Zu Hause beim «Das Supertalent»-Finalisten Trotz Epilepsie! Lucas Fischers Weg auf die grosse Bühne

Mit seinem Rücktritt aus dem Spitzensport ist für Lucas Fischer ein Traum geplatzt. Nach Wochen der Ungewissheit und Depressionen hat der ehemalige Profi-Kunstturner im Singen einen neuen Lebensinhalt gefunden. Der Epileptiker ist nun Finalist bei «Das Supertalent». SI online hat den Aargauer vor seiner Abreise in seinem Zuhause besucht.
Lucas Fischer in seinem Kinderzimmer in Möriken AG
© Joseph Khakshouri

Sein neuer Weg ist das Showbusiness: Lucas Fischer holte bei «Das Supertalent» einen Stern und steht heute Samstagabend im Final.

Das Kinderzimmer des ehemaligen Spitzenturners in Möriken AG ist aufgeräumt. Das Handstandgerät und das schwarze Turntrikot verraten: Lucas Fischer, 27, hat noch lange nicht ausgeturnt. Der silberne Adventskranz und die Mandarinen auf dem Sofatisch versprühen weihnachtliches Flair. Vor dem Fest der Liebe hat der junge Mann aber noch einen wichtigen Termin: Fischer steht heute Samstagabend im Final von «Das Supertalent». Er ist der erste Schweizer überhaupt, der per «Golden Buzzer» direkt in den Final der deutschen Castingshow einziehen darf.

Lucas Fischer Zuhause in Möriken AG
© Joseph Khakshouri

Sein Handstandgerät ist jederzeit griffbereit.

Nazan Eckes buzzert Lucas Fischer in den Final

Rückblende: Ende Oktober 2017 punktet Lucas Fischer in der Talentshow mit einem Mix aus Turnen und Gesang: Die drei Juroren Dieter Bohlen, 63, Bruce Darnell, 60, und Nazan Eckes, 41, sind allesamt hingerissen von seiner Nummer. Letztere ist so begeistert, dass sie für den ehemaligen Spitzenturner den «Goldenen Buzzer» drückt. «Ich fühlte nur noch Glückshormone», erinnert sich Fischer an die Sekunden nach seinem Auftritt. «Ich habe mit keiner Faser meines Körpers mit so einem Triumph gerechnet.»

Lucas Fischer_Supertalent
© Instagram

Herzliche Umarmung mit Jurorin Nazan Eckes: Der «Golden Buzzer» ist Lucas Fischers direktes Ticket für den Final.

Trotz Einladung von RTL zögerte der talentierte Mann lange mit seiner definitiven Anmeldung: «Ich hatte im Vorfeld Bedenken, ob meine ‹Lucas-Fischer-Show› den Ansprüchen der Jury genügen würde.» Die Idee, ein Bühnenprogramm zu entwickeln, kam Lucas Fischer im Herbst 2015. Nachdem sein langjähriger Traum von der Kunstturner-Karriere geplatzt war.

Er turnt, seit er laufen kann

Von Kindesbeinen an hat Lucas Fischer geturnt. Bereits im zarten Alter von elf Jahren gilt er als Schweizer Jahrhunderttalent. Die Sportelite will den talentierten Nachwuchs nach Magglingen BE holen. In diesem Trainingszentrum werden die Mitglieder des Nationalkaders ausgebildet