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  3. Das Erfolgskonzept von «The Voice of Switzerland»

Gesang im Tränenmeer

«The Voice» ist extrem traurig

Das Rezept ist altbewährt – getrennte Liebende vereinen oder Familien wieder zusammen bringen, das ist ein Erfolgsrezept. Das haben auch die Macher von «The Voice of Switzerland» begriffen. Und Christa Rigozzi trocknet ihre Tränen. Win-Win.

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Menschen lieben grosse Gefühle. Das nutzte etwa Kai Pflaume in den 90er-Jahren mit seiner Hit-Show «Nur die Liebe zählt» aus. Liebende fanden im Studio nach Jahren der Trennung wieder zueinander. Oder durch traurige Umstände voneinander getrennte Familienmitglieder fanden dank Pflaume endlich wieder zusammen. Geschichten, die das Leben schrieb – im TV. Mit echten Tränen und Gefühlen. Das Rezept ging 18 Jahre auf. 2011 hatte das Publikum offenbar genug von diesem Drehbuch, 2011 lief die vorerst letzte Schnulzen-Episode. Eine neue Ära brach an: Willkommen im Zeitalter der Casting-Shows.

Plötzlich wurden echte Emotionen durch ein neues Gefühlschaos abgelöst – dem Fremdschämen. Denn Hand aufs Herz: Was mochten wir wirklich an den Casting-Shows à la «DSDS» oder «Popstars»? Waren es die (teilweise doch subliminalen) Sprüche von Dieter Bohlen, 66, (DSDS) und Detlef D! Soosts (Popstars) Härte, die so manche Kandidatinnen und Kandidaten an ihre Grenzen brachte? Das Publikum labte sich am Scheitern – Eskapismus vom Feinsten. Und doch auch wie eine Achterbahn. Denn tief im Herzen war uns immer klar: Fremdschämen? Nicht nett. Lange gings, bis sich unser Gewissenskonflikt auch in der Quote niederschlug. Die letzte «DSDS»-Staffel 2019 fesselte durchschnittlich 3,7 Millionen Zuschauer an ihre Sessel. 2002 bei Staffel 1 waren hingegen noch Spitzenwerte bis zu 15 Millionen Zuschauern möglich. Das goldene Zeitalter der Fremdschäm-Posse ist ganz offensichtlich vorbei.

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Erfolg ohne fiese Bohlen-Standard-Sprüche

Und ein neues Format steigt wie Phönix aus der Asche: Begrüssen wir gemeinsam «The Voice». Das Konzept in kurz? Weniger Fremdschämen, weniger persönliches Drama, mehr Fokus auf Talent. Musste «DSDS» seine Jury-Sessel nach und nach mit, sagen wir, überraschendem Personal füllen, rannten die Stars der deutschen Musikszene dem neuen Musik-Format fast die Bude ein. Nena, The BossHoss oder die Fanta4 konnten das neue Konzept nicht genug loben. 

2013 sprang auch das SRF auf den Zug auf und produzierte zwei Staffeln «The Voice of Switzerland». Dann war Schluss.

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Dieter Bohlen ist seit 17 Staffeln das Aushängeschild von «DSDS».

RTL/Stefan Gregorowius

TVOS-Macher kombinieren Altbewährtes mit Trends

Bis der Sender 3+ 2019 den Faden wieder aufnahm – und das Konzept augenscheinlich weiter spinnt. Denn: Der Zürcher Privatsender verwebt hier zwei fundamental erfolgreiche Konzepte. 1. Er holt sich echte Emotionen à la Kai Pflaume und kombiniert diese 2. mit genauso echtem Gesangstalent. Ob Röbi Koller (Mister «Happy Day» himself) schon neidisch ist, ist leider nicht überliefert. 

Ein paar Beispiele gefällig?

1. Nortasha singt für ihren verstorbenen Bruder

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Nortasha Dayang.

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2018 war ein trauriges Schicksalsjahr für die heute 38-Jährige. Nortashas Bruder starb völlig überraschend im Alter von 31 Jahren an Leberversagen. Mit ihrem Auftritt bei «The Voice» löste die Baselbieterin ihr allerletztes Versprechen ein: «Das Lied heute singe ich für ihn. Dies war sein letzter Wunsch», sagt Tasha mit zittriger stimme kurz vor ihrem Auftritt.

 

 

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Die Coaches Anna Rossinelli und Truffer trösten Nortasha.

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Doch Tasha muss diesen Moment nicht alleine verkraften. Ihre Mama ist zur Unterstützung extra aus Malaysia eingeflogen. Auch auf Moderatorin Christa Rigozzi, 36, kann sie sich verlassen. Sie ist immer da, wenn Tränen zu trocknen sind. «Dein Bruder schaut dir zu und ist sicher sehr stolz auf dich. Und jetzt musst du wieder schön lachen, weil du auf der grossen Bühne alles geben musst», gibt sie der Kandidatin mit auf den Weg. Tasha: «Jetzt mache ich meinen Bruder stolz!»

 

2. Tränenreiches Wiedersehen für Nahum González

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Nahum González.

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Es war Liebe auf den ersten Blick. Für Nahum González war vor 15 Jahren sofort klar: Simone ist die Frau seines Lebens. Vier Jahre später folgte er seiner grossen Liebe in die Schweiz. Der heute 31-Jährige liess seine Heimat Venezuela, seine Freunde und seine Familie zurück. «Ich habe meine Mama nun seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ich vermisse sie jeden Tag, am meisten aber an Geburtstagen und Weihnachten.» So etwas lassen Christa Rigozzi und die Verantwortlichen bei 3+ nicht auf sich sitzen. Erfahrene Zuschauer haben es längst geschnallt – backstage wartet vermutlich seine Familie für ein grosses Wiedersehen. Wir haben damals bei Kai Pflaume ziemlich gut aufgepasst. 

Mama Rechina kann ihr Glück kaum fassen. Gleich wird sie ihren Sohn wieder in die Arme schliessen können. Und – das Sahnehäubchen obendrauf – sie wird endlich ihren jüngsten Enkel kennenlernen.  

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Das Wiedersehen mit seiner Mama rührt ihn zutiefst.

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Logisch, ahnt Nahum noch nichts von seiner Überraschung. Er hört sich das Urteil der Coaches an. Plötzlich sieht er seine Mama. Es ist um ihn geschehen. Die beiden können ihre Tränen der Freude nun nicht mehr zurück halten. Selbst Trauffer, 41, kann seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Auch er weint. Kollege DJ Antoine, 44 gibt zu, dass auch bei ihm nicht mehr viel gefehlt hätte.

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Trauffer kämpft mit den Tränen.

3+

Wir merken: 3+ bringt eine etwas neuere Version von «The Voice» in unsere Wohnzimmer. Fremdschäm-Momente haben beim Schweizer Privatsender weiterhin bei «Der Bachelor» ihre Daseinsberechtigung. Bei «The Voice» hat das alles keinen Platz. Vor lauter Tränen und echten Emotionen. 

am 11.02.2020
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