Morbus Bechterew Oft unerkanntes Rückenleiden

Im Schnitt vergehen sechs Jahre, bis die Diagnose Morbus Bechterew gestellt wird. Weil manche Ärzte die Symptome nicht ernst nehmen. Dabei sollte die Therapie so früh wie möglich beginnen. Sonst droht eine Versteifung der Wirbelsäule.
Morbus Bechterew
© Atelier Riediger

Ich weiss bald nicht mehr, an wen ich mich wenden soll. Ich bin 55 Jahre alt und habe seit Sommer 2009 Schmerzen in der Beckengegend, genauer in den Ileosakral-Gelenken und in der Wirbelsäule. Der Wechsel vom Liegen nachts zum Aufstehen am Morgen ist schrecklich. Ich war beim Hausarzt, beim Chiropraktiker, Physiotherapeuten, Rheumatologen. Der Hausarzt nimmt mich nicht richtig ernst. Und der Rheumatologe sagt, irgendwann würde meine Wirbelsäule verknöchern. Aber wann? Alles wird immer schlimmer. Ich bin fünffache Mutter und Bauersfrau. Ich habe meinem Mann auf dem Betrieb trotz Schmerzen immer sehr viel geholfen. Ich muss am Morgen im Stall helfen, wenn die Schmerzen am grössten sind. Wegen meiner Beschwerden musste ich meine Arbeit reduzieren. Als Folge davon hatte mein Mann die Mehrarbeit zu leisten, und er erlitt deshalb im Dezember 2012 einen Herzinfarkt. Er ist jetzt 58 und mag auch bald nicht mehr. Er darf nichts Schweres heben und sollte sich bei starker Hitze nicht draussen aufhalten. Ich habe keine Ahnung, wie das ein Landwirt machen soll. Da ist der nächste Zusammenbruch vorprogrammiert. Damit ich wieder mithelfen kann, muss ich schmerzfrei sein. Spritzen und Schmerztabletten haben überhaupt nichts gebracht. Im Gegenteil, ich bekam nur Bauchschmerzen und Probleme mit dem Blutdruck. Im Moment habe ich so den Verleider, dass ich bei keinem Arzt in Behandlung bin. Ich dachte, vielleicht wissen Sie einen Rat.

Meine Beurteilung Es gibt Patientenschicksale, da könnte ich mir die Haare ausreissen. Der vorliegende Fall gehört zu dieser himmelschreienden Kategorie. Da stellt eine Frau fünf Kinder auf die Welt, zieht sie gross und schuftet ihr Leben lang auf dem Hof Ihres Gatten, und was ist der Dank? Sie wird von Ihrer Krankenversicherung mit ihrem Hausarztmodell, vom Hausarzt selber und den Spezialisten so jämmerlich alleine gelassen, dass sie resigniert. Der Hausarzt wimmelt sie ab, zum Spezialisten kann sie wegen des Hausarztmodells nicht ohne Segen des Hausarztes. Dieser gibt ihr normale Schmerztabletten, die ihr auf den Magen schlagen und verordnet ein bisschen Physiotherapie. Schlimm ist, dass offenbar niemand die richtige Abklärung veranlasst und die richtige Diagnose stellt, obwohl die Patientin die Verdachtssymptome für Morbus Bechterew, eine schwerwiegende entzündlich-rheumatische Erkrankung, auf dem Serviertablett präsentiert. «Der Wechsel vom Liegen nachts zum Aufstehen am Morgen ist schrecklich.» Wenn da nicht alle Alarmglocken klingeln, kann ich auch nicht mehr helfen. Klar, dass bei dieser Erkrankung normale Schmerzmittel kaum etwas nützen.

Beim Morbus Bechterew sind vorwiegend das Kreuz-Darmbein-Gelenk und die Wirbelsäule befallen. Diese Entzündung ist verantwortlich für den typischen nächtlichen und den morgendlichen Schmerz beim Aufstehen. An der Wirbelsäule können die Zwischenwirbelgelenke und sämtliche Bänder von der Entzündung erfasst werden. Dieser Prozess verursacht Schmerzen und schränkt die Beweglichkeit massiv ein. Unter Umständen kann die ganze Wirbelsäule versteifen.

Therapeutisch am wichtigsten sind Basismedikamente, die den Krankheitsverlauf beeinflussen können. Davon gibt es eine ganze Reihe. Versagen sie, kommen moderne biologisch aktive Wirkstoffe zum Einsatz. Mit einzelnen davon hat man mittlerweile schon über zehn Jahre Erfahrung. Sie sind hochwirksam und sicher. Zudem ist eine Bewegungstherapie unerlässlich, um die Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern.

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