Bernhard und Mari Russi Ihre Liebe ging ganz leise

25 Jahre waren sie das Traumpaar der Schweiz: Ski-Legende Bernhard Russi und seine Mari. Jetzt haben sie sich getrennt. Und nicht nur ihre engsten Freunde fragen sich: Wie konnte es nur so weit kommen?
19. März 2005 Stolz und glücklich: Bernhard Russi wird in Beaver Creek, USA,  in die Ski Hall of Fame aufgenommen.  Und wirbelt mit Mari übers Tanzparkett.

19. März 2005 Stolz und glücklich: Bernhard Russi wird in Beaver Creek, USA, in die Ski Hall of Fame aufgenommen. Und wirbelt mit Mari übers Tanzparkett.

Es ist der 17. Mai 2009. Konzertveranstalter André Béchir feiert in Dübendorf ZH seinen 60. Geburtstag. Unter den 650 geladenen Gästen ist auch Bernhard Russi. Er sieht blendend aus, plaudert charmant mit Christine Maier, scherzt mit René Rindlisbacher, erzählt von einem kleinen Unfall, den er sich im Klettergarten zugezogen hat.

Russi ist allein eingetroffen, seine Frau stecke noch im Stau. Als Mari später eintrifft, fällt einigen Gästen auf, wie kühl die beiden sich begrüssen. Hat das Paar etwa Streit? Zieht da ein Sturm auf am bisher wolkenlosen Ehe-Himmel? Als die Russis später strahlend für Fotos posieren, verfliegen diese Gedanken. Sie sind eines der Traumpaare der Schweiz. Seit 25 Jahren verliebt, seit 17 Jahren verheiratet. Bernhard und Mari scheinen das Glück gepachtet zu haben.

Knapp vier Monate später, am 30. August, schockt Russi im «SonntagsBlick» die ganze Schweiz: «Seit fünf Tagen lebe ich getrennt von Mari.» Nicht nur die Öffentlichkeit ist verblüfft, sondern auch viele enge Freunde. «Meine Frau und ich fielen aus allen Wolken», sagt Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann. «Vor eineinhalb Jahren besuchten wir noch alle zusammen einen Salsa-Tanzkurs.» Auch Unternehmer Hausi Leutenegger, der Bernhard und Mari schon seit Jahren kennt, ist baff: «Ich bin fast vom Stuhl gefallen! Ich hätte darauf gewettet, dass diese Ehe hält!» Wie viele andere auch. Und nicht nur die engsten Freunde fragen sich: Warum ist den beiden die Liebe abhandengekommen?

«Mari ist meine Frau fürs Leben»
Bernhard Russi, 29. Juni 1992
Ihre Liebe beginnt still, leise, fast unbemerkt. Vor 25 Jahren, nicht lange nach der Trennung von seiner ersten Ehefrau Michèle Rubli, lernt Bernhard Russi Mari Bergström kennen. Die Schwedin arbeitet als Receptionistin im Genfer Hotel Hilton – und hat keine Ahnung, dass da eine Abfahrtslegende vor ihr steht. Sie lässt sich trotzdem von ihm zu einer Beizen-Tour überreden. Freunde und Bekannte bemerken die bildschöne junge Frau erstmals an einem Lauberhorn-Rennen an Russis Seite. Es dauert aber acht Jahre, bis auch die Öffentlichkeit erfährt: «Das ist Mari. Und ich liebe sie.» (Titel der Schweizer Illustrierten vom 29. Juni 1992.) Da haben sich die beiden bereits im kleinsten Kreis im schwedischen Fischer-Dörfchen Torekov, wo die Stockholmerin als Mädchen immer den Sommer verbrachte, das Jawort ge­geben. Mari ist hochschwanger. Fünf Wochen später kommt Tochter Jennifer zur Welt. Das Glück ist perfekt. Und wird es auch sehr lange bleiben.

«Zwischen Mann und Frau ist ­immer etwas Knisterndes. Je nach Intensität des Knisterns ist es spannend oder eben nicht»
Bernhard Russi, 31. August 1998
Mari und Bernhard Russi gelingt etwas, was viele Paare nicht schaffen: das Interesse aneinander, die Aufmerksamkeit, das Feuer über Jahre hinweg aufrechtzuerhalten. Und jetzt? Alles vorbei? Sie seien letztes Jahr immer wieder in «denselben Trott» hineingeraten, sagt Russi. Alle Versuche, da hinauszukommen, gelingen nicht. «Das passiert oft», sagt die Paartherapeutin und Autorin Julia Onken. «Vielleicht hat man die ersten Anzeichen übersehen. Störungen kommen selten mit grossem Gepolter. Beziehungen zerbrechen meist leise.» Dass Bernhard Russi einen Grossteil seiner Zeit unterwegs ist – als Pistenbauer, TV-Kommentator, Werbe-Ikone, Kolumnist – sieht Onken nicht als Trennungsgrund: «Man muss nicht immer körperlich vorhanden sein. Mentale Begleitung ist ebenso wichtig.»

