«Er war mein Fels» Pfarrer Siebers Tochter Ilona trauert um ihren Papi

Die Tochter von Ernst Sieber, Ilona, weint um ihren Vater. Sie erzählt, warum sie sein Erbe im Sozialen weiterführt. Und was dem Pfarrer der Herzen das Herz brach.
Ilona Sieber Tochter von Pfarrer Sieber SI Shooting für Ausgabe 22 /2018
© Kurt Reichenbach

Seelenfeuer: Im Büro von Ilona Sieber in der Dorfgemeinschaft Spiesshof in Ramsen SH brennen Kerzen. Sie erinnern an ihren verstorbenen Vater.

Lange Haare, Modelmasse, modischer Style: Ilona Sieber, 57, ist ihrer Mutter Sonja, 81, unglaublich ähnlich. Die Passion, sich für die sozial Schwachen einzusetzen, erbte sie von ihrem Vater Ernst Sieber. «An Pfingsten gehts am ringsten», pflegte der bekannteste Obdachlosenpfarrer der Schweiz zu scherzen. Dass sein Herz an diesem kirchlichen Feiertag stehen blieb, ist eine göttliche Fügung des Schicksals.

Seine Tochter Ilona empfängt uns zum Interview in der Dorfgemeinschaft Spiesshof in Ramsen bei Schaffhausen. Seit 14 Jahren betreut die Mutter dreier Buben hier auf einem Bauernhof mit Töpferatelier, Kapelle, Schreinerei, Gemüsegarten und eigenem Teich rund fünfzehn kranke, notleidende, behinderte Menschen.

Ilona Sieber Tochter von Pfarrer Sieber SI Shooting für Ausgabe 22 /2018
© Kurt Reichenbach

Gemeinsam statt einsam: Ilona Sieber betreut Menschen in Not, die später in die Gesellschaft integriert werden.

Ziel ist, sie nach einer Langzeittherapie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Auf dem Tisch stehen Pfingstrosen. Drei Kerzen brennen. Der Tod des Vaters traf sie hart, wenn auch nicht unvorbereitet. «Ich brachte ihm Kirschblüten, Klee und wilden Thymian ins Spital. Es waren berührende letzte Momente.»

Ilona Sieber wuchs als eines von acht Geschwistern in einer der schillerndsten Familien der Schweiz auf. Bunt, fröhlich, schrill sei ihre Kindheit gewesen. «Mein Papi hatte eine sehr tiefgründige Seite. Er liess mich schon als Kind wissen: ‹Wer den Tod in den Alltag einbezieht, lebt bewusster.›»

Interview

Ilona Sieber, Ihr Vater starb am 19. Mai mit 91 Jahren. Fürchteten Sie sich vor dem Loslassen?
In Würde von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu können, ist etwas Wundervolles. Die ganze Familie war ihm nah. Auch ich sass bei ihm am Bett und bedankte mich für die schöne Zeit, die wir gemeinsam hatten. Er war für uns alle ein wahnsinnig starker Mann. Trotzdem sprach er mit mir selten über seine Gefühle.

Das überrascht!
Nach aussen war er kommunikativ. Vieles, was in seiner Seele vorging, vertraute er dem Herrgott an. Fragte man ihn, wie es ihm geht, lautete seine Antwort stets: «Vorwärts, aufwärts.»

War er Ihr Vorbild?
Er war mein Fels in der Brandung. Er liebte die Musik, das Sinnliche. Wir sangen ihm Lieder vor, und er sang mit. Ich brachte ihm Kirschblüten, Klee und wilden Thymian vom Spiesshof, an dem er roch.

Ilona Sieber Tochter von Pfarrer Sieber SI Shooting für Ausgabe 22 /2018
© Kurt Reichenbach

Fluss des Lebens: Mit Dogge Kairos taucht Ilona in die Natur ein. Der Weiher des Spiesshofs ist mit grünen Wasserlinsen bedeckt.

Man sagt, dass Gehör und Geruchssinn zuletzt gehen …
Mein Papi liebte das Leben. Es fiel ihm schwer, sich vom Weltlichen zu lösen, uns Adieu zu sagen. Seine hoffnungsvolle Haltung dem Leben gegenüber stand für mich immer im Vordergrund. Doch da ist auch der Respekt vor dem Tod.

