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  4. Steffi Buchli: Die MySports-Programmchefin ist heute Feministin

Steffi Buchlis Job-Ängste

«Ich habe mich bei meiner MySports-Bewerbung überverkauft»

Im Sommer 2017 verliess Steffi Buchli ihren langjährigen Arbeitgeber SRF und wechselte zum privaten TV-Sender MySports. Heute – fast drei Jahre später – ist die Programmchefin überzeugte Feministin. Offen wie nie zuvor offenbart Buchli, wie es dazu kam und in welchen Situationen sie realisierte, dass Frauen sich «überverkaufen» müssen.

28.09.2017 Sechseläutenplatz Zürich SCHWEIZ , 13 . Zurich Film Festival . Green Carpet Eröffnungsabend Im Bild : Steffi Buchli (c) Foto Manuel Geisser

Steffi Buchli ist Programmchefin beim privaten TV-Sender MySports, zuvor war sie elf Jahre Sportmoderatorin bei SRF.

Dukas

Als Steffi Buchli 2016 vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter Karlie wieder 100 Prozent arbeiten ging, musste sie einen Shitstorm über sich ergehen lassen. Diese Kritik aus der Bevölkerung hat die frühere SRF-Sportmoderatorin aber keineswegs davon abgehalten, den nächsten Karriereschritt in Angriff zu nehmen. Per Ende Juni 2017 wechselte sie als Programmchefin zum privaten TV-Sender MySports. Fast drei Jahre später spricht Buchli im Youtube-Talkformat «Hoi Talks» nun erstmals über die Ängste, die sie damals plagten, und verrät, dass dieser Schritt sie darin bestärkt habe, eine Feministin zu werden.

Das Kaffee bringen ist in der Geschäftswelt in 90 Prozent Frauensache


Danach gefragt, warum sie Feministin sei, bringt Buchli ein Beispiel aus ihrem Job-Alltag. «Dies ist eines meiner Lieblingsbeispiele: Eine Sitzung mit acht Teilnehmern, drei haben organisiert, zwei Männer, eine Frau. Wer bringt den Kaffee?», fragt eine auf die Kamera fokussierte Steffi Buchli mit grossen Augen und schiebt sogleich die Antwort nach. In 90 Prozent der Fälle sage irgendwann die Frau mal: «Darf ich euch den Kaffee bringen? Wollt ihr noch ein Wasser oder sonst etwas? Mit, ohne? Wartet, ich schenk gleich noch ein.»

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Sie setzt in ihrem Berufsalltag bewusst extreme Zeichen


Aufgrund dieses immer gleichen Schemas habe sie sich angewöhnt, die Typen in den Sitzungszimmern «aushungern» zu lassen, erklärt Buchli. «Da muss man manchmal ein extremes Zeichen setzen, damit die anderen merken, dass es so ein Rollending ist, in das man reintappt», ist die MySports-Programchefin überzeugt. 

Steffi Buchli

So geht Gleichberechtigung: Steffi Buchli baut Schneemänner, kauft Kübelsäcke und repariert die Spielsachen ihrer Tochter Karlie. Alle diese Aufgaben erledigt auch ihr Mann. 

Instagram / Steffi Buchli

Aus ihrer Zeit am Leutschenbach hat sie ähnliche Beispiele zu berichten, die aufzeigen, wie sehr die Gesellschaft in den Rollen Mann und Frau denkt. «Eines der herzigsten und gleichzeitig erschreckendsten Komplimente, die ich erhalten habe, war: ‹Sie machen das super dort im Sport – also vor allem als Frau.›» Dabei seien Fussballregeln überhaupt nicht komplex, dass man das als Frau nicht kognitiv verstehen könnte. «Die Gesellschaft gibt uns vor, wir hätten Limiten», echauffiert sie sich.

«Wir Frauen können eine Funktion einfordern»
 

Aus all diesen Gründen und Erfahrungen im beruflichen Alltag hat sie für sich realisiert, wie wichtig es ist, Feministin zu sein. «Ich glaube, ich habe vor etwa drei Jahren zum ersten Mal gesagt, dass ich finde, ich sei eine Feministin», erinnert sie sich im Talk. Um dieses stereotype Denken in der Gesellschaft zu verändern, müssen Frauen auch die eigene Sichtweise auf sich selbst verändern. «Wir Frauen müssen wissen, wir haben einen Wert. Wir können das und das. Wir können eine Funktion einfordern.» Sie sei manchmal fast ein wenig neidisch auf die Art und Weise, wie sich Männer in der Geschäftswelt bewegen. «Ich finde, genau davon sollten wir uns einfach eine richtig schöne Scheibe abschneiden und mutiger herangehen.»

Der Job als Programmchefin war theoretisch eine Nummer zu gross
 

Mit solchem Mut hat sie sich damals im Bewerbungsprozess bei ihrem heutigen Arbeitgeber MySports präsentiert. «Wenn ich ganz ehrlich bin, meinen Job bei MySports hätte ich nie bekommen, wenn ich mich nicht etwas überverkauft hätte», ist sie sich sicher. «Zu dem Zeitpunkt, wo ich den Job angenommen habe, wusste ich nicht, ob ich das kann. Vielleicht 70 Prozent hatte ich, bei 30 Prozent habe ich einfach so getan, als würde ich es können.»

Nach der Job-Zusage plagte sie der Gedanken: «Jetzt muss ich abliefern.» Sie sei aus dem Gebäude herausgelaufen und fast zusammengebrochen, erinnert sie sich. «Ich habe mir vor Angst fast in die Hosen gemacht», offenbart sie. Rückblickend zeigte sich, dass es völlig richtig war, so selbstbewusst aufzutreten und diese Funktion und die damit verbundene Verantwortung einzufordern. Sie habe danach fleissig Neues dazugelernt und die Entscheidung nicht bereut, so Buchli. «Durch das habe ich so eine krasse Lernkurve in mein Leben gebracht, dass es eine wahre Freude war für mich.»

Anders in einen Raum hineingehen, hilft schon
 

Frauen seien so perfektionistisch veranlagt, dass sie bei einer Job-Ausschreibung warten würden, bis sie 105 Prozent davon erfüllten, erst dann getrauten sie sich ins Rennen zu gehen, glaubt Buchli. Frauen, die die Willenskraft und das Selbstbewusstsein nicht von heute auf morgen aufbringen, können zunächst in ihrem Alltag mit kleinen Dingen dazu beitragen, dass veraltete Rollenmuster nicht mehr zum Tragen kommen. Buchli hat da ein paar Tipps: «Es geht nur darum, ein birebitzeli an der Haltung zu schaffen. An der Art und Weise zu schaffen, wie du in einen Raum hineingehst.» Durch feine Justierungen bekomme man mehr Mut und so verfestige sich die neue Grundhaltung, erklärt sie.

Ein gleichberechtigter Haushalt
 

Auch im Alltag mit ihrer Tochter Karlie und im Familienleben allgemein bemüht sie sich, nicht in Genderfallen zu tappen. So flickt Steffi Buchli auch mal das kaputte Druckgerät. Auch wenn ihre Tochter just bei dieser Sache gemeint hat: «Das muss de Papa mache.» Im Haushalt erledigen sie und ihr Mann beide beides. «Unsere Form von Familienleben klappt nur, weil mein Mann bereit ist, gleichberechtigt einen Haushalt zu führen.» Ihr abschliessendes Fazit zur Feminismus-Debatte: «Ich glaube eine Feministin kann nur eine Feministin sein, wenn sie einen Mann hat, der auch Feminist ist.» 

Von Sarah Huber am 28.02.2020
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