Klar: Bernhard Russi ist immer noch stark engagiert. Derzeit konzipiert er die Abfahrtspiste für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, Russland, für den Skiverband FIS. Zudem fungiert er als Berater für das gigantische Tourismus-Projekt des ägyptischen Unter­nehmers Samih Sawiris in Andermatt.

Fürs Schweizer Fernsehen ist Russi als Co-Kommentator beim Männer-Weltcup ­tätig. Die Saison startet am 25. Oktober in Sölden und endet am 14. März in Garmisch-Partenkirchen. Während dieser Zeit wird Russi praktisch jedes Wochenende unterwegs sein. «Wer viel weggeht, kommt auch viel zurück», sagte er einmal. «Bei uns funktioniert das, andere Paare leben sich dabei auseinander.» Für Hausi Leutenegger könnte Russis intensiver Alltag allerdings trotzdem eine Rolle gespielt haben: «Ich glaube schon, dass Bernhard zu beschäftigt war. Daran scheitern viele Ehen.»

«Michèle und ich hatten nie Streit. Wir hatten uns einfach ausein­andergelebt und gemerkt, dass wir total verschieden wurden»
Bernhard Russi, 31. August 1998
1977 heiratet Bernhard Russi seine erste Frau Michèle Rubli. Die Ex-Skirennfahrerin ist die Mutter seines Sohnes Ian, heute 29. 1984 lässt sich das Paar scheiden, bleibt aber weiter freundschaftlich verbunden. 1996 ereignet sich die Tra­gödie: Michèle Rubli kommt bei einem Lawinenunglück ums Leben. Ein schwerer Schicksalsschlag für Bernhard und Ian Russi. «Ich musste mich damals einfach in Michèle verlieben. Sie entsprach einem Bild, das ich in mir ge­habt hatte, eine Frau, die auf und mit dem Schnee tanzt. Ich war 22, wir fuhren parallel Rennen, waren viel unterwegs.» So viele Gemeinsamkeiten. Und trotzdem lebt man sich auseinander.

Auch Mari Russi ist sportlich, liebt die Berge, den Schnee. Und jetzt das: «Es ist schizophren», sagt Russi. «Du hast jemanden sehr gerne, hast gemeinsa­me Interessen, aber irgendwann stellst du fest, dass du dich im Kreis drehst.» Ex-Skistar Conradin Cathomen kennt das Problem aus eigener Erfahrung: «Meine Ex-Frau Marianne und ich – wir waren 13 Jahre lang verheiratet – hatten uns in total unterschiedliche Richtungen ent­wickelt. Ich kann mir vorstellen, dass das auch bei Bernhard und Mari passiert ist – und zwar sicherlich nicht erst ­gestern. Eine Zeit lang kann man vieles überspielen. Aber irgendwann gehts einfach nicht mehr. Mir tut es wahnsinnig leid für die beiden, die ich sehr schätze.»

«Man sagt, dass nach einer ge­wissen Zeit das Feuer aus ist. Aber Mari und ich erleben es ­immer wieder aufs Neue»
Bernhard Russi, 31. August 1998
Gerade weil sie neben vielen Gemeinsamkeiten auch sehr verschieden sind, gelingt es dem Ehepaar, das Interesse aneinander zu erhalten. «Aber eine Beziehung ist eine Herausforderung, man muss ständig aufmerksam bleiben», sagt Julia Onken. «Gerade mit 61 könnte es eigentlich schön sein, mit jemandem, den man sehr gernhat, ein ruhiges Leben zu führen.»

Ruhe – für den aktiven Ex-Profisportler ein Fremdwort. Auf dem Golfplatz packt ihn der gleiche Ehrgeiz wie auf der Piste. Und beim Klettern in seinen geliebten Bergen erst recht: Seinen 60. Geburtstag am 20. August 2008 ­feiert Russi nur des schlechten Wetters wegen mit einem feinen Essen. Am folgenden Tag erklettert er mit seinen Bergsteigerfreunden Ueli Steck und Robert Bösch die schwierige «Excalibur»-Route in den Wendenstöcken im Berner Susten­gebiet. Diesen Sommer besteigt er erstmals das Matterhorn. Nun träumt er davon, im Himalaja einen Siebentausender zu erklimmen.

