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  4. Paartherapie in der Natur: PaarCours führt aus der Beziehungskrise

Elternpaare in der Krise

Es gibt einen Weg aus dem Beziehungs-Lockdown

Der Corona-Lockdown hat viele Paare auf die Probe gestellt. Besonders Elternpaare waren in dieser Zeit einer grossen Belastung ausgesetzt. Nun geht es daran, die Beziehung wieder in angenehme Gewässer zu navigieren. Ein neues Angebot für Liebende, das Paartherapeutin Margareta Hofmann entwickelt hat, könnte dabei helfen.

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Auch wenn sich Paare während des Lockdowns verloren haben, gibt es Wege, die Beziehung wieder aufleben zu lassen.

Getty Images

Frau Hofmann, Sie haben während dem Corona-Lockdown eine Hotline für Paare bedient. Uns interessieren vor allem Elternpaare. Mit welchen Schwierigkeiten haben diese sich an Sie gewendet?
Bei Elternpaaren stellten die zusätzlichen Rollen eine Belastung dar. Um ein Beispiel zu nennen: Eine Mutter sagte, sie liebe ihre Kinder, könne aber das Wort Mama im Moment nicht mehr hören. Während ihr Partner sich im Homeoffice der Arbeit widme, bleibe alles andere an ihr hängen. Eltern von Vorschulkinder erlebten oft einen Verlust der Emotionskontrolle, welcher sich als Aggression gegenüber dem Partner äusserte, um die Kinder zu schützen.

Und Eltern älterer Kinder?
Gerade bei Jugendlichen hat der Lockdown die bereits vorhandenen Eigenschaften stärker ausgeprägt: Suchtpotential, Gamen, Kiffen, Probleme mit der Disziplin haben sich verstärkt. Dadurch hatten diese Eltern oft mit Hilflosigkeit zu kämpfen. Worunter auch die Beziehung litt.

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Was haben Sie diesen Paaren geraten?
Ich habe versucht, ihren Problemfokus zu öffnen, sodass sie weniger den Stress und die Überforderung wahrnahmen, und mehr das, was ihnen gelungen ist. Es ist zum Beispiel wichtig für Eltern zu wissen, dass es ok ist, den Kindern gegenüber Emotionen zu zeigen. Eltern sind Vorbilder und Kinder lernen von ihnen, wie man sich wieder auf die richtige Spur bringt. Das hat einen hochrelevanten Impact auf das Leben der Kinder. Sie werden dadurch widerstandsfähiger.

«Ein einfaches Hausmittel mit hohem Wirkungsgrad: ein Lächeln schenken.»

Margareta Hofmann, Paartherapeutin

Wie können Elternpaare nun wieder aus dem Beziehungs-Lockdown finden?
Indem sie einen Zwischenhalt einlegen, bevor sie vom Krisenmodus wieder zurück ins alltägliche Hamsterrad wechseln.

Gibt’s dafür ein Geheimrezept?
Ich möchte Paare auffordern, sich eine intime Nische zu suchen. In der Natur an der frischen Luft die Leichtigkeit des Seins zu spüren und sich auszutauschen. In einem Rückblick zu besprechen, was sie als unfair empfanden und was gut gelungen ist und in einem Ausblick darauf zu fokussieren, was die gemeinsamen und individuellen Wünsche sind. Ein einfaches Hausmittel mit hohem Wirkungsgrad: ein Lächeln schenken, geduldig zuhören und ernst nehmen, wertschätzen. Mir fällt immer wieder auf, dass sich Paare diese drei Punkte wünschen. Da machen mein Mann und ich keine Ausnahme.

Sie haben zusammen mit dem Maiensässhotel Guarda Val einen PaarCours entwickelt, der Paaren helfen soll, sich nach der Krisenzeit wiederzufinden. Wie funktioniert er?
Es ist ein Spaziergang durch schönste Natur. Die Paare machen sich mit einem Rucksack auf den Weg und gehen acht Posten ab, die Themen aus der Paar- und Glücksforschung aufgreifen. Locker umgesetzt und inspirierend.

«Ich habe den PaarCours vergangene Woche mit meinem Mann ausprobiert.»

Margareta Hofmann, Paartherapeutin

Können Sie uns einen Posten beschreiben?
Beim ersten Posten sitzt das Paar auf einer Bank und nimmt eine Sanduhr aus dem Rucksack, die zehn Minuten läuft. Während dieser Zeit sitzt man einfach still da. Ich habe es vergangene Woche mit meinem Mann ausprobiert. Und es ist erstaunlich, was in dieser kurzen Zeit passiert. Man sitzt auf diesem Bänkli und fährt zuerst einmal hinunter, spürt den eigenen Körper, vielleicht etwas, das zwackt oder weh tut. Dann plötzlich nimmt man die Vögel wahr. Und die Dankbarkeit für den Moment. Irgendwann habe ich den Kopf gewendet und meinen Mann angeschaut und dachte: Ah, da sitzt er ja, wie schön. Da kam ich von der Selbstwahrnehmung zur bewussten Wahrnehmung meines Gegenübers. Spielerisch finde ich den Posten, auf dem beide einzeln über zwei parallel verlaufende Balken balancieren. Das ist wirklich schwierig und bringt einen zum Lachen. Dann geht man gemeinsam über die Balken, indem man sich die Hand gibt. Und plötzlich gelingt es kinderleicht.

