Multiple Sklerose Die Therapie ist im Umbruch!

Ein modifiziertes Interferon, Langzeitdaten zur ersten Tablette, neue orale, subkutane und intravenöse Medikamente. Resultat: mehr Lebensqualität für MS-Patienten. Für einen langfristigen Erfolg braucht es eine konsequente und vor allem auch eine frühe Behandlung.
Myelinschicht um die Nervenbahnen beschädigt
© Getty Images

Bei MS-Patienten ist die Myelinschicht um die Nervenbahnen beschädigt, die Reizleitung im Gehirn unterbrochen.

Nach wie vor ist die multiple Sklerose nicht heilbar, doch die Therapie ist im Umbruch wie nie zuvor. Mittlerweile gibt es bald ein Dutzend potenter Behandlungsoptionen. Und ständig kommen neue hinzu. Die klassischen Behandlungsschemen gehören der Vergangenheit an. «Das Ziel der Therapie, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen so lang und so gut wie möglich zu erhalten, ist heute keine Utopie mehr. Umso wichtiger ist es, die Behandlung individuell auf den Patienten und den Krankheitsverlauf abzustimmen, und zwar mit einem spezialisierten, erfahrenen Zentrum», sagt Dr. med. Christian Kamm, Oberarzt an der Neurologischen Poliklinik und Leiter der MS-Sprechstunde am Inselspital Bern. Heute weiss man, dass es bereits früh im Verlauf einer MS zu Schäden im Nervensystem kommt und bestehende Schäden kaum rückgängig gemacht werden können. Deshalb ist für einen langfristigen Erfolg eine konsequente Frühtherapie unabdingbar.

Seit gut 20 Jahren stehen Spritzenpräparate - Interferone und Glatirameracetat - zur Behandlung der multiplen Sklerose zur Verfügung. Mit diesen Medikamenten konnte erstmals ein wirksamer Effekt auf die Schubrate und die Lebensqualität erzielt werden. Seit Kurzem gibt es ein modifiziertes Interferon, welches aufgrund einer Strukturänderung bei vergleichbarer Wirksamkeit nur noch alle zwei Wochen angewendet wird statt wie bisher je nach Präparat alle ein bis sieben Tage. Dass sich die Spritzenpräparate auch 20 Jahre nach ihrer Einführung behaupten können, mag angesichts immer neuer MS-Medikamente, die oft noch bequem oral eingenommen werden können, erstaunen. Ausschlaggebend dürfte wohl sein, dass man diese Medikamente und ihr Nutzen-Risiko-Verhältnis genau kennt und diese Präparate keine schwerwiegenden Nebenwirkungen haben.

Bei der ersten oralen Therapie gegen schubförmige MS blickt man bereits auf eine mehr als vierjährige Erfahrung zurück. Die gute Wirksamkeit in den Zulassungsstudien konnte in Langzeitstudien bestätigt werden. Das zeigen neue Analysen, die erst kürzlich am ECTRIMS, dem wichtigsten Kongress für MS, in Barcelona vorgestellt wurden. Vor zwei Jahren kam ein weiteres immunmodulatorisches Medikament dazu, das oral eingenommen wird. Es kann bei der schubförmig verlaufenden MS von Anfang an eingesetzt werden. Ein Jahr später wurde noch ein orales Präparat lanciert, dieses Mal mit einer altbekannten Wirkstoffgruppe, die bis heute gegen die Psoriasis Verwendung findet. Durch Zufall entdeckte man, dass dieser Wirkstoff auch gegen MS hilft. Mittlerweile werden in der Schweiz rund 1300 MS-Patienten damit behandelt. Weltweit sind es sogar mehr als 170 000. Das Präparat geriet jedoch nicht wegen seiner unbestrittenen Wirksamkeit in die Schlagzeilen, sondern wegen seines Preises. Das gilt auch für eine intravenöse Behandlung mit einem Antikörper, der in der Regel zweimal in einem Abstand von einem Jahr gegen schubförmige MS mittels einer Infusion verabreicht wird.

Weiter gibt es seit 2007 einen sehr wirksamen Antikörper zur Behandlung der aktiven MS, der alle vier Wochen infundiert wird. «Unter dieser Therapie kann es jedoch zu einer schweren Hirninfektion, der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) kommen, weswegen das Medikament vorwiegend als Zweitlinien-Medikament zugelassen ist», erklärt Dr. Kamm. «Mittlerweile kann man die Gefahr einer PML jedoch durch moderne Analysen gut vorhersagen, sodass das Risiko, an PML zu erkranken, besser eingeschätzt und somit verringert werden kann.»

Neue Therapien werden in Bälde folgen. So wurden ebenfalls am diesjährigen ECTRIMS in Barcelona Resultate eines neuen Antikörpers präsentiert, der sowohl bei schubförmiger MS als auch bei primär-progredienter MS, einer Variante der MS, bei der von Beginn an eine schleichende Verschlechterung im Vordergrund steht, eine gute Wirksamkeit zeigte. Dieser Antikörper wird alle sechs Monate infundiert. Ausserdem steht ein weiterer Antikörper, der bisher zur Behandlung von Abstossungsreaktionen nach Nierentransplantationen eingesetzt wird, vor der Zulassung bei der schubförmigen MS. Er führte in grossen Studien zu einer deutlichen Reduktion der Schubrate und wird subkutan verabreicht.

Das Ziel, die MS zu kontrollieren, wird langsam aber sicher wahr. Dr. Christian Kamm: «Auch wenn die Krankheit noch immer ein lebenslanger Begleiter ist, wurde die MS zu einer behandelbaren Krankheit. Unter der Voraussetzung einer frühen Diagnose und Therapie haben die Betroffenen heute gute Chancen, ihr familiäres und berufliches Umfeld ohne grosse Einschränkungen zu gestalten.

Nicht nur der Innovationsschub bei den Medikamenten ist für diese neue Perspektive verantwortlich, sondern auch die Einstellung der Patienten ist eine ganz andere als noch vor wenigen Jahren. Sie sind auf die Frühsymptome sensibilisiert und gehen heute schneller zum Arzt. So geht kaum mehr wertvolle Zeit verloren, bis eine Therapie gestartet wird. Denn eine rasche Therapie bedeutet weniger Krankheitsherde und damit weniger Behinderungen.

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