkannt. Weil Eisenmangel alle motorischen und intellektuellen Funktionen beeinträchtigt oder sogar lähmt, leiden diese Frauen auch regelmässig unter einem Gewichtsanstieg oder haben riesige Mühe beim Abnehmen, schreiben dies jedoch den Wechseljahren zu und glauben, das sei ihr unabwendbares Schicksal.

Häufig tritt Eisenmangel auch bei Menschen auf, die zum Abnehmen eine einseitige Diät einhalten, das heisst, sich bewusst sehr kalorienarm und oft auch noch komplett fleischarm ernähren. Nahrungsmittel, die Eisen enthalten, werden dann nur noch in sehr begrenztem Rahmen zugeführt. Einseitige Ernährung führt wegen der ohnehin begrenzten Aufnahmefähigkeit des Eisens im Darm unweigerlich zu Eisenmangel. Vielfach merken die Betroffenen aber nicht einmal, dass sie vermehrt müde sind und die körperliche Leistungsfähigkeit zurückgeht – oder sie schreiben dies dem Übergewicht zu.

Es lohnt sich deshalb, im Verdachtsfall das Eisenspeicherprotein Ferritin im Blut zu bestimmen. Das Ferritin widerspiegelt sehr zuverlässig das Gesamtkörpereisen. Ein tiefer Ferritinspiegel im Blut ist immer ein Beweis für Eisenmangel. Umgekehrt schliesst ein scheinbar normales Ferritin einen Eisenmangel nicht in jedem Fall aus. Ist der Ferritin-Wert tiefer als 15, besteht ganz sicher ein Eisenmangel. Liegt die Ferritinkonzentration zwischen 15 und 30, ist ein Eisenmangel wahrscheinlich. Beträgt das Ferritin zwischen 30 und 100, ist ein Eisenmangel möglich, sofern die Symptome das vermuten lassen. Erst ab einem Ferritin von 100 ist ein Eisenmangel ausgeschlossen. Absolute Werte erlauben oft keine schlüssigen Aussagen. Entscheidend ist der Vergleich von Laborwerten mit den klinischen Symptomen. Sehr hilfreich ist eine Verlaufsbeobachtung. Bessern sich die Symptome mit dem ansteigenden Ferritin-Spiegel, ist die Diagnose klar. Wenn Eisentherapie, dann ist eine intravenöse Gabe der oralen Therapie meistens überlegen, und zwar in Sachen Wirksamkeit und Verträglichkeit. Ziel der Behandlung ist, normale Körpereisenspeicher zu erreichen, also Ferritin-Werte zwischen 50 und 100. Mit einer wirksamen, meist intravenösen Eisentherapie bessern sich die Symptome verhältnismässig schnell.

Wie ging es weiter? Zwei Monate später berichtet die Leserin Folgendes: «Obwohl mein Hausarzt meinte, meine Probleme seien psychisch bedingt und einen Eisenmangel habe man erst bei Ferritin-Werten unter 20, machte er mir auf mein Drängen hin Eiseninfusionen. Es geht mir blendend. Ich könnte Bäume ausreissen. Ich habe wieder Power im Haushalt und wieder Freude mit den Kindern. Ich kann viel besser schlafen. Der Schwindel hat sich stark gebessert. Und ganz besonders toll ist, dass die Kilos nun endlich purzeln. Der Sport macht wieder Freude. So mache ich jeden Tag um die 12 000 Schritte und bin nun dabei, sogar das Antidepressivum zu reduzieren und womöglich schon bald ganz abzusetzen.»

Folgende Symptome können auf Eisenmangel hinweisen:

  • Erschöpfung
  • Depressive Verstimmungen
  • Abfall der Leistungsfähigkeit
  • Müdigkeit
  • Nervosität
  • Gereiztheit
  • Psychische Labilität
  • Abgespanntheit
  • Schwindelgefühl
  • Nackenverspannungen
  • Kopfschmerzen
  • Vergesslichkeit
  • Konzentrationsprobleme
  • Appetitlosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Kältegefühl
  • Haarausfall
  • Stumpfes Haar
  • Brüchige Nägel
  • Ruhelose Beine
Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.
© ZVG

Dr. Samuel Stutz analysiert Schicksale, die unter die Haut gehen.

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