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Microdosing

Wenn LSD den Alltag aufheitern soll

Immer mehr Menschen experimentieren mit winzig kleinen Drogen-Dosen. Ihr Ziel ist nicht der Rausch, sondern eine verbesserte Konzentration und mehr Wohlbefinden. Die Jugendberatung Streetwork rät zu Vorsicht.

Frau mit Emoji auf der Zunge

Hilfreich oder gefährlich?

Getty Images

Wie so viele Innovationen stammt auch das Microdosing aus dem Silicon Valley. Seit einigen Jahren verbreitet sich unter Tech Geeks und schlauen Köpfen in der San Francisco Bay Area die Annahme, dass winzig kleine Mengen an halluzinogenen Drogen die Konzentration fördern und produktiver machen. «Die Dosierung ist dabei circa 10-20 mal tiefer als bei 'normalen' Dosen», sagt Christian Kobel, Leiter der Jugendberatung Streetwork in Zürich.

So langsam schwappt der Trend zum Micro-High in die Mitte der Gesellschaft. Der britische «Guardian» berichtet bereits von Müttern, die sich LSD-ähnliche Substanzen auf die Zunge tröpfeln, bevor sie mit den Kindern spielen, Lehrerinnen, die nach eigener Aussage besser unterrichten, seit sie Magic Mushrooms nehmen oder Personen, die illegale Halluzinogene als Alternative zu Antidepressiva verwenden. «Das Ziel von Microdosing ist für viele Personen entweder die Förderung ihrer Leistungsfähigkeit oder die Selbsttherapie von psychischen Krankheiten», erklärt Kobel. Viele Personen seien wohl auch einfach am Selbstexperiment interessiert.

«Seit zwei, drei Jahren ist Microdosing bei der Jugendberatung Streetwork öfters Thema in Beratungen im Rahmen unseres Drug-Checking-Angebots. Es handelt sich jedoch nach wie vor um eine kleine Gruppe von Personen, die mit dieser Thematik an uns gelangen.» Neben LSD und «Pilzli» würden auch andere Psychedelika von Microdosern verwendet. «Wir raten, Substanzen unbedingt analysieren zu lassen, da nur eine Analyse Hinweise über Dosierung, Verunreinigung oder sogar Falschdeklaration ermöglicht», so Kobel.

Forschung steckt in den Kinderschuhen

Darüber, wie sich Microdosing genau auf den Körper auswirkt, gibt es bislang keine verlässlichen Angaben. Fest steht: Aufgrund der signifikant tieferen Dosierung entstehen keine Halluzinationen. «Userinnen und User berichten von leichter Euphorie, gesteigerter Empathie, erhöhter Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer sowie, dass sie sich durch Microdosing nach einem Monat besser, positiver, konzentrierter, einfühlsamer fühlen und ihnen das Erledigen von Aufgaben leichter falle», erklärt Kobel und gibt gleichzeitig zu bedenken: «Ob dies tatsächlich Effekte von Microdosing sind, oder ob es sich um einen Placebo-Effekt handelt, ist wissenschaftlich nicht gesichert.» Erste Studien zu dieser Frage werden derzeit am Imperial College in London durchgeführt.

Auch wenn Forscher in Kopenhagen bereits die Auswirkungen von minim dosierten Halluzinogenen nachweisen konnten, ist der Londoner Studienleiter Balázs Szigeti skeptisch. «Ich bezweifle nicht, dass Microdoser einen positiven Effekt verspüren. Ich frage mich jedoch, ob es sich um einen psychologischen oder einen pharmakologischen Effekt handelt.» 

 

Risiko bleibt Risiko

So oder so ist laut der Jugendberatung Streetwork Vorsicht geboten. «Wir raten beispielsweise Personen, mit einer psychologischen oder psychiatrischen Diagnose ab, Microdosing als Methode der Selbsttherapie anzuwenden, und derartige Vorhaben vorgängig mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Psychiater zu besprechen.» Auch dass gesunde Menschen psychoaktive Substanzen einnehmen, um besser funktionieren zu können, eröffne Fragen – «allerdings auf gesellschaftlicher Ebene», schickt Kobel nach. 

«Da beim Microdosing oftmals Halluzinogene über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, stellen sich Fragen zur psychischen Abhängigkeit, zu möglichen Realitätsverlusten und Persönlichkeitsveränderungen», fügt der Fachmann an. Die akuten Risiken beim Konsum von Mikrodosen könnten grundsätzlich als geringer eingestuft werden als beim Konsum von «normalen» Dosen.

Trotzdem sollte man auch vor möglichen Langzeitrisiken die Augen nicht verschliessen. So verursacht LSD zwar keine körperliche Abhängigkeit. Ob die regelmässige Einnahme von Kleinstdosen LSD über einen längeren Zeitraum zu einer psychischen Abhängigkeit führen kann, ist jedoch ungeklärt, wie Kobel sagt. «Vorstellbar ist, dass sich eine Art funktionale Abhängigkeit einstellen kann, wenn LSD zur Förderung der Leistung eingenommen wird.»

Hilfe und Information

Wenn ihr Fragen zu psychoaktiven Substanzen habt oder euch aufgrund eures eigenen Konsums oder dem von Angehörigen oder Freunden sorgt, könnt ihr jederzeit die Beratung der Jugendberatung Streetwork kontaktieren und eine professionelle Meinung einholen. Online auf www.saferparty.ch oder per Telefon: 079 431 70 04. Weitere Auskünfte erteilt auch das Drogeninformationszentrum (DIZ) der Stadt Zürich: 044 415 76 46.

Von Marlies Seifert am 13. Mai 2019