Das persönliche Interview mit Lukas Hartmann «Ein Spenderherz würde ich ablehnen»

Früher landeten seine Manuskripte im Papierkorb, heute schreibt Lukas Hartmann einen Bestseller nach dem anderen. Was ihn mit der Artischocke verbindet, warum er dereinst selbst entscheiden möchte, wann er geht. Und was er in seinem Leben am meisten bereut.
Lukas Hartmann SI Ausgabe vom 16.03.2018
© KEYSTONE/Alessandro della Valle

Heute schreibt Lukas Hartmann einen Bestseller nach dem anderen.

Lukas Hartmann, Ihr neuer Roman «Ein Bild von Lydia» erzählt von der schwerreichen Tochter des Eisenbahn-Giganten Alfred Escher, die in die Arme eines Künstlers flüchtet. Wann sind Sie zuletzt Ihrem Herz gefolgt?
Als ich einem Taxifahrer in Beirut spontan ein Hemd schenkte. Zugegeben, es war nicht mein letztes.

Welches Buch hat Ihr Leben massiv beeinflusst?
«Anna Karenina» von Tolstoi – das Buch ist ein Kosmos! Unglaublich, wie dieser bärtige Russe die Menschen beschreiben konnte: als liebevoll und zerstörerisch zugleich.

Anna Karenina von Tolstoi Lukas Hartmann mag dieses Buch
© Getty Images

Den Kopf «verlüften» kann Lukas Hartmann beim Lesen – zum Beispiel «Anna Karenina» von Tolstoi.

Falls Ihr Leben verfilmt wird: Welcher Schauspieler soll die Hauptrolle spielen?
Als jungen Lukas könnte ich mir Max Hubacher vorstellen, er spielte die Hauptrolle in Markus Imbodens «Verdingbub». Als erwachsenen Lukas – vielleicht Heinrich Gretler, wenn er noch leben würde.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Als schüchterner Drittklässler war ich in ein Mädchen mit schwarzen Locken verliebt. Sie kam samstags nie zur Schule. Erst später, an einer Klassenzusammenkunft, habe ich erfahren, dass sie Jüdin ist. Mein Schwärmen blieb jedoch ohne Folgen.

Als Sie Kind waren: Was haben Ihre Eltern Ihnen da immer gesagt?
«Tue nid usehöische», wie wir auf Berndeutsch sagen, «widersprich nicht» – ein beliebter Satz im kleinbürgerlichen Milieu. Meine Grossmutter wuchs als Verdingkind auf. Bescheidenheit wurde in unserer Familie grossgeschrieben. Meine Grossmutter würde staunen, wenn sie wüsste, in welchen Kreisen ich mich heute manchmal bewege.

Wie sah Ihr Zimmer aus, als Sie 16 waren?
Ich durfte in unsere Mansarde ziehen und bekam mein erstes Büchergestell: ein Regal über dem Bett, es hätte mir jederzeit auf den Kopf fallen können.

Lukas Hartmann SI Ausgabe vom 16.03.2018
© Kurt Reichenbach

Tiefsinnig: Lukas Hartmann schreibt seine Gedanken oft von Hand in ein Notizbuch.

Was wären Sie für ein Gemüse?
Eine Artischocke. Es braucht Geduld, um zum Weichen vorzudringen. Aber danach ist sie wunderbar zu geniessen.

Haben Sie einen Organspendeausweis?
Es mag egoistisch sein, aber ich möchte meine Organe behalten. Ich habe das Gefühl, dass nach dem Hirntod etwas von mir noch eine Weile weiterlebt. Das bedeutet aber auch: Wenn ich einmal eine Herztransplantation bräuchte, würde ich ein Spenderherz ablehnen.

Können Sie sich vorstellen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen?
Ich bin Mitglied bei Exit. Einer meiner besten Freunde erkrankte an Krebs, er litt starke Schmerzen. Doch sein Umfeld war dagegen, dass die Ärzte seinen Tod mit Morphium beschleunigen. Am Ende amputierte man ihm noch ein Bein. Diese Verstümmelung fand ich besonders schlimm. Darum sagte ich mir: Ich will einmal selbst entscheiden, wann ich gehe.

Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Schubert! Seine Musik bewegt mich sehr. Unglaublich, dass einer unter 30 solche Musik schreiben konnte.

Welchen Wunsch haben Sie endgültig begraben?
Ich bereue, dass ich als erwachsener Mann kein besseres Verhältnis zu meinem Vater schaffen konnte. Er hatte so viel Hoffnung in mich gesetzt: Ich sollte an der Uni Karriere machen. Stattdessen habe ich mich dem Schreiben gewidmet. Als ich an seinem Sterbebett sass, war er zu schwach, als dass wir noch ein ernsthaftes Gespräch hätten führen können.

Was war die dümmste Idee Ihres Lebens?
Dass ich noch ein Studium angefangen habe, Germanistik und pädagogische Psychologie. Ich dachte, ein «Doktor» vor meinem Namen würde sich noch gut machen. Aber ich merkte schon nach wenigen Semestern: Das ist mir gar nicht wichtig!

Um wie viel Prozent müssten Sie ihr Arbeitspensum reduzieren, damit Sie massiv glücklicher wären?
Gar nicht! Mir macht das Schreiben unglaublich Spass. Und ich habe viel dafür riskiert, zum Beispiel meinen Job als Redaktor bei Radio DRS aufgegeben – ohne zu wissen, ob ich als Schriftsteller je Erfolg haben würde. Mehrere Romanmanuskripte landeten im Papierkorb, und ich fand lange keinen Verlag.

Lukas Hartmann SI Ausgabe vom 16.03.2018
© Kurt Reichenbach

Beim Werkeln in seinem Garten in Spiegel bei Bern kann Lukas Hartmann abschalten.

Der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben?
«Gib nicht auf» – das hat mir ein guter Freund in einer depressiven Phase gesagt, als es mit dem Schreiben nicht gut lief. Glücklicherweise fehlte es mir nicht an Disziplin.

Über welches Geschenk haben Sie sich zuletzt gefreut?
Zu Weihnachten habe ich von meinem 12-jährigen Enkel zwei selbstbemalte Kaffeetassen bekommen. Rührend!

Auch interessant