Insomie Schlafprobleme: Drei Experten – drei Therapien!

Stress im Alltag, einseitige Lebensweise oder ungelöste Konflikte – alles Umstände, die uns den Schlaf rauben können. So Unterschiedlich die Ursachen, so unterschiedlich die Therapien. Alles über die drei wichtigsten Ansätze.
Dr. Martina Haeck Anthroposophin
© Lucian Hunziker

Gespräche und Körperanwendungen – die Erfolgsrezepte von Dr. Martina Haeck.

Das sagt der Traditionelle Chinesische Mediziner
Betroffene, die sich zwei bis drei Stunden wälzen, um endlich Schlaf zu finden, sind bei Sinomedica in Zürich eher häufiger als Patienten mit Durchschlafstörungen. Dr. Alex Meyer, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Traditionelle Chinesische Medizin, klärt zuerst nach schulmedizinischen Kriterien korrekt ab, was der Schlafstörung zugrunde liegen könnte. Anschliessend begutachtet er den Patienten nach den Leitlinien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), was u. a. Gespräche, Beobachtung, Puls- und Zungen-Diagnostik beinhaltet. «Danach entscheide ich über das Muster der Schlafstörung. Dementsprechend werden individuell die Nadeln gesetzt.» Reicht Akupunktur allein nicht, verabreicht man in der TCM zusätzlich Kräuter. «Mit dieser Kombination haben wir gute Erfolge. Will ein Patient die Therapie noch weiter unterstützen, empfehlen wir Entspannungsübungen wie Tai-Chi oder Qigong.» Medikamente werden nicht eingesetzt. Denn nur die natürliche Schlafarchitektur garantiert einen erholsamen Schlaf. Und die wird mit einem Schlafmittel nicht erreicht. «Die Tiefe von Non-REM-Phasen- und REM-Phasen-Schlaf ist mit Chemie schwierig zu erreichen», sagt Dr. Meyer. Gerade bei Patienten, die unter stressbedingten Schlafstörungen leiden, ist Akupunktur sehr erfolgreich. Laut dem TCM-Arzt schlafen die meisten Betroffenen nach sechs bis acht Sitzungen, bei zwei bis drei Behandlungen pro Woche, wieder viel besser. Es lohnt sich, in grösseren Abständen eine Sitzung zu wiederholen, damit ein guter Schlaf erhalten bleibt. Fazit: «Schlafstörungen sind eine ideale Indikation für Akupunktur.» www.sinomedica.ch

Das sagt die Anthroposophin
Körper, Seele und Geist – in der anthroposophischen Medizin sind diese drei Dinge unzertrennlich. Wenn es zu einem Ungleichgewicht zwischen ihnen kommt, äussert sich das in psychischen und physischen Beschwerden. «Bei Patienten mit Schlafproblemen stellen wir oft eine einseitige Lebensweise fest», sagt Dr. Martina Haeck von der anthroposophischen Klinik in Arlesheim bei Basel. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn jemand den ganzen Tag nur am Computer sitzt und sich nicht genügend bewegt. «Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Menschen mit Schlafstörungen schlecht loslassen können. Sie nehmen ihre Alltagskonflikte mit ins Bett», sagt Dr. Martina Haeck. Bei der ersten Konsultation werden mit herkömmlichen medizinischen Untersuchungen alle körperlichen Ursachen, wie zum Beispiel Asthma, Herzprobleme oder Schlafapnoe, ausgeschlossen. Dann wird in einem Gespräch (anderthalb Stunden) nach den Schlafgewohnheiten, dem Aufwachen, der Tagesbefindlichkeit, der Biografie und den allgemeinen Lebensbedingungen gefragt. Nur in ganz seltenen Fällen werden die Patienten in ein Schlaflabor überführt. «Wir sind der Schulmedizin gegenüber offen und wollen sie ergänzen», sagt Dr. Haeck. Die Therapie kann in der Klinik Arlesheim stationär (bis zu zehn Wochen) oder ambulant durchgeführt werden. Die beiden zentralen Therapie-Bestandteile sind Gespräche und Körperanwendungen. Bei den Gesprächen wird eine vertiefte Vorgehensweise angesprochen – «die einseitige Lebensweise hat ja Gründe». Um Änderungen zu erreichen, werden spezifische Anregungen und neue Aspekte des Lebens aufgezeigt. Die Körperanwendungen bestehen aus Wickel, die die Organe anregen oder beruhigen, spezielle Bäder, Salben und Tees. Dazu gibt es Meditations- und Entspannungstechniken, Heileurythmie und Musiktherapie. Auch anthroposophische Medikamente werden verabreicht, deren Zusammensetzung immer individuell dem Patienten angepasst ist. «Wir haben sehr gute Erfolge mit unserem Konzept», sagt Dr. Haeck. www.klinik-arlesheim.ch

Das sagt der Schulmediziner
«Bei Ein- und Durchschlafstörungen ist eine Untersuchung im Schlaflabor nur sehr selten notwendig», sagt Prof. Christian Baumann vom Universitätsspital Zürich. «Und auch körperliche Ursachen kommen eher selten vor.» Ein häufiger Grund ist, dass sich eine Schlafstörung nach einem Stressmoment verselbstständigt. Das kommt vor, wenn man zum Beispiel einen Todesfall erlebte, nicht schlafen konnte und – obwohl sich der Stress langsam wieder legt – man weiterhin nicht gut schlafen kann. «Wer mehr als drei Monate Probleme mit dem Schlafen hat, sollte einen Arzt aufsuchen», sagt Prof. Christian Baumann. Bei der Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen setzt die Schulmedizin auf die kognitive Verhaltenstherapie. Sie wird von spezialisierten Psychiatern angeboten, am besten besucht man sie regelmässig. «Der Erfolg stellt sich meistens zwischen ein paar Wochen und wenigen Monaten ein», sagt Prof. Christian Baumann. Medikamente werden nur sehr gezielt eingesetzt und nützen vor allem dann, wenn man die genaue Ursache, wie zum Beispiel eine Depression, kennt. Ganz wichtig: «Klassische Schlafmittel darf man nur wenige Tage einnehmen, sie machen abhängig.» www.neurologie.usz.ch

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