Die gelernte Hotelfachfrau Mari hingegen lässt sich 1988 zur Sport-, Fuss­reflexzonen-, und AkupressurmassageFachfrau ausbilden. Vor drei Jahren erlernt sie die «Handanalyse», die sie an ihrem Wohnort Zufikon AG anbietet. «Die Handanalyse ist eine Orientierungshilfe, welche die Reise durchs Leben unterstützt», schreibt Mari Russi auf ihrer Homepage. Bestimmt haben auch Bernhard und Mari Russi um ihre Ehe gekämpft.

Dass sie sich dabei gegen eine Paartherapie entschieden haben, empfindet Julia Onken als sehr schade: «Man hätte ihre Bedürfnisse analysiert und besprochen, ob es unterschiedliche Erwartungen gab. Eine Paartherapie kann nur dann nichts mehr ausrichten, wenn man sich nicht mehr ausstehen kann.» Das ist bei Russis nicht der Fall. Bernhard sagt sogar, Mari sei für ihn immer noch die perfekte Frau. Und Hausi Leuten­egger meint: «Die beiden sind füreinander geschaffen.»

«An Bernhard schätze ich seine Offenheit. Er will immer neue Dinge entdecken»
Mari Russi, 19. Juli 2004
Mari freut sich auf etwas mehr Ruhe mit dem Älterwerden, mehr Zeit für­einander, wenn die Kinder aus dem Haus sind. «Das war wohl ihr grösster Reibungspunkt», mutmassen Bekannte der beiden. Die unterschiedlichen Lebensstile ergänzten sich lange. Aber irgendwann harmonierten sie nicht mehr. «Bernhard ist ein Sonnyboy, der strahlende Mittelpunkt», sagt Hotelier Art Furrer, der Russi seit Langem kennt. «Es ist bestimmt nicht einfach, neben jemandem zu bestehen, der immer auf der Sonnenseite zu stehen scheint.» Mari sei das unruhige Leben mehr an die Sub­stanz gegangen, als sie zugeben wollte. Sie zieht sich gern zurück, braucht ab und zu die Einsamkeit. «Im Presserummel um ihren Mann zog sie ihm zuliebe immer souverän mit, aber im Grunde war das gar nicht ihre Welt», sagt ein Bekannter der beiden. «Das hätte auch ein guter Ausgleich sein können», meint Paartherapeutin Onken. «Bernhard Russi war ja bereits ein Star, als seine Frau ihn kennenlernte. Der Rummel um ihn war also keine Überraschung für sie.» Auch Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann denkt, dass Russis Bekanntheit und Beliebtheit nur bedingt ein Faktor für die Trennung gewesen sein könnten: «Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sich eine Beziehung nicht schwieriger lebt, wenn man unter öffentlicher Be­obachtung steht. Aber wenns einmal Probleme gibt, ist es bei Paaren des öffentlichen Interesses sicher schwieriger, damit umzugehen.»

«Ich könnte allein nicht glücklich sein»
Bernhard Russi, 17. Januar 2008
Am 17. Januar 2008 geben die Ehe­leute in der Frauenzeitschrift «Glückspost» ihr letztes gemeinsames Interview. Das Familienglück scheint noch perfekt. «Ich fühle mich von meiner Frau verstanden. Auf sie kann ich immer zählen», sagt Russi. Heute ringt wohl nicht nur das Paar selbst um Erklärungen. So viel Liebe, so viel Glück, so viel Geborgenheit. Was ist in den letzten Monaten nur geschehen?

«Ein Trennung ist wie ein Tsunami», sagt Julia Onken. «Sie zieht einem den Boden unter den Füssen weg, ist mit sehr vielen Schmerzen und Trauer verbunden. Daneben entsteht aber auch die Möglichkeit, dass Neues wachsen kann.»

«Die Trennung ist die einzige Chance, dass wir eines Tages ­wieder zusammenkommen»
Bernhard Russi, 30. August 2009
Noch scheint nicht alles verloren. Zwar hat Bernhard Russi seine Koffer gepackt und ist zurück in seine Heimat Andermatt gezogen. Doch ein kleiner Funke Hoffnung bleibt. Dass Bernhard und Mari einander immer verbunden sein werden, ist für ihre Freunde klar. Auch dass sich der eine um den anderen kümmert, wenn es ihm mal schlecht geht. Ob das reicht, um irgendwann wieder ein Feuer zu entfachen? Hausi Leutenegger spricht allen aus dem Herzen, wenn er sagt: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass es gut kommt.» Ein Happy End wäre nicht nur für die gemeinsame Tochter Jennifer, 17, ein grosses Glück – sondern auch für jene, die Bernhard und Mari Russi mit ihren strahlenden Auftritten immer wieder an die Liebe glauben liessen.

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