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Nur Mut

Eine Idee aber kein Geld? Mit Ting klappts!

Es klingt utopisch: Die Schweizer Plattform Ting verschenkt ihren Mitgliedern Geld, damit sie damit etwas Sinnvolles für sich und die Gesellschaft machen können. Mitbegründerin Ondine Riesen erklärt, wie das System funktioniert.

Team von oben links Uhrzeigersinn_ Ruben, Vinzen, Ondine, Ralph, David, Silvan, Malik, Flurin.

Ondine Riesen und ihre Kollegen haben im Juni 2020 die Plattform Ting gegründet.

HO

Wir alle haben doch Ideen, wie wir diese Welt besser machen könnten», sagt Ondine Riesen. Leider wissen die meisten auch, wieso es in der Regel bei der Idee bleibt: keine Zeit, zu wenig Geld, zu viel Stress, fehlender Mut – oder alles zusammen. Um dies zu ändern, haben Ondine Riesen und ihre sieben Kollegen im Juni 2020 die Plattform Ting ins Leben gerufen. Eine Gemeinschaft, die ihren (zurzeit) 119 Mitgliedern bei Bedarf ein Grundeinkommen zur Verfügung stellt. Wer bei Ting mitmacht, zahlt monatlich mindestens fünfzig Franken auf ein Gemeinschaftskonto. Im Gegenzug erhält man finanzielle Unterstützung für «gesellschaftlich relevante Weiterentwicklungen».

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Nachhaltige Menstruatisonprodukte

So auch Ramona Schwarz. Sie ist Unterwäsche-Designerin und will in Zukunft nachhaltige Menstruationsprodukte vertreiben. Ihr erster Schritt ist die Entwicklung eines Periodenslips. «Die technischen Anforderungen dafür sind komplex und brauchen eine zeitaufwendige Recherche», sagt sie. Schwarz hat bei Ting eine Weiterentwicklung beantragt und bekommt seit Anfang August sechs Monate lang jeweils 2500 Franken. «Dieses Geld verpflichtet und motiviert gleichzeitig», sagt sie. «Es brauchte auch Überwindung, es überhaupt zu beantragen.»

Neben der Grundidee, dass die Ting-Mitglieder miteinander Geld teilen, geht es auch um den Austausch von Wissen untereinander. Ausserdem sehen die Erfinderinnen und Erfinder von Ting die Plattform als Experiment. «Wir wollen beweisen, dass der Mensch nicht faul wird, wenn er Geld geschenkt bekommt», sagt Ondine Riesen, die auch Teil des Vereins Grundeinkommen ist. «Klar könnte es Leute geben, die ein solches System ausnützen – aber nur weil jemand schwarzfährt, wird das System ÖV ja auch nicht grundsätzlich infrage gestellt.»

Sehen, was mit seinem Geld passiert

Gefördert wird der Aufbau von Ting vom Migros-Pionierfonds. Damit das System funktioniert und im finanziellen Gleichgewicht bleibt, können nur knapp zehn Prozent der Mitglieder auf einmal in einer Weiterentwicklung sein. Und es müssen mehr Menschen einzahlen als profitieren, was laut Riesen unproblematisch ist: «Es gibt in der Schweiz genügend Leute, die Geld haben, das sie nicht dringend benötigen.» Statt es auf dem Sparkonto zu horten, sehe man bei Ting auch wirklich, was mit dem Geld passiert. «Das ist doch viel cooler!»

Unterstützt werden intrinsisch motivierte Projekte und Tätigkeiten, die einen positiven Effekt auf den Einzelnen und die Gesellschaft haben. Interne und externe Stellen prüfen die Eingaben und legen auch fest, wie viel Geld das Mitglied monatlich bekommt und für wie lange.

Permakultur im Dorf

Eines der ersten Projekte war jenes von Dominik Knieriemen. Mit «Bereicherung des Dorflebens» fasst er es zusammen. Knieriemen ist selbstständiger Berater im NGO-Bereich und lebt seit über drei Jahren in Pfäffikon ZH, wo er aber nicht aktiv am Dorfleben teilgenommen hat. Dies hat er mithilfe von Ting in den letzten sechs Monaten geändert. Unter anderem bewirtschaftet er seit Februar ein Permakulturfeld im Dorf, ist Helfer beim Wochenmarkt, partizipiert an einem Raumentwicklungskonzept der Gemeinde und hat dadurch viele Gleichgesinnte kennengelernt. «Mir bereitet es Freude. Und es gibt mir Perspektiven, ein aktiver Teil von Pfäffikon zu sein. Davon profitiert wiederum die Gemeinschaft. Ein reichhaltiges Dorfleben gehört zur Nachhaltigkeit», ist er überzeugt.

Keine Zweifel hat auch Ondine Riesen: «Ting klingt natürlich wie eine Utopie. Aber eine Idee ist nur utopisch, solange man sie nicht umsetzt.» Auch die AHV, den Gotthardtunnel oder den freien Samstag habe man einst in der Schweiz als nicht realistisch angesehen.

Von Barbara Halter am 19.09.2021
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