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  4. Angst vorm Telefonieren: Woher kommt die soziale Phobie

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Woher kommt bloss unsere Angst vorm Telefonieren?

Wir sliden in DMs, sind 24/7 via WhatsApp erreichbar, checken minütlich den Facebook-Messenger, aber machen uns in die Hose, wenn das Display von einer Nummer erleuchtet wird, die uns tatsächlich anrufen – also sprechen will. Was zur Hölle stimmt eigentlich nicht mit uns?

Angst vorm Telefonieren

Bei Anruf … Panik!

Getty Images

Hach ja, das Kommunikationszeitalter, ist es nicht schön? Wir verschicken E-Mails, Kalender-Einladungen, Live-Standorte, Kurznachrichten und WhatsApps als gäbs kein Morgen mehr, Kommentare, Likes, Emojis, lustige GIFs, Selfies sowieso. FOMO war mal, dank dieses ganzen «Digital-Native-Seins» verpassen wir nix mehr. Ja Gott sei Dank, wir sind immer und überall erreichbar. Oder?

You used to call me on my …

… nee, bitte nicht. Wer heute jemanden kennenlernt, wurde wahrscheinlich vorher rechts geswiped, ist in irgendwelche DMs geflutscht, oder hat unter das richtige Bild das richtige Emoji gepflanzt. Kontakt im Real Life? Schwierig. Und wenn, dann werden nur noch selten Nummern, sondern mit Vorliebe die Sätze «Bist du auf Facebook?» oder «Wie ist dein Insta-Handle?» ausgetauscht. Alles bitte hübsch unverbindlich. 
Das gilt nicht nur für Zwischenmenschliches. Auch dinieren wollen wir eigentlich nur noch dort, wo online schnell über ein paar Klicks reserviert werden kann. Einen Bankangestellten? Haben wir schon seit Jahren nicht gesprochen – sorry, Finanzen regelt man ja wohl übers E-Banking. 

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Woher kommt die Angst?

Nun ja, der Nährboden für soziale Phobien war noch nie so saftig. Wir haben Angststörungen, Panikattacken, messen unseren eigenen Wert an den digital aufflammenden Herzen anderer und belegen beinahe jeden unserer Schritte mit einem Bild oder Video samt schmissiger Caption. Weil: «Instagram or it didn't happen». Die Ironie an der Sache ist: Wir teilen mehr von uns als je zuvor und sind dabei so unsicher wie noch nie. Bevor das Selfie gepostet wird, wird es aus 237 Winkeln perfektioniert und mit mindestens einem Filter jeglicher Persönlichkeit entledigt. An Bildunterschriften und Hashtags wird gefeilt bis jede Pointe so knackig sitzt wie die eben noch schnell online bestellte Jeans. Gleiches gilt für unsere WhatsApp-Nachrichten und Mails. Jedenfalls für die, die an wichtige Menschen flattern. Wir habens in der Hand, wie wir nach aussen wirken wollen, wir haben die Kontrolle. Wird die uns durch ein vibrierendes Klingeln aus den auf der Stelle schwitzig nassen Händen gerissen, tritt Panik auf! 

Wo ist das Script?
Wo ist die «cmd Z»-Taste?
Was, wenn ich mich verspreche?
Was, wenn ich nicht lustig bin?
Wie mache ich ungeschehen, was live passiert?!

Wir sind so sehr daran gewöhnt, alles planen, schleifen und optimieren zu können, dass uns irgendwo zwischen Festnetzanschluss und iPhone 11 das Improvisationstalent abhanden gekommen ist. 

Disclaimer: Im echten Leben gibt es keine Likes

Wenn der Versicherungsvertreter anruft, weil er einen guten Deal für eure Police hat, ist es ok, nicht spritzig witzig zu kontern. Wenn die Gynäkologin euch die Ergebnisse eures letzten Bluttests mitteilen möchte, reicht ein förmliches «Dankeschön, auf Wiederhören». Wenn der Schwarm tatsächlich durchklingelt, um euch nach einem Date zu fragen, ist er garantiert genauso aufgeregt wie ihr. Da springen keine Follower ab, da braut sich kein Shitstorm zusammen, da geht nicht die Credibility vor die Hunde. Ein Telefonat ist einfach nur reden, halt mit Hörer an der Backe. Sollte in Zeiten, in denen jeder zu allem eine Meinung hat, doch eigentlich zu managen sein, oder?

 

Von Laura Scholz am 12.02.2020
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