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«Gut siehst du aus!» «Echt, findest du?»

Warum es uns so schwer fällt, Komplimente anzunehmen

Heute ist Tag des Kompliments. Wie, mit Komplimenten könnt ihr nicht umgehen? Sind nette Worte jetzt ein Problem? Wir fordern: Suhlt euch ruhig ein bisschen in der Schmeichelei. Denn Eigenlob stinkt nicht, es stimmt.

Komplimente
Wer ein Kompliment bekommt, steht im Mittelpunkt. Peinlich? Verlegenheit ist süss, aber eigentlich fehl am Platz. Getty Images

«Wenn du einer Frau ein Kompliment machst, ist sie so befriedigt, dass du sie nicht mehr befriedigen musst», hörte man heute anlässlich des Tag des Kompliments im Radio. Höhöhö. Unfassbar dummer Spruch. So einfach ist es nun nicht. Ganz im Gegenteil. Allein auf «Schöner Pulli!» folgt meist «Ach, der ist alt», oder «Der fusselt aber», oder «Ist nur von Zara» und reflexartig «Deiner auch». Unausgesprochen bleibt «Scan mich doch bitte nicht so. Oh Gott, warum sagt er/sie das?». Spinnen wir eigentlich? Weil er/sie es genau so meint, vermutlich ...

Den Abwehrmechanismus müssen wir uns dringend abtrainieren

Schliesslich spürt man doch, wenn es der andere ernst meint. Den Pulli hat man gekauft, weil man ihn schön findet. Da liegt es nahe, dass andere ihn ebenso gut finden. Die Wenigsten wollen bloss schleimen. Ausserdem muss man sich weder zur Gegenleistung verpflichtet fühlen, noch ist die Angst begründet, arrogant zu wirken. Warum also nette Worte abwerten und auf eigene Schwächen umlenken? Eigentlich reicht ein «Danke» plus Lächeln.

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Komplimente zum Klicken

Wir machen uns klein, irrelevant und unbedeutend. Und das in einer Gesellschaft, in der es nur um Anerkennung geht. Es scheint, als wüssten wir nicht recht, was wir wollen. Ein Lob vom Chef oder der Chefin wünschen wir uns oft vergeblich sehnlichst, Likes jagen wir hinterher wie die Blöden. Und ein Like ist letzten Endes nichts mehr als ein unpersönliches «Gefällt mir», in deren Menge wir uns aber genüsslich suhlen. Stellt euch vor, die Community käme mit ihren echten Körpern auf euch zu und würde mit hörbarer Stimme «Schöner Glow», «Geiles Kleid» oder «Heisses Spiegelselfie» kommentieren – man würde es so sehr hassen, man könnte es niemals handlen. Denkt nur an all die Herzaugen- und Feuer-Emojis! Wie kämen die übersetzt ins Real Life daher …? Hilfe.

Männer, you too!

Und dann kommen da noch die Männer: Deren Komplimente sind oft noch viel schwieriger anzunehmen. «Die Hose sitzt gut» kommt von einem Boy? Ähm, bitte …? Man möchte keinesfalls aufs Äussere reduziert werden. Weil wir viel mehr sind. Das ist natürlich richtig. Aber genauso wie Leistung ist auch ein Look nicht gewöhnlich und muss nicht abgetan werden. Und sind wir mal ganz ehrlich, ganz leicht haben es Männer heutzutage nicht mehr. Spontan rausschleudern, was einem auf der Zunge liegt, funktioniert nicht mehr. Die Autorin dieses Textes zum Beispiel macht den Brüsten und Ausschnitten ihrer Freundinnen gerne Komplimente. Ein Mann kann das kaum, ohne als sexistisch und lüstern zu gelten. Da muss er schon wahnsinnig galant formulieren können. Also: Wir Frauen müssen lernen, zu differenzieren.

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Nimmer auf der Hut

Genauso wie wir lernen müssen, die ewige falsche Bescheidenheit abzulegen. Klar, dezente Menschen sind liebenswerter und sympathischer, aber ein schlichtes Lächeln auf einen schwelgenden Lobgesang schadet dem Image nicht. Auch ständige Skepsis ist lästig, die bedarf es dringend zu eliminieren. Und bei der Gelegenheit können wir uns gleich mal an die eigenen Schnupfnasen fassen. Erst gestern kam die Nachricht «Ihr seid übrigens toll ♡» in unseren Redaktions-Chat geflogen. Keine von uns Hühnern antwortete darauf in irgendeiner Weise auch nur ansatzweise adäquat. Sondern mit «Warum jetzt genau?» und «Hast du dich im Chat geirrt?». Dabei sind wir toll. Warum genau wissen wir noch immer nicht. Aber: WIR SIND TOLL. Danke für die Wortblumen, Malin.

 
Von Linda Leitner am 1. März 2019