War sein Tod ein Thema für ihn?
Über das Memento mori, das Sich-der-eigenen-Sterblichkeit-bewusst-Sein, sprachen wir häufig. Und über die Fähigkeit und Empathie, die es braucht, todkranke und sterbende Menschen auf ihrer letzten Reise zu begleiten.

Hatte Ihr Vater Schmerzen?
Alles war sehr friedlich. Er war klar im Kopf. Schon als Seelsorger stand er seinem Gegenüber bis zum letzten Atemzug bei. Er war nie auf die Zeit fokussiert, sondern legte alles in Gottes Hand.

Ist Sterbehilfe ein Thema für Sie?
Dies soll jeder für sich entscheiden. Aus meiner und der Sicht meines Vaters widerspricht es der christlichen Ethik, in den Prozess des Sterbens einzugreifen. Vielleicht – wir wissen es nicht – hat das Leiden ja einen Sinn? Auch Jesus litt bei seiner Kreuzigung. Eine Geburt steht man ebenfalls mit Schmerzen durch. Warum soll es beim Tod anders sein?

Welche Werte gab Ernst Sieber Ihnen mit auf den Weg?
Er war ein sehr, sehr liebender Vater. Spürte haargenau, wo die Ressourcen eines Menschen liegen. Das machte er nie verbissen, eher auf eine coole Art. Weil ich so ein neugieriges Mädchen war, nahm er mich mit vier Jahren mit ins Krematorium.

Familienfoto von früher Pfarrer Ernst Sieber mit Tochter Ilona und Rest der Familie
© Kurt Reichenbach

Patchworkfamilie: Der junge Ernst Sieber mit vier seiner acht Kinder. Ilona (l.) und ihre ältere Schwester Martina (r.), die Pflegekinder Michel und Patrice.

War das nicht zu früh für eine zarte Kinderseele?
Für mich verlor der Tod dadurch viel von seinem Schrecken. Der Sarg war aufgebahrt, er öffnete das Schieberchen, und ich durfte kurz hineinblicken. Nach der Abdankung sauste der Sarg über Schienen ins Feuer – bäumte sich nochmals auf. Der Mann, der dort arbeitete, sagte: «Da hätt wieder eine z vill Antibiotika intus.» Ich erlebte mit meinem Vater viele schräge Momente.

Gabs auch mal Krach?
Ja klar! Einmal schlich er hinter mir her, weil ich einen Freund hatte, den ich nicht hätte treffen dürfen …

War Ihr Vater so streng?
Ja, das war er. Ich traf meinen Freund natürlich trotzdem, morgens um fünf auf dem Lindenplatz in Zürich. Plötzlich sah ich Papis orangefarbenen VW-Bus! Wie hatte er das bloss angestellt? Ein durchsichtiges Fädeli an meiner Türe alarmierte ihn, als ich mein Zimmer verliess (lacht). 

Wem sind Sie ähnlicher?
Von meiner Mutter habe ich das Unkomplizierte, Zigeunerische, Strukturierte. Von meinem Vater die Power, den Mut, die Unerschrockenheit. Beide Eltern vermittelten uns Kindern Selbstlosigkeit und christliche Nächstenliebe. Aber auch, dass man eigene Gesetze haben darf, falls man die Leistung erbringt.

Pfarrer Ernst Sieber mit Tochter Ilona
© Caroline Micaela Hauger

«Sie ist ein Engel», sagte Ernst Sieber im Dezember 2015, als er seine Tochter in Ramsen besuchte. Er gründete die Institution für sozial Benachteiligte 1993.

Wie war es, mit sieben Geschwistern aufzuwachsen?
Meine Mutter war eine «Glucke», wusste über alles Bescheid. Ich wurde mit Argusaugen beobachtet, genoss aber trotzdem viele Freiheiten. Es war ein spannendes, farbiges, lautes Haus. Meine Eltern zogen immer am selben Strick. Wir wurden nicht materiell, dafür mit viel Liebe verwöhnt.

