Essstörungen Hunger nach einem ganz normalen Leben

Mit 13 Jahren wird Aline Bonifay Magersüchtig. Innerhalb von fünf Monaten nimmt sie 20 Kilo ab, muss mehrmals ins Spital. Mit viel Willensstärke kämpft sie sich zurück ins Leben.
Aline Bonifay
© David Biedert

Wieder fröhlich Aline Bonifay überwand ihre Sucht – sie wollte leben.

Sie ass fast nur noch Brokkoli, ohne Öl, ohne Salz, genau 150 Gramm. Damals war Aline Bonifay 13 Jahre alt und litt an Magersucht. «Bereits mit acht Jahren gab es Tage, an denen ich mich nicht im Spiegel anschauen konnte. Ich hatte das Gefühl, das irgendetwas nicht mit mir stimmte», sagt die heute 19-Jährige.

In der vierten Klasse hielt Aline einen Vortrag über Magersucht. «Ich war total fasziniert und habe mich intensiv mit dem Thema befasst.» Als sie in die Oberstufe wechselte, gab es Machtkämpfe und Mobbing. Das Nichtessen war ihr Halt. «Eines Abends habe ich einfach nur ein Cola light getrunken. Und danach gezielt auf Teigwaren, Reis und Kartoffeln verzichtet.» Das Erste, was sie nach dem Aufstehen machte, war der Gang auf die Waage. Vor und nach jedem Essen kontrollierte sie ihr Gewicht. «Ich hatte meine fixen Regeln. Am Morgen gab es nur selbst gemachtes Brot und zum Zmittag Brokkoli. Zum Znacht nichts.» Die Mutter probierte es mit ignorieren, ermuntern und drohen – nichts nützte. «Wenn mir ein Joghurt vorgesetzt wurde, bekam ich Panik.»

Innerhalb von fünf Monaten nahm Aline Bonifay 20 Kilo ab, wog nur noch 40 Kilogramm. So wurde sie in die Klinik eingeliefert. Drei Monate blieb sie, nahm acht Kilo zu. Dann durfte sie nach Hause und zurück in die Schule. Dort riefen die Kollegen: «Ou, die Magersüchtige kommt wieder!» Aline wurde rückfällig. Sie war so dünn, dass sich ihre Mutter in den Strandferien weigerte, ihr den knöchrigen Rücken einzucremen. Bald darauf wurde Aline ein zweites Mal ins Spital eingeliefert. Jetzt wollte sie etwas ändern. Sie beschloss, eine Klasse zu überspringen und direkt ins Gymnasium zu wechseln.

«Ich wollte leben wie meine neuen Schulkollegen. Mir wurde bewusst: besser, ich geniesse mein Leben, als dass ich mir alles mit meinem Kalorienzählen verderbe», sagt sie. Als eine Kollegin Spaghetti zum Mittagessen mitnahm, machte sie das am nächsten Tag auch. «Es brauchte natürlich viel Überwindung.» Wenn sie vor einer Speise besonders Angst hatte, etwa vor Schokolade, setzte sie sich zum Essen vor den Spiegel und sagte danach: «Siehst du, davon nimmt man nicht so schnell zu.»

Heute kann Aline Bonifay wieder ohne Probleme eine Pizza essen. Nur an schlechten Tagen ertappt sie sich dabei, wie sie wieder Kalorien zu zählen beginnt. Ein halbes Jahr vor ihrer Matura ging Aline an die Öffentlichkeit. Auf einem sozialen Netzwerk outete sie sich im Rahmen einer internationalen Kampagne gegen Essstörungen. «Ich möchte mich nicht verstecken und Gerüchte schüren. Ich finde es falsch, dass Essstörungen immer noch ein Tabu sind. Ich spreche darüber, weil ich mit meiner Magersucht irgendwann abschliessen möchte.»

 
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