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#KeineFrage

Was sich Frauen Unerhörtes anhören müssen

Statt über unsere Kompetenzen müssen wir in Vorstellungsgesprächen oft über unsere Familienplanung reden. Das ist nicht nur unangenehm, sondern auch unzulässig. Ein Hashtag macht auf das Problem aufmerksam.

Desperate woman in retro style.

Manchmal sind Bewerbungsgespräche echt zum Verzweifeln.

Getty Images

«Warum denken Sie, dass es für Sie mit einem 3-jährigen Kind der richtige Moment ist, um in diesen Beruf wiedereinzusteigen?», «Wie wollen Sie das denn machen, 80% arbeiten mit einem Kind?», oder der Klassiker: «Wollen Sie Kinder?». Unter dem Hashtag #KeineFrage hat Journalistin Miriam Suter Fragen wie diese gesammelt. Es sind Fragen, mit denen ihre Berufskolleginnen in Vorstellungsgesprächen konfrontiert wurden. «Der Hashtag war eine spontane Idee, um auf das Thema aufmerksam zu machen», erklärt sie auf Anfrage von Style.

Suters Geistesblitz entzündete sich an einer Diskussion in einer geschlossenen Facebook-Gruppe für medienschaffende Frauen. Dort meldeten sich in kürzester Zeit Dutzende von Journalistinnen und Kommunikationsprofis mit ähnlichen Erlebnissen wie den oben erwähnten zu Wort. Und das Problem ist längst nicht nur der Medienbranche vorbehalten. Statt über ihre Kompetenzen müssen vor allem Frauen jenseits der 30 in Vorstellungsgesprächen oft über ihr Privatleben reden. Rechtlich gesehen bewegen sich Chefinnen und Chefs mit einem solchen Vorgehen auf dünnem Eis. 

«Fragen, die in keinem Zusammenhang mit der Arbeit stehen, also zum Beispiel nach der Familienplanung, Partnerschaft und Kindern sind nicht erlaubt. Stellt der potenzielle Arbeitgeber dennoch solche Fragen, darf die Bewerberin vom Recht der Notlüge Gebrauch machen und muss keine rechtlichen Konsequenzen befürchten»,

weiss «Beobachter»-Rechtsexpertin Dana Martelli.

Ehrlich beantworten müssen Bewerberinnen nur Fragen, die in direktem Zusammenhang mit der zu leistenden Arbeit und dem Arbeitsplatz stehen. «Auch müssen Arbeitnehmerinnen von sich aus alles mitteilen, was sie für die betreffende Arbeit als absolut ungeeignet erscheinen lässt. So muss zum Beispiel eine Frau mitteilen, dass sie schwanger ist, wenn sie sich für eine Stelle bewirbt, bei der sie mit chemischen Stoffen arbeiten würde, welche die Gesundheit ihres Kindes gefährden», führt Martelli weiter aus.

Wie die Kinderbetreuung geregelt ist und ob weiterer Nachwuchs geplant ist – solche Fragen gehören also definitiv nicht in ein Vorstellungsgespräch.

Die Problematik ist auch 2019 noch hochaktuell. Miriam Suter hofft deshalb, dass noch mehr Frauen unter dem Hashtag #KeineFrage ihre Geschichte öffentlich teilen. «Das hilft ja auch, um Druck auf die Arbeitgeber aufzubauen. Wenn wir unsere Erlebnisse für uns behalten, kann man uns ewig vorwerfen, dass doch alles gar nicht so schlimm ist, dass wir schon lange gleichberechtigt sind», ist sie überzeugt.

Gleichzeitig hat die Journalistin Verständnis für Frauen, die sich nicht trauen. «Immerhin sind sie es, die mit den Konsequenzen leben müssten. Und man will auch nicht als weinerliches Opfer dastehen», sagt Suter. Und trotzdem:

«Gerade im Hinblick auf den Frauenstreik sieht man, wie wichtig das Denken als Kollektiv ist, wie wichtig Solidarität ist».

Also: Speak out, Sisters!

Von Marlies Seifert am 13. Juni 2019