Wo nahmen sie die Energie her?
Wenn es nicht mehr ging, sperrten sie uns auch mal für zwei Stunden ins Zimmer ein. Wir fanden das lässig und waren hochkreativ. Sie hatten ein knallhartes Zeitmanagement, vom Essen bis zur Hausmusik. Mami leitete unser Kammermusik-Orchester. Ich spielte Geige, der Vater Gitarre und Handorgel, die Mutter sang und spielte Querflöte.

Spielte Ihre Mutter als Familienmanagerin die zweite Geige?
Sie spielte die erste Geige! Sie arbeitete an der Basis, managte die Finanzen, hielt meinem Vater den Rücken frei. Ohne diesen Engel, der ihm zudiente, hätte sein System nicht funktioniert. Meine Mutter legte ihm oft ein liebes Brieflein zum Essen dazu, wenn er spätnachts nach Hause kam.

Ist Verzicht der Weg zum Frieden?
Ich empfand meine Mutter als enorm emanzipiert. Vater sass präsent oben am Tisch. Darum herum wir – mit ein paar Clochards. Deren Lebensgeschichten interessierten mich. Meine Geschwister gaben mir den Spitznamen «Blick».

Warum war Ihr Vater so populär?
Weil er die Menschen ernst nahm. Er erfasste sie als ganze Wesen. Sein Wissen war immens. Seine Arbeitsweise basierte auf der Recovery- und der Peer-Methode. Er legte den Schwerpunkt auf die  gesunde Seite eines Menschen, auch wenn er krank war.

Wie unterstützte er Sie?
Bei ihm wars so: Jeder musste Leistung bringen, das Ziel selber erreichen. Er erreichte ja auch alles aus eigener Kraft. Er überliess es mir, wie ich den Spiesshof leite, traute mir aber alles zu. Für mich war das ein Geschenk des Lebens. 

War er stolz auf Sie?
Das Wort benutzte er nie. Er würdigte alle, die nicht nur «sozial schnurred», sondern auch sozial handeln. Seine Message lautete: Was du machst, bestätigt deine Leistung, nicht, was du sagst.

Ilona Sieber Tochter von Pfarrer Sieber SI Shooting für Ausgabe 22 /2018
© Kurt Reichenbach

Starkes Team: Lotti kam einst als Bewohnerin in den Spiesshof. Heute ist sie die rechte Hand der Chefin.

Was bleibt?
Sein starker Glaube, der gelebte Glaube, das Vertrauen in den Glauben. Barmherzigkeit. Bescheidenheit. Demut. Dem Leben auch mal Danke sagen können.

Was hätte er sich noch gewünscht?
Er war zuversichtlich, dass sein Bundesdörfli-Projekt zustande kommt. Er hatte so viele Freunde in der Politik, die ihn dank seines genialen Wesens total schätzten. Er fühlte sich wohl in der Rolle des Hofnarren und fürchtete sich nicht, Politikern die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Er glaubte an das Gute im Menschen. Nie erlebte ich ihn verbittert. 

Auch nicht, als er 1994 seinen Posten bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber räumen musste?
Ich empfinde es bis heute als ungerecht. Es war vermutlich das Einzige, was er nie vergass.

Ihr Vater war ein begnadeter Maler. Was geschieht mit seinen Bildern?
Mit 18 schenkte er mir das erste – heute ist mein ganzes Haus voll. Seinen künstlerischen Nachlass vermachte er meiner Mutter. Es soll für seine Bilder in Zürich ein Begegnungshaus geben. Einmal hätte er in einer Ausstellung alle Gemälde verkaufen können, gab aber nur drei Bilder weg. Als die Leute mit dem Portemonnaie kamen, musste Mami einschreiten: «Los, Ernst, jetzt muesch diä userücke!» Doch er wollte sich einfach nicht von ihnen trennen.

Warum war ihm Geld nicht wichtig?
Er hatte alles, was er zum Leben brauchte. Mein Vater war asketisch, bescheiden. Sein halbes Leben lang arbeitete er gratis. Er hatte eine Pension als Pfarrer. Bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber, die pro Jahr 22 Millionen Franken generieren, wollte er keinen Lohn; wie sein Vorbild Franz von Assisi. Seine Selbstlosigkeit machte ihn authentisch. Davon kann sich mancher eine Scheibe abschneiden. 

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