Mit Juso-Chefin Tamara Funiciello in Bern «Hässliche Dinge kann man nicht mit schönen Worten sagen»

Sie verbrennt den BH und fährt dem eigenen Bundesrat an den Karren: Tamara Funiciello ist seit einem Jahr Chefin der Jungsozialisten. Wo die Bernerin Kraft tankt und bei wem sie ganz sanft wird.
Tamara Funiciello
© Remo Nägeli

Rebellisch: Tamara Funiciello besucht schon mit 14 die Berner Reitschule. «Hier bin ich erwachsen geworden.»

Die Anekdote geht so: Fragt ein Lehrer im Berner Gymnasium Neufeld: «Wer kann mir drei Diktatoren nennen?» Ein Schüler posaunt: «Adolf Hitler, Saddam Hussein und Fidel Castro!» Doch da hat er nicht mit Tamara gerechnet – damals 15, aufgewachsen im Schoss einer linken Familie.

«Spinnst du, Fidel ist doch kein Diktator!», ruft sie – und mit der Verve einer kubanischen Freiheitskämpferin beginnt sie ihre Verteidigungsrede. Die Klasse lacht. Lacht sie aus. Tamara holt tief Luft. Und referiert weiter.

Die Anekdote ist mehr als eine Fussnote in ihrem Leben, weil sie erklärt, wie Tamara Funiciello funktioniert: Die 27-Jährige verteidigt ihre Ideen auch heute noch wie eine Löwin ihr Neugeborenes – selbst wenn diese nicht mehrheitsfähig sind.

Überwindung des Kapitalismus

Seit der Gymerzeit ist ein Jahrzehnt vergangen. Tamara Funiciello sitzt im Botanischen Garten Bern bei einem Espresso, es ist ihr fünfter heute. Seit einem Jahr ist sie Chefin der Schweizer Jungsozialisten (Juso), sitzt im Berner Stadtrat und ist Vize-Präsidentin der SP Schweiz.

Als Politikerin kämpft sie für die Überwindung des Kapitalismus, für die Abschaffung von Grenzen und für einen globalen Mindestlohn. «Ich habe bis heute das Gefühl, man nimmt mich nicht immer ernst», sagt sie und lacht ein federleichtes Lachen – als sei die Welt schon schwer genug.

«Stimmt doch nicht», sagt Jae-Ah Kim, 26, die sich für einen Cappuccino zu Tamara in den Botanischen Garten gesetzt hat. «Spätestens seit deinem ersten ‹Arena›-Auftritt nimmt man dich ernst.» Tamara und Jae-Ah kennen sich seit dem Gymnasium. Jae-Ah arbeitet mittlerweile bei einer Bank. «Nie hätte ich gedacht, dass Tamara mal da steht, wo sie jetzt ist», sagt sie und zu Tamara gewandt: «Ich konnte dich nicht ernst nehmen mit deinem Invicta-Rucksack, der fast so gross war wie du.»

Tamara Funiciello und Jae-Ah Kim
© Remo Nägeli

Freundinnen: Tamara und Jae-Ah Kim (r.) treffen sich im Botanischen Garten Bern. «Wir sehen uns nicht mehr so oft wie früher.»

«Hässliche Dinge kann man nicht mit schönen Worten sagen»

Erst als Tamara Funiciello 2012 den Juso beitritt und als Gewerkschaftssekretärin bei der Unia anfängt, ist für Jae-Ah klar: «Die will mega fest etwas bewegen.» Dass ihre Freundin heute im Schweizer Fernsehen mit einem Bundesrat «stürmt» – «das macht mich sehr stolz».

Tamara ist ob diesen Worten fast ein bisschen gerührt: «Du bisch so härzig.» Das sind sanfte Töne von einer, die sonst eher für Kraftausdrücke bekannt ist. «Hässliche Dinge kann man nicht mit schönen Worten sagen», sagt Funiciello. Wenn sie über die Anliegen der Juso spricht, drückt für gewöhnlich ihr italienisches Erbe durch: Dann fegt ein Wortgewitter über den Botanischen Garten.

Provokation als Stilmittel

Tamara Funiciello, die an der Universität Bern Geschichte studiert, ist nicht nur laut, sie provoziert auch gerne. Mal verbrennt sie halb nackt ihren BH, um gegen Sexismus zu kämpfen. Mal sagt sie Bundesrat Alain Berset ins Gesicht, dass sie nichts hält von seiner Rentenreform.

Die Provokation sei aber nur ein Stilmittel: «Ich will in erster Linie etwas verändern.» Andri Silberschmidt, Präsident bei den Jungfreisinnigen, sagt über Tamara: «Sie politisiert frech und engagiert. Aber ob sie mit ihren teils utopischen Extremforderungen langfristig etwas bewegen kann, ist eine andere Frage.»

Wer austeilt, muss auch einstecken – davon weiss auch Tamaras Freundin Jae-Ah zu berichten. Als die «Girls» kürzlich im Berner «Progr» im Ausgang waren, wurde Tamara angepöbelt – «ich musste eingreifen», sagt Jae-Ah. Tamara nickt und schweigt. Stressen sie solche Angriffe? «Ich lasse mich nicht einschüchtern», sagt sie mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass die 1 Meter 50 kleine Frau nachts noch immer alleine nach Hause spaziert.

Nicht nur einfach für die Familie

Nach dem Botanischen Garten führt Funiciello in die Wohnung von Mami Lotti in der Lorraine – «ein Bijou, auch wenn ich viel zu selten hier bin». Sie selbst lebt in einer Wohngemeinschaft im Ostring, aber diese ist für die Presse tabu. «Meine Mitbewohner müssen schon genug einstecken.» Auch ihre Mutter, die im Coop an der Kasse arbeitet, wird immer wieder auf ihre berühmte Tochter angesprochen – nicht immer nett. Darum möchte auch sie nicht in die «Schweizer Illustrierte».

Tamara Funiciello
© Remo Nägeli

Beschaulich: Tamara Funiciello zu Hause bei Mami Lotti in der Berner Lorraine. «In meiner Familie bin ich die Rechteste.»

Funiciello sagt nachdenklich: «Wenn mein Mami wegen mir leidet, stresst mich das.» Da spricht wieder die sanfte Tamara. Jene Tamara, die ihr Handy abstellt, wenn sie Freundinnen trifft. Oder ihre Ferien verschläft, weil sie so erschöpft ist – wie in diesem Frühsommer, als sie zwölf Tage in Sardinien weilte.

Auf der italienischen Insel hat sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht. Ihr Vater ist Italiener, ein Polymechaniker, die Mutter Schweizerin. Als Tamara zehn war, kam die Familie – Tamara hat noch einen jüngeren Bruder – nach Bern.

Tamara Funiciello
© Remo Nägeli

Heimelig: Der Kachelofen ist Tamaras liebstes Stück in Mamas Wohnung. «Ich versuche, alle zwei Wochen vorbeizukommen.»

«Wir waren Wirtschaftsflüchtlinge.» Ihre Eltern haben Funiciello geprägt: «Sie glauben an die Revolution und waren sehr aktiv in der Reitschule.» Auch wegen ihnen ist Tamara heute überzeugt: «Wir können diese Welt verändern – wenn wir wollen, schon morgen.»

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