Psoriasis «Eine kleine Revolution!»

In der Schweiz leiden rund 200'000 Menschen an der Autoimmun-Krankheit - und viele davon haben resigniert und lassen sich nicht mehr behandeln. Der Zürcher Arzt Prof. Alexander Navarini spricht über die neue Behandlungsmethode der Schuppenflechte und darüber, weshalb sich der Gang zum Dermatologen lohnt.
Schuppenflechte
© John S. Lander

Doktor Fisch Hilft bei Schuppenflechte: Fische knabbern die abgestorbene Haut eines Patienten ab. In der Psoriasis-Therapie kommen auch UV-Licht, Injektionen und neu auch Wirkstoffe in Tablettenform zum Einsatz.

Prof. Navarini, wie viele Menschen leiden in der Schweiz an Psoriasis?
Wir schätzen, dass rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung von Psoriasis betroffen sind. Das sind etwa 200 000 Menschen. Wir wissen aus Studien, dass rund ein Fünftel davon eine schwere Psoriasis hat. Das ist der Fall, wenn mehr als zehn Prozent der Körperoberfläche von Hauterscheinungen bedeckt sind oder wenn die Hautsymptome zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. Wir gehen davon aus, dass nur ein kleiner Teil dieser 200 000 Personen in ärztlicher Behandlung ist. Die anderen haben überhaupt keine Therapie oder sind über die Erkrankung nicht informiert, sodass sie gar nicht wissen, dass sie eine Schuppenflechte haben.

Welches sind die häufigsten Erscheinungsformen?
90 Prozent der Fälle macht die sogenannte Plaque-Psoriasis aus. Dabei handelt es sich um scharf begrenzte, rötliche und silbern schuppende, dicke Plaques, die an Ellbogen, Knien, in den Haaren sowie an anderen Stellen am Körper auftreten können. Weiter existiert eine Psoriasis, die von Ekzemen fast nicht unterscheidbar ist und ebenfalls Hände und Füsse befällt. Wobei die ganz dramatischen Formen, bei denen der gesamte Körper gerötet und schuppend ist, lebensbedrohlich werden können. Dann gibt es seltene eitrige Formen der Psoriasis, die meist Hände und Füsse betreffen und sehr schwierig zu behandeln sind.

Was passiert in der Haut der Betroffenen?
In den letzten Jahren haben wir relativ genau herausgefunden, wie die Psoriasis entsteht. Wir wissen, dass durch eine Reizung der Haut – beispielsweise durch Spannung oder Trockenheit – immunaktivierende Substanzen gebildet werden, die uns normalerweise vor Bakterien schützen. Die Entzündung, die durch diese Zellen verursacht wird, führt bei Psoriasis-Patienten zu einer krankhaften Kette von Reaktionen. So können Zellen an den Ort des Geschehens kommen, die Jahre oder sogar ein Leben lang dort bleiben und durch Botenstoffproduktion zur Verdickung und zur raschen Zellteilung der Haut beitragen. Die Zellen teilen sich so rasch, dass die Erbsubstanz, die farblich weiss ist, nicht mehr abgebaut werden kann, bis die Hautzellen die oberste Schicht erreichen. Deswegen erscheinen die Psoriasis-Plaques auch so weisslich-silbern. Zudem kommt es zu einer Weitstellung von ganz kleinen Blutgefässen, die zur rötlichen Farbe der Plaques führen.

Wie oft sind die Gelenke mitbetroffen?
Wir Dermatologen haben in den letzten paar Jahren gelernt, systematisch nach Gelenksbefall zu fragen. Nun wissen wir, dass die Gelenke in bis zu 20 Prozent der Fälle mitbetroffen sind.

Welche Folge hat die Schuppenflechte für das Leben der Patienten?
Sie können sehr dramatische Veränderungen im Leben erfahren, je nach betroffener Hautregion. Jedenfalls ist die äusserliche Therapie zeitaufwendig und oft unangenehm. Auch die Lichttherapie kann sehr zeitintensiv sein und zu beschleunigter Alterung der Haut beitragen. Medikamente, die entweder als Pille oder als Spritze verabreicht werden, können Nebenwirkungen haben. Zudem sind sie oft sehr teuer. Psoriasis-Patienten, die an den Händen betroffen sind, erleben direkt, wie negativ die Gesellschaft oft auf derartige Hautmanifestationen reagiert. Die Psoriasis-Arthritis kann Menschen bei der körperlichen Arbeit stark behindern.

Weshalb haben so viele Menschen mit Schuppenflechte resigniert und gehen nicht mehr zum Arzt?
In den letzten 50 Jahren hat sich bei der Psoriasis-Therapie sehr lange nichts bewegt. Erst nach 2007 kamen neue Medikamente auf den Markt, die hocheffektiv gegen die Psoriasis wirken können. Viele Patienten haben vor dieser Ära negative Erfahrungen gemacht und sind nicht mehr daran interessiert, etwas Neues zu probieren. Mit Information über die Innovationen in der Psoriasis-Therapie versuchen wir, auch diese Patienten zu einem neuen Versuch zu motivieren, ihre Psoriasis zu behandeln.

In Zusammenhang mit neuen niedermolekularen Immunmodulatoren spricht man von einer Revolution in der Behandlung der Psoriasis. Ist dieses Wort angebracht?
Wir kennen seit 2007 neue und sehr effektive Medikamente. Sie haben den Nachteil, dass man sie unter die Haut spritzen muss. Deswegen haben sich die Anstrengungen darauf fokussiert, auch oral einnehmbare Medikamente zu entwickeln. Diese Anstrengungen haben Früchte getragen, zum Beispiel in Form eines Wirkstoffes, der als Tablette zweimal täglich eingenommen wird. Er ist zwar nicht ganz so stark wie die biologischen Medikamente, aber für die Patienten sehr viel bequemer einzunehmen, und man muss auch praktisch keine Laborkontrollen mehr machen. Man kann daher durchaus von einer kleinen Revolution sprechen.

Was weiss man über die Wirksamkeit und Verträglichkeit?
Die kleinen Moleküle führen in einem Drittel der Fälle innerhalb von vier Monaten zu einer 75-prozentigen Besserung der Psoriasis. Das kann sich über eine längere Therapiedauer noch verbessern. Zudem können sie recht rasch den Juckreiz reduzieren. Wir gehen davon aus, dass diese Medikamente am Kopf und Nacken sowie an den oberen Extremitäten und am Stamm schneller wirken als an den Beinen. Die Verträglichkeit ist gut, wenn man die schwereren Nebenwirkungen anschaut. Davon gibt es praktisch keine. Allerdings kommt es recht häufig zu Durchfall und Übelkeit. Diese Nebenwirkungen bilden sich meistens innerhalb von vier Wochen wieder zurück.

Was raten Sie Patienten, die resigniert und sich keiner Therapie mehr unterzogen haben?
Wir raten zu einem offenen Gespräch mit einem gut ausgebildeten, modern orientierten Dermatologen, der sie über die aktuellen Möglichkeiten informieren kann. Wir versuchen niemanden zu überreden, eine Therapie zu machen. Aber wir haben mit derartigen Gesprächen bei sehr vielen Patienten langfristig schon eine deutliche Besserung erreicht.

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