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Corona-Betroffene erzählen

«Als wäre ich nochmals geboren»

Was begann wie eine Grippe, wurde zum Kampf ums Überleben. Sennur Sümer erkrankte am Coronavirus – und überstand die Infektion. «Gott schenkte mir ein neues Leben.»

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Noch suchen Sennur Sümer düstere Erinnerungen heim. Beten hilft, nach vorn zu blicken.

Joseph Khakshouri

Ab und zu schnappt Sennur Sümer frische Luft auf ihrem Balkon in Villmergen AG. Weiter weg darf die 49-Jährige nicht, denn sie steht zum Zeitpunkt unseres Interviews immer noch unter Quarantäne. Wäre nicht die Gesichtsmaske, man würde ihr kaum ansehen, dass sie die vergangenen Wochen durch die Hölle ging.

Als ein Freund Mitte März bemerkt, dass Sümer hustet und fiebrig wirkt, rät er ihr, sich auf das Coronavirus testen zu lassen. «Ich dachte, ich hätte die Grippe», erinnert sich die Gastronomin und Migrationsfachfrau heute. Am 18. März macht sie im Kantonsspital Aarau einen Test. Zwei Tage lang muss sie auf das Ergebnis warten. In dieser kurzen Zeit verschlechtert sich ihr Zustand rapide. «Ich hatte hohes Fieber, starken Durchfall, Gelenkschmerzen und Husten. Mir ging es sehr schlecht.»

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Dann die Schock-Diagnose: Der Corona-Test ist positiv. «Am Telefon erklärten mir die Ärzte, ich müsse mich zu Hause unter Quarantäne stellen. Ob ich Medikamente nehmen soll, erwähnte man aber nicht.» Sennur Sümer steht unter Schock, vergisst nachzufragen.

Am Tag nach der Hiobsbotschaft kann sie sich nicht einmal mehr bewegen. «Ich war wie gelähmt!» Sie bittet einen Freund, der ihr Suppe vor die Haustür stellt, den Notruf zu verständigen. Die Ärztin misst 39,9 Grad Fieber und legt eine Infusion, damit Sümer nicht dehydriert. Sie rät der Patientin, fiebersenkende Schmerzmittel einzunehmen. Ins Spital müsse sie nicht.

Doch die kommende Nacht wird der reine Horror: Sümer erbricht viel Blut und Schleim, ein übler Durchfall raubt ihr alle Energie. «Ich war wie blockiert. Da bekam ich es mit der Angst zu tun.» Sümers Mann ruft den Notarzt, der sie sofort ins Kantonsspital Aarau auf die Corona-Station einliefert.

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In der Quarantäne zu Hause in Villmergen AG hat Sennur Sümer viel Zeit, um über ihr Leben nach Corona nachzudenken.

Joseph Khakshouri

Als Geschäftsführerin eines Restaurants hat Sümer Kontakt mit vielen Menschen. Ob sie sich da angesteckt hat? Dass ihr Betrieb wegen der Pandemie geschlossen ist und sie ihre andere Tätigkeit als interkulturelle Übersetzerin nicht mehr wahrnehmen kann, beschäftigt sie im Spital kaum. Sümer fürchtet zu sterben. «Diese Angst ist unbeschreiblich.» Die Erinnerungen treiben ihr Tränen in die Augen.

Die täglichen Anrufe ihrer Mutter aus der Türkei spenden zwar Trost. Doch eine blutende Nase und blutiger Husten unterbrechen sie immer wieder. «Ich fühlte mich, als suchte meine Lunge einen Weg nach draussen.»

Die Abwärtsspirale dreht sich derweil weiter: Wenige Tage später muss ihr Mann ebenfalls mit einem positiven Corona-Befund ins Spital. «Meine Kinder sind 15 und 17, wer kümmert sich um sie, wenn wir das nicht überleben?», fragt sich Sümer, an eine Atemmaske gefesselt. Als hätte sie nicht genug Sorgen, erfährt sie, dass ein enger Freund der Familie am Coronavirus gestorben ist. Der Einzige, dem sie ihre Kinder im Todesfall anvertraut hätte.

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Neun Tage lang musste Sümer auf der Corona-Station des Kantonsspitals Aarau beatmet werden.

ZVG

«Ich frage mich häufig: Warum ich? Ich bin doch eine gesunde Frau!»

Sennur Sümer

Nach neun Tagen am Beatmungsgerät und einer Behandlung mit dem Malaria-Medikament Plaquenil bessert sich ihr Zustand. Sümer darf am 2. April nach 13 Tagen wieder nach Hause – nicht nur 16 Kilo leichter, ihr fällt auch ein tonnenschwerer Stein vom Herzen.

Bei der Entlassung ist ihre Stimmung gemischt. «Einerseits fühlte ich mich im Spital in Sicherheit. Andererseits bin ich überglücklich, dass ich die Krankheit überwunden habe. Es ist, als wäre ich noch einmal auf die Welt gekommen.»

Sennur Sümer pflegt sich seit der Entlassung zu Hause. Sie ist zwar schwach und schmeckt noch nichts, dafür plagen sie keine anderen Symptome mehr. «Ich frage mich häufig: Warum ich? Ich bin doch eine gesunde Frau!» Ihr Mann hingegen leidet an Diabetes und ist auf Medizin angewiesen. Er konnte das Spital aber nach zwei Tagen schon wieder verlassen. Auch er ist auf dem Weg der Besserung.

Zu Hause grübelt sie viel über ihr Leben nach. Noch immer bricht sie in Tränen aus, wenn sie daran denkt, dass sie hätte sterben können und dass ihre Kinder womöglich ohne Eltern zurückgeblieben wären. Trost sucht die Katholikin in ihrem Glauben. «Der liebe Gott hat mir ein neues Leben geschenkt», sagt sie heute. Sümer will Negatives aus ihrem Leben entfernen und mehr Energie in Positives stecken. Sie möchte zum Beispiel Freiwilligenarbeit im Kantonsspital Aarau leisten. «Die Ärzte und Pfleger sind Engel, die mir Gott geschickt hat. Jetzt will ich ihnen etwas zurückgeben.»

Von Onur Ogul am 17.04.2020
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