Ein Fall für Stutz Kilofrust trotz Magenbypass

Trotz eines Magenbypasses nimmt Leserin M. K. wieder zu. Sie weiss, dass sie sich mehr bewegen müsste, kann sich aber einfach nicht aufraffen. Dr. Samuel Stutz sagt: Schluss mit der Opferrolle!
Und übrigens am 30. Juli 2013
© Dukas

Kilofrust - im Alltag und überall. Dr. Samuel Stutz hilft.

Ich habe 2009 einen Magenbypass machen lassen. Danach nahm ich vierzig Kilo ab, in letzter Zeit habe ich aber wieder zehn Kilo zugelegt. Ich würde so gerne wieder abnehmen. Zu mehr Bewegung fehlt mir aber jede Motivation. Ich habe keinen Willen und keinen Lebensmut mehr, bin psychisch total am Ende. So nehme ich nur noch mehr zu. Was soll ich nur tun? Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffen soll. Bitte helfen Sie mir!

Antwort von Dr. Samuel Stutz: Bei mehreren Gesprächen mit der Leserin fällt auf, dass sie in der Kindheit unter einer schweren Vernachlässigung und unter seelischer und womöglich auch körperlicher Misshandlung zu leiden hatte. «Ich hatte es immer schwer im Leben. Schon in der Familie mit meinen sechs Geschwistern war ich immer nur das fünfte Rad am Wagen und an allem schuld, wenn nur irgendetwas schiefging.» Schon als junges Mädchen sei sie schwanger geworden, worauf sie früh geheiratet habe. Die Ehe sei eine Katastrophe gewesen und habe nur ein halbes Jahr gehalten. Kurz nach der Scheidung unternahm sie einen Suizidversuch mit Tabletten, den sie nur überlebte, weil ein Kind in der Nacht laut nach ihr schrie. Heute ist sie alleinerziehende Mutter zweier Kinder und hat ein 60-Prozent-Pensum als Küchenhilfe.

Übergewichtig sei sie schon seit ihrer Kindheit. Richtig schlimm sei es nach der Scheidung geworden. Das Übergewicht hänge ganz klar mit ihrer schweren Lebenssituation zusammen. «Je schlechter es mir ging, desto mehr ass ich.» Wenn sie heute zum Arzt und zur Ernährungsberaterin gehe, werde sie immer gleich auf die Waage gestellt und von beiden stark unter Druck gesetzt, wieder abzunehmen. Das sei nicht der richtige Weg, um ihr zu helfen, sondern mache sie nur noch verzweifelter.

Operationen zur Bekämpfung massiven Übergewichts erleben einen Boom. Von einer Heilung der Adipositas und ihren Folgekrankheiten ist die Rede und vom aussichtslosen Unterfangen, durch eine Umstellung des Lebensstils abzunehmen. Meine Erfahrung mit Dutzenden von verzweifelten «Opfern» der Adipositas-Chirurgie zeigt: Diese Behandlung hat auch eine Kehrseite. Zu bedenken ist, dass ein Magenbypass ein lebensverändernder Eingriff ist und eine normale, genussorientierte Ernährung nahezu verunmöglicht.

Weshalb nehmen viele Operierte nach einem anfänglich starken Gewichtsverlust wieder zu? Weil niemand die Probleme angeht, die hinter dem Übergewicht stecken, und die Hilferufe ernst nimmt. Unser Fall führt uns das drastisch vor Augen. Weshalb tauschen viele übergewichtige Menschen nach einer Magenbypass-Operation eine Sucht gegen die andere aus oder entwickeln Depressionen? Weil wir emotionale Esser sind. Weil es naheliegend ist, Emotionen mit grossen Essensmengen zu verarbeiten. Weil negative Erlebnisse, eine schwere Kindheit, eine beruflich belastende Situation, eine unbefriedigende Partnerschaft sich nicht mit einem chirurgischen Eingriff aus der Biografie eliminieren lassen. Weil nahezu jeder Patient mit massivem Übergewicht zu wenig taugliche Möglichkeiten hat, mit belastenden Situationen und Gefühlen konstruktiv und lösungsorientiert umzugehen.

Solche Menschen noch stärker in die Mangel zu nehmen, hilft nicht weiter. Hier nützt eine «erneute, engmaschige Betreuung durch die Ernährungsberaterin», wie es auf der Website eines führenden Adipositas-Zentrums heisst, gar nichts. Den Betroffenen muss man schrittweise mehr Handlungskompetenz zuspielen. Ein reflektierter Umgang mit Emotionen und Alltagsbelastungen ist genauso nötig wie eine schrittweise Umstellung der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Gemeinsam werden dabei kleine Etappenziele definiert, wird jeder noch so kleine Erfolg festgehalten. So erfahren die Betroffenen, dass sie nicht mehr länger nur Opfer sind – Opfer ihres krankhaften Essverhaltens oder des Chirurgen und der Ernährungsberaterin –, sondern endlich auch handelnde Personen. Dieser Weg ist zwar viel weniger spektakulär als eine Operation, aber langfristig lohnender und erfolgreicher.

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