«Mein Gotti sagte mir, ich soll bei Männern aufpassen» Sabine Dahinden im Doppelinterview mit ihrer 99-jährigen Patentante

Die Frauen trennt ein halbes Jahrhundert: Aber für TV-Frau Sabine Dahinden ist ihre bald 100-jährige Patentante Maria Meier eine Freundin fürs Leben. Ein Gespräch über Menschen, Männer und Mails.
Sabine Dahinden Maria Meier
© Remo Nägeli

Maria Meier-Denier wird am 26. August 100 Jahre alt. Sabine Dahinden feiert im August ihren 49. Geburtstag.

Es hat keinen Lift in diesem Luzerner Wohnhaus, knapp vierzig Treppenstufen führen in den dritten Stock. Kaum vorstellbar, dass hier oben eine bald 100-jährige Dame wohnt. Unter anderem deshalb bewundert Sabine Dahinden, 48, ihr Gotti Maria Meier, 99. «Sie ist immer in Bewegung, immer unterwegs», sagt die «Schweiz aktuell»-Moderatorin über ihre Grosstante.

«Das ist mein erstes Interview», sagt  Meier. «Dafür musste ich fast 100 Jahre alt werden.» Dahinden lacht: «Schön, machst du das mit mir. Du bist nämlich sehr wichtig für mich.» – «Du auch für mich, Sabinli.» Sie besitzt eine «Sonderbewilligung», die Fernsehfrau so zu nennen.

Sabine Dahinden Maria Meier
© Remo Nägeli

An der Wand hängen Fotos von Dahindens Mutter Beatrice und ihrer Grossmutter Hedwig – Maria Meiers älteste Schwester.

Was haben Sie für eine Beziehung?
Sabine Dahinden: Eine ganz spezielle, enge. Da ich als Kind eher still war, entwickelte sich diese erst, als ich erwachsen wurde.
Maria Meier: Bevor du geheiratet hast, kamst du oft vorbei, hast hier gegessen und übernachtet.
Dahinden: Da habe ich dich als jemanden entdeckt, der sehr vital ist. Mit dir kann ich über alles reden. Du trägst das Herz auf der Zunge, aus dir sprudelts. Du hast mir viel von unserer Familien­geschichte erzählt, über mein Grossmami, deine Schwester. Auch meinem Mami warst du sehr nah.
Meier: Ich habe sie fast aufgezogen. Sie war wie ein Kind für mich. Als du auf die Welt kamst, wurde ich deine Gotte. Da war ich 50.
Dahinden: So alt, wie ich es selber bald bin. Meinen zweiten Namen Maria habe ich deinetwegen bekommen.

Das Thema Männer wollte ich nicht unbedingt mit meinem Mami besprechen


Worüber konnten Sie eher mit ihr reden als mit Ihrer Mutter?
Das Thema Männer wollte ich nicht unbedingt mit meinem Mami besprechen. Als ich 17, 18 war, sagte mir mein Gotti, ich soll bei Männern aufpassen, und sie begann, nach meinem «Schätzeli» zu fragen.
Meier: Jawohl, und du hast mir immer schön Antwort gegeben, gell?
Dahinden: Ich musste. Du hast so lange gefragt, bis ich antwor­tete.

Sind Sie mit der Männerauswahl von Sabine zufrieden?
Meier: Ich habe immer für sie gehofft, dass sie einen ganz lieben Mann bekommt. Einen ihrer Freunde fand ich besonders hübsch. Und ihr Mann Thierry ist tipptopp. Mit ihm komme ich aus. Wir können gut miteinander reden. Sabinli hat Glück mit den Männern, sie hat immer Glück.
Dahinden: Nein, nein, mit den Männern hatte ich nicht immer Glück, aber unterm Strich ge­sehen, stimmt das sicherlich. Das habe ich von dir gelernt. Du hattest auch schwierige Lebensphasen, hast aber immer alles positiv gesehen und die Schwierigkeiten überwunden.
Meier: Es geht immer weiter. Im Leben muss man Dinge aushalten können, das ist einfach so.

Erst im Alter von 32 Jahren heiratet Maria Meier. «Ich hatte meinem Mann noch gesagt, dass wir keine Kinder brauchen. Nach zwei Jahren wollte ich aber doch.» Als sie 35 war, kam Sohn Anton auf die Welt, mit 40 wurde sie Mutter von Tochter Susanne. Als ihr Mann vor 43 Jahren starb, zog sie in die Dachwohnung. Sabine Dahinden lebt gemeinsam mit ihrem Mann Thierry Carrel, 57, in Bern. Mit dem Herzchirurgen ist die Urnerin seit 2010 verheiratet.

Es ist natürlich schade, dass ich keine Enkel habe

Frau Meier, bedauern Sie, dass Ihre Kinder und auch Ihre Patentochter keinen Nachwuchs haben?
Es ist natürlich schade, dass ich keine Enkel habe. Aber bei Sabine ist es schon gut so, wie es ist. Es macht mir nichts aus, dass sie keine Kinder hat. Ich glaube, die Frauen haben es heute ohnehin schwerer als wir früher.

Inwiefern?
Sie können nicht daheim sein, müssen arbeiten. Das ist ganz schwierig. Die Alleinerziehenden tun mir leid. Ich blieb daheim, konnte mit den Kindern spazieren. Wir hatten allerdings nicht viel Geld.

Haben Sie einen Beruf erlernt?
Nein. Mein Vater sagte: «So, Marili, jetzt musst du was lernen.» Ich wollte nicht und begann zu servieren. Da lernt man Leute und deren Charakter kennen.
 
Aufgehört zu lernen hat Maria Meier nie. Im Alter von 93 Jahren sagt ihr Arzt, dass sie ohne Weiteres 100 werden könne. «Da dachte ich, dass ich noch was machen muss.» Ihr Sohn erklärt ihr das Internet. Seither schreibt sie fleissig E-Mails, zum Beispiel an Sabine. «Wenn sie mich am Fernsehen sieht, erkundigt sie sich nach meinem Leben, nach dem Stress und nach meinen nächsten Sendungen.» Als Nächstes ist Sabine mit ­«Dahinden vor 500 Jahren» auf SRF 1 zu sehen. Vom 21. Juli an jeweils freitags um 21 Uhr. «Wenn ich sie am Bildschirm sehe, grüsse ich mit ‹Salü, Sabinli!›», sagt Meier.

Dieses Kleid zieh ich nicht mehr an!



Sie beide fahren oft mit dem Zug?
Dahinden: Ja, ich pendle zwischen Bern und Zürich und fahre auch sonst die ganze Zeit in der Schweiz herum. Und mein Gotti geht auch komplett unkompliziert überallhin. Du hast keine Angst, allein zu reisen.
Meier: Ich glaube, das kommt vom Servieren. Man ist immer um Leute herum, um bessere und weniger gute. Ich gehe gern auf Leute zu.  
Dahinden: Das haben wir gemeinsam. In meinem Beruf muss ich mich auf die verschiedensten Leute einlassen können. Du aber hast viel Charme, redest mit allen.
Meier: Ja, auch gern mit Randständigen. Das bringt mir auch was. Ich finde, die Menschen sollten viel mehr miteinander kommunizieren, das vermisse ich heutzu­tage. Ich spreche viele Leute an.
Dahinden: Ich rede auch mit vielen ganz unterschiedlichen Leuten, denn ich werde als TV-Moderatorin beim Pendeln jeden Tag angesprochen.
Meier: Jesses! Jetzt komme ich in der Illustrierten. Hoffentlich werde ich nicht erkannt. Dieses Kleid zieh ich nicht mehr an!

Ein Parkspaziergang steht an.

Sabine Dahinden Maria Meier
© Remo Nägeli

Ihre Kleidung haben die Damen aufeinander abgestimmt. Noch heute erhält Dahinden von ihrem Gotti «schöne, attraktive Nachthemden» zum Geburtstag.
 

Maria Meier ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass sie nicht einfach zu Hause sitzt.
Dahinden: Du bist wirklich ein Vorbild für mich. Vor allem, weil du immer in Bewegung bleibst und gesund isst. Und du bist stets positiv. Das schaue ich dir alles ab.
Meier: Ich bin nicht eine, die in die Kirche geht, aber ich glaube ganz fest an eine höhere Macht. Ich ­habe grosses Vertrauen. Das hilft, positiv zu bleiben.
Dahinden: Du machst dich auch immer «zwäg» und sagst nie: «Ich bin jetzt alt, ich kaufe mir keine neuen Kleider mehr.»
Meier: Dass man sich Sorge trägt, ist wichtig. Es ist einem dann wohl auf der Strasse. Ich muss mich nicht schämen, die Menschen haben Freude an mir, das merke ich oft.

Das, was der Mann sagt, müssen Sie befolgen


Sie sind 1917 geboren, hat sich die Rolle der Frau stark verändert?
Das ist wie Tag und Nacht. Pfarrer Moos sagte mir beim Ehevorbereitungskurs in den 50er-Jahren: «Das, was der Mann sagt, müssen Sie befolgen.» Das ist heute nicht mehr so. Und zum Glück hatte ich einen wunderbaren Gatten.


Wie finden Sie die Frauen heute?
Ich bin mit ihnen zufrieden. Nur manchmal denke ich, es ist nicht mehr so schön, wie gewisse optisch daherkommen. Diese kurzen Hosen sind einfach nicht meine Welt. Mir macht das aber nichts aus, eigentlich ist es lustig.
Dahinden: Du wusstest schon vor einigen Tagen, dass du heute für die Schweizer Illustrierte dieses Kleid anziehst. Ich habe versucht, mich farblich an dich anzupassen.

Sabine Dahinden misst 1,60 Meter. Maria Meier ist heute 1,54 Meter gross und ihr Leben lang nie aus der Kleidergrösse 38 rausgewachsen. «Sie isst viel Gemüse und backt ihre Aprikosenwähe. Diese gesunde Ernährungsweise hat sie an mich weitergegeben», so Dahinden. Für sie hat ihr Gotti ­extra einen Mango-Smoothie gekauft. «Der stärkt dich!»

Wie finden Sie Sabine am TV?
Meier: Sie ist gut und wird auch immer besser, finde ich. Sie macht es jetzt auch schon mängs Jahr. Eine Freundin hat sie mal kritisiert. Das ist für mich unbegreiflich. Aber ich sage dann nicht viel.
Dahinden: Wir Moderatoren werden nun mal kategorisiert, das ist oft hart, weil wir ja viel Herzblut für unsere Arbeit geben. Könntest du dir vorstellen, meinen Beruf zu machen? Mit 49 Jahren beim Fernsehen zu sein, beruflich eingespannt und ohne Kinder?
Meier: Ja, das Fernsehen gefällt mir gut! Wenn ich wieder auf die Welt komme, will ich manches anders machen, ich würde zum Beispiel einen Beruf erlernen.


Wollen Sie auch 100 Jahre alt werden, Frau Dahinden?
Nicht unbedingt, es sei denn, ich kann so attraktiv und beweglich bleiben wie mein Gotti. Dazu gehört ein starker Wille, aber auch Glück.
Meier: Momoll, du wirst auch alt. Du bist immer gesund. Aber ich will auch nicht 105 werden – oder allerhöchstens. Und dann, ade!

Sabine Dahinden Maria Meier
© Remo Nägeli

«Sie war immer ganz ein Liebes», erinnert sich Maria Meier an die Zeit, als Sabine ein Kind war.

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