Wie endet der PaarCours?
Mit einer Schaukel, auf der man gemeinsam Richtung Tal und Berge schwingt. Hier geht es darum, frei und leicht wie ein Vogel zu fliegen und gemeinsam in die Zukunft zu sehen. Die Aufgabe im Rucksack lautet: Besprechen Sie ihr aktuelles Glück und gemeinsame Träume. Dazu gibts Prosecco, ebenfalls aus dem Rucksack. Interessant ist, dass sich das Paar-Gespräch auf dem PaarCours viel einfacher und natürlicher entwickelt, als wenn der eine am Küchentisch unbedingt reden will und der andere gerade nicht.

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Beschwingend: Der letzte Posten des PaarCours erlaubt Liebenden, von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen.

ZVG

Sollte man den Partner einweihen oder ihn besser mit dem PaarCours überraschen?
Beides geht. Ich habe meinen Mann vorher nicht im Detail darüber aufgeklärt, was wir tun. Er hätte sich sonst bestimmt schon quergestellt. Wir sind ein ziemlich durchschnittliches Schweizer Paar. Ich möchte alles bereden, er eher weniger.  

Was passiert im besten Fall mit einem Paar, wenn es den PaarCours absolviert?
Im besten Fall hat das Paar seine Bodenschätze entdeckt und sich wieder zusammengestellt. In einer langjährigen Beziehung passiert ja automatisch eine Entfremdung. Die Kunst, sich nicht zu verlieren, ist, sich immer wieder bewusst zu begegnen. Frisch verliebte Paare werden einen Grundstock an Erfahrungswissen anlegen. Deswegen wünschte ich mir eigentlich, dass Paare jedes Jahr so einen PaarCours zusammen begehen. Zusammen reden, lachen, Leichtigkeit spüren und die Stärken erkennen.

Was, wenn der PaarCours nicht diesen Effekt hat?
Ja, dann finden sich Themen, die es anzupacken und zu besprechen gibt. Eine Chance für das Paar, ihr Gleichgewicht wiederherzustellen.

«Ich befürchte, dass manche Paare aus Überreaktion nach der Krise einen Schlussstrich ziehen wollen.»

Margareta Hofmann, Paartherapeutin

Der Lockdown entspricht nicht dem wahren Leben. Raten Sie Paaren, erst eine Normalisierung der Situation abzuwarten, bevor sie einen Schlussstrich ziehen oder sind Sie eher der Meinung, dass der Lockdown die Wahrheit über eine Beziehung zum Vorschein bringt und deswegen eine Trennung nicht überstürzt ist?
Man kann sagen, dass der Lockdown bei Paaren vorhandene Tendenzen stärker zum Ausdruck brachte. Was aber auch hilfreich sein kann. Ich befürchte, dass manche Paare aus Überreaktion nach der Krise einen Schlussstrich ziehen wollen. Doch hinzuschauen lohnt sich. Das Leben besteht aus Übergängen und Wachstumsmöglichkeiten. Eine Beziehung einfach so durchzuschneiden, ist eine Illusion. Ich rate, gerade wenn Kinder im Spiel sind, auf jeden Fall zum Paar-Coaching. Übrigens auch, wenn man sich sicher ist, dass man sich trennen möchte. Denn man bleibt ein Elternpaar und es geht darum, das Gute zu bewahren.

Gibt es klare Indikatoren dafür, dass es nicht mehr geht?
Ja die gibt es. Wenn gesundheitlich oder emotional Schaden angerichtet wird. Man darf niemals seine Gesundheit opfern für eine Beziehung.

Das Guarda Val ist eigentlich ein Romantikhotel. Wie romantisch ist der Aufenthalt nun während der Coronakrise?
Es riecht immer noch heimelig nach Holz, Blumen und Kerzen und nicht nach Desinfektionsmittel. Aber die Sicherheitsvorkehrungen werden natürlich eingehalten. Das Zmorge kommt direkt aus der Küche statt vom Buffet. Und der Kellner trägt einen Mundschutz, aber dahinter lächelt er. Massage, Sauna, Kosmetik, alles läuft, wenn auch mit Abstand und weniger Gästen.

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Margareta Hofmann, 61, ist Paartherapeutin. Mehr Informationen zu ihrer Arbeit findet ihr auf www.paarkommunikation.ch. Im Auftrag des Maiensässhotels Guarda Val in Sporz GR hat sie den PaarCours entwickelt. 

ZVG
Von Sylvie Kempa am 22.05.2020
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