Squatgirl Doris Hofer Schweizer Power in Istanbul

Sie ist unser gesündester Exportschlager und Vorbild vieler Türkinnen. Doris Hofer aus Münsingen BE trimmt in ihrer neuen Heimat Istanbul die Türken fit. Ein Besuch beim Squatgirl.

Ein uniformierter Mann hebt seinen Blick und schiebt das Glasfenster des Pförtnerhäuschens langsam auf. «Zu wem wollen Sie?» Wer Doris Hofer besuchen will, muss sich Zutritt zu einer umzäunten Siedlung im Istanbuler Stadtteil Etiler verschaffen. Stacheldraht und hohe Mauern schützen Wohnblöcke, die zwischen Swimmingpools und Pflastersteinwegli in den Himmel ragen. Hofer kann sich den Luxus leisten. Sie ist das Squatgirl der Türkei.

Der Künstlername klingt nach Superheldin. Für viele junge Türkinnen ist das die 42-Jährige aus Münsingen BE auch. In der Türkei kennt man sie als Social-Media-Star, Fitnesstrainerin und Mutter. Eine Viertelmillion Abonnenten auf Youtube, 90 000 Fans auf Instagram und 50 000 auf Facebook verfolgen das Leben der Schweizerin. Eine solide, aber in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern noch ausbaubare Fangemeinde. Ihren Namen hat Hofer von «Squat», was Hocke oder Kniebeuge heisst.

Türkisch, Hochdeutsch, Englisch und ein Bellen dringen aus den Räumen der modernen Fünf-Zimmer-Wohnung. Hofer teilt sie mit Tochter Zoe, 10, Sohn Noah, 7, und der geretteten Strassenhündin Schila. Englisch lernt der Nachwuchs in Privatschulen, Hochdeutsch von der Mutter. «Das nützt ihnen mehr als Schweizerdeutsch, wenn sie einmal im Ausland studieren möchten», erklärt Hofer.

Türkisch lernten die Kleinen von ihrem Vater, der aus Istanbul stammt. Für ihn verliess Hofer 2004 die Schweiz. Der Türke eroberte damals das Herz der PR-Fachfrau und Journalistin, die in Zürich lebte und arbeitete. Hofer lernte dank Privatunterricht rasch Türkisch. Nur ein kleiner Akzent bleibt. Doch das stört sie nicht. «Türken sehen es gerne, wenn sich Fremde für ihre Sprache und Kultur interessieren», sagt sie in einem unangetasteten Berndeutsch.

Doris Hofer
© Nicolas Righetti

Gesund: Kochspass mit Freund Kerem, 43, und den Kindern Zoe, 10, und Noah, 7.

Die Wahl-Istanbulerin integrierte sich und fand türkische Freunde. Zu Beginn fastete sie sogar mit ihrem Mann während des Ramadans. «Nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Solidarität.» Dass sie sich verhüllen soll, habe er nie verlangt. «Das wäre mir ohnehin zu weit gegangen.»

Mit der Geburt ihres Sohnes kommt auch das Squatgirl zur Welt. Hofer trainiert hartnäckige Schwangerschaftspfunde weg. Die vielen Komplimente dafür bewegen sie dazu, ihr Erfolgsrezept ineinem Blog zu teilen. Vorerst auf Englisch und Türkisch. Sie findet Gefallen daran und wechselt auf Video. Hofers Botschaft: Jeder kann zu Hause mit wenig Aufwand effizient trainieren – ohne Fitness-Center.

Doris Hofer
© Nicolas Righetti

Mit Gewicht: Schila macht die Squats von Doris Hofer noch effektiver. Im Wohnzimmer dreht sie ihre Videos fürs Internet.

Mit Rezepten vermittelt sie eine gesunde Ernährung. Dafür muss sich die Bernerin in die lokale Kulinarik einleben. «Ich liebe türkisches Essen. Man kann mit Gemüse und Hülsenfrüchten feine Menüs zaubern», sagt die überzeugte Vegetarierin.

Kein Abenteuer ohne Tiefs: Nach acht Jahren geht die Ehe in die Brüche. «Zum ersten Mal dachte ich daran, in die Schweiz zurückzukehren. Aber nach so vielen Jahren hätte ich auch da wieder bei null anfangen müssen.» Zudem sollten die Kinder mit ihrem Vater aufwachsen.

Ich liebe die Türkei zu sehr. Aber wenn es brenzlig wird, weichen wir nach Los Angeles aus

Ihr Schicksal macht die Bloggerin öffentlich. Trotz der schwierigen Zeit behält sie stets ein Lächeln im Gesicht. Indem sie andere zu mehr Selbstbewusstsein motiviert, bewahrt auch sie selber ihre positive Lebensenergie. Hier wird das Squatgirl für junge Türkinnen zur Heldin. Eine, die Familie und Beruf unter einen Hut bringt in einem Land, wo ein klassisches Rollenbild dominiert.

Momentan produziert Doris Hofer Videos auf Deutsch. Damit und mit ihrem neuen Buch «Die Squatgirl Methode» will sie den deutschsprachigen Raum erobern.

Doris Hofer
© Nicolas Righetti
Familienpower: Zoe und Noah machen regelmässig beim Sport mit Mama mit.

Politische Unruhen und Terroranschläge haben dem Image der Türkei in den vergangenen Jahren geschadet. Darauf angesprochen, verschwindet das Lächeln in Hofers Gesicht für einen kurzen Moment. Die Ereignisse beschäftigten sie zwar, vertreiben lassen wolle sie sich aber nicht. «Ich liebe die Türkei zu sehr. Aber wenn es brenzlig wird, weichen wir nach Los Angeles aus.»

Dort lebte ihre neue Liebe viele Jahre lang. Kerem, 43, stammt aus Istanbul und arbeitet als Architekt. Hofer lernte ihn vor drei Jahren kennen. «Seine westlichtürkische Mischung passt ideal zu meiner», schwärmt sie. Auch er ist geschieden und Vater einer 13-jährigen Tochter. Wenn Hofer von ihm spricht, glänzen ihre Augen. «Er ist der Mann meiner Träume.»

Politisch äussert sich die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin nur ungern. Sie fürchtet negative Konsequenzen. Immerhin will sie künftig übers Fernsehen mehr als nur junge, moderne Türkinnen erreichen: «Auch Mütter, Väter und junge Männer sollen fit und gesund leben.» Wenn Heldin, dann für alle.

Doris Hofer
© Nicolas Righetti

Mit Gefühl: Seit drei Jahren ist Doris mit Kerem zusammen. Laut ihr mit «dem bestaussehenden Mann der Welt».

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