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  4. Rami Malek im Interview über James Bond und die neue Männlicheit

Bond-Bösewicht Rami Malek

«Es ist grossartig, dass sich das Konzept von Männlichkeit ändert»

Am 12. November soll der neue Bond «No Time to Die» endlich in die Kinos kommen. Wir freuen uns aber nicht auf Daniel Craig (sorry: Gähn), sondern auf die Performanz seines schmächtigeren Gegenspielers Rami Malek. Mit dem haben wir nämlich über die Rollen seines Lebens und die neue Männlichkeit gesprochen.

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Er: Sprachrohr. Wir: ganz Ohr. Rami Malek über die Rollen seines Lebens und die neue als Gesicht der Uhr Pasha von Cartier.

Andreas Laszlo Konrtath/Cartier

«Ich» (Pause) «habe mich gefragt» (lange Pause), «wie man Ihren Namen richtig ausspricht», fragt er die Autorin. «Is it ‹Rachel›?» Wenn er spricht, lässt er den Worten Raum. Er lässt sie fallen wie etwas Schweres. Jedes Wort bekommt seinen Platz, jedes, sorgfältig gewählt. Nicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Rami Malek ist einfach extrem exakt.

«Ohne das ‹c›», sagt die Autorin. Wir haben nur zwanzig Minuten Zeit mit dem 39-Jährigen, der mit der Serie «Mr. Robot» (2015 – 2019) seinen Durchbruch hatte, der 2019 für seine Rolle in «Bohemian Rhapsody» einen Oscar bekam, jetzt ein Gesicht der Kam­pagne Pasha de Cartier ist und bald als Bösewicht im neuen James Bond zu sehen sein wird («No Time to Die»). Es gibt viel zu besprechen. In diesen wertvollen Minuten geht es um ihn. Alles andere ist irrelevant.

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Nun möchte der Schauspieler aber noch wissen, woher der Name der Auto­rin denn stamme. Malek überrascht damit wenig. Die Mischung aus wohlerzogener Bescheidenheit und Selbstbewusstsein entspricht genau diesem, seinem Image, dem man so leicht verfallen kann. Weiter gehören dazu: sensibel und nachdenklich zu sein, gebildet – und cool, doch brav genug, um als klavierspielender Nerd durchzugehen. Mit anderen Worten: Dieses schmale Kerlchen mit den Augenringen ist der perfekte Filmstar unserer Zeit.
Das liegt, neben seinem Können, auch daran, dass er anders ist. Wo Blockbuster-Produzenten in erster Linie auf den Typ «Captain des Football Teams» setzen, bildet der 1,75 Meter grosse Malek mit seiner bubenhaften Zartheit und fernab jeden ­Aggressionspotenzials ein Gegenmodell. Auch Hollywood weiss mittlerweile: Männlichkeit definieren nicht Hosengrösse oder Muskelshirts. Anderes bekommt einen Platz. Das ist aufregend. Schöne neue Welt.

«Der Name ‹Rahel› entstammt dem Hebräischen», erklären wir dem ägyptischstämmigen Amerikaner. Aber, so charmant er – dieser Profi – zu Beginn auch Interesse am Namen der Autorin bekundet, das Gespräch führen dann doch wir. Herr Malek, sagen Sie mal … 

Style: Im November kommt der neue James-Bond-Film in die Kinos. Sie, der eine der Hauptrollen darin verkörpert, haben ihn ja bereits gesehen. Hat Sie ­etwas am Endergebnis überrascht?
Rami Malek: Ja, so vieles! Ein Bond ist eine reine Aneinanderreihung von Schockwellen. Ich hoffe, das wird das Publikum auch so sehen.

Denken Sie oft ans Publikum, wenn Sie arbeiten?
Ich denke ziemlich oft ans Publikum, wenn ich arbeite. Ich versuche, die Position des Betrachters zu übernehmen. Nicht konstant. Nicht von Take zu Take oder Szene zu Szene. Ich erinnere mich, dass ich als Kind praktisch nie einen Charakter im Fernsehen gesehen habe, mit dem ich mich identifizieren konnte. Das versuche ich im Hinterkopf zu behalten. Dass ich eine Rolle darin spiele, dass sich andere repräsentiert fühlen.

Ein Bond-Bösewicht, die Legende Freddie Mercury – Ihre Rollen sind oft sehr eindringlich. Und bestimmt anstrengend zu verkörpern …
Ich für meinen Teil geniesse den Prozess, wenn ein Film entsteht, so sehr, dass ich es für eine vertane Chance halte, am Set nicht alles aufzusaugen. Ich stelle konstant Fragen, versuche, so viel wie möglich zu lernen.

Bleiben Sie während dieses Prozesses konstant in der Rolle oder schütteln Sie sie nach Feierabend einfach ab?
Je älter ich wurde, desto wichtiger war es mir, Grenzen zu setzen. Wenn eine Rolle dich als Privatperson zu infizieren beginnt, wird es problematisch. Ich bevorzuge es, mit ganzem Herzen dabei zu sein, wenn es darauf ankommt, mich danach aber klar zu distanzieren.

Und wie schaffen Sie das?
(Lange Pause.) Ich glaube, das kam mit der Erfahrung. Mit fortschreitender Karriere beginnt einen genau das mehr und mehr zu befriedigen: Zu lernen, so richtig in seine Arbeit einzutauchen – aber nur, wenn nötig. Und dann genügend Respekt vor sich selbst zu haben, um einer Rolle wieder den Rücken zu kehren.

Wenn Sie schauspielern, exponieren Sie sich zwar, können sich aber immer noch hinter einer Rolle verstecken. Wie ist es mit modeln? Wie war es für Sie zu sagen: «Ja, ich bin jetzt eine Berühmtheit und lasse einen Brand wie Cartier in mein Leben»?
Die Entscheidung fühlte sich ganz natürlich an, niemals unangenehm. Ich hatte das Label ja bereits kennengelernt, als ich es an der Oscarverleihung 2019 trug und so meinen Preis entgegennahm. Ich trug Cartier in einem Moment, in dem man bestmöglich aussehen und sich bestmöglich fühlen möchte. Und das tat ich.

Was hilft noch dabei, sich gut zu fühlen? 
Vorbereitung. Gut vorbereitet und mit einer Detailorientierung überschreite ich Grenzen, die ich sonst nicht überschreiten würde. So gehe ich Risiken ein, die ich ohne die ganze vorhergehende Arbeit vermutlich nicht in Kauf genommen hätte.

Die deutsche «GQ» hat Sie kürzlich mit Schauspieler Timothée Chalamet und Sänger Harry Styles verglichen. Eine ­Ahnung warum? 
(Lacht). Interessant. Ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll. Interessant. Das sind aussergewöhnliche Künstler. Ich bedanke mich für den Vergleich. Aber er erschliesst sich mir noch nicht ganz.

Nun, Sie alle stellen eine neue Welle der Männlichkeit dar. Nämlich: Keine breit gebauten Christian Bales oder Bradley Coopers, sondern solche, die ganz sensibel und zartbesaitet sein dürfen. Einverstanden?
Ah! (Pause.) Ich fand es schon immer wichtig, die traditionellen Standards herauszufordern, die Holly­wood vorgegeben hat. Es ist grossartig, dass sich das Konzept von Männlichkeit ändert, so wie wir es bisher definiert ­haben.

Liegt es auch im Verantwortungsbereich als Schauspieler und öffentlicher Person, Dinge zu verändern?
Es ist – egal, ob man in der Öffentlichkeit steht oder nicht – wichtig, Normen und Standards konstant zu hinterfragen. Das führt immer zu Fortschritt, zu positiven Veränderungen. Gerade setzt man sich in der Filmindustrie stark mit dem Thema Repräsentation auseinander. Das hat eine Weile gedauert, aber nun wird sich hoffentlich endlich etwas ändern – oder zumindest wird schon mal darüber gesprochen.

Verspüren Sie aktuell einen grösseren Druck, politisch zu sein?
Ich war immer politisch. Aber es ist spannend, wie stark sich politisch orientierte Diskussionen zurzeit ausbreiten.

Was meinen Sie mit «sich ausbreiten»? 
Sie finden öfter statt. Überall. Nicht mehr hinter vorgehaltener Hand. Die Leute spüren die Verantwortung, die Dinge ­selbst in die Hand zu nehmen und sprechen ­offen über das, was lange Zeit unausgesprochen blieb. 

Das tun die Leute auch auf Social Media. Man könnte die sozialen Medien auch mit einer Party vergleichen, bei der drei Leute grossartig sind – die anderen vierzig aber nicht ganz so nett. Ist das ein Grund, warum Sie nicht mitfeiern wollen?
Das hat etwas. Ich benutze Social Media überhaupt nicht. Nicht, weil alles daran schlecht ist. Es fühlt sich für mich einfach nicht wie ein natürlicher Weg der Kommunikation an. Nichts kann die direkte Verbindung zwischen zwei Personen ersetzen. Darauf könnte ich nicht verzichten.

Lassen Sie uns dennoch kurz über Verzicht sprechen: Wenn Sie für den Rest Ihres Lebens nur noch einen Song hören könnten – welcher wäre das?
Ich würde das, wenn ich darf, etwas ausweiten und das gesamte Werk von Bob Dylan nehmen. Was er erschaffen hat, ist nicht nur Musik, es ist Poesie.

Wenn Sie für den Rest Ihres Lebens nur noch einen Film oder eine Serie schauen könnten – welcher oder welche wäre das?
Wow (Pause). Ich würde Sam Esmail, der «Mr. Robot» kreiert hat, fragen, ob er für mich die längste Serie der Fernsehgeschichte produzieren würde.

Wenn Sie für den Rest Ihres Lebens nur noch mit einer Person sprechen könnten – wer wäre das? 
Unmöglich!

Weil Sie nicht wählen wollen oder weil Sie uns nicht sagen wollen, wen Sie wählen würden? 
Ein wenig von beidem (lacht). Nein. Das ist es nicht. Gespräche sind doch einfach viel zu schön, als dass man sie limitieren sollte.

Seid ihr auch schon ganz verliebt? Wenn nicht: Auf Anfrage gibts vielleicht die Audio-Datei, wie er den Namen der Autorin sagt. Das hilft.

Von Rahel Zingg am 01.10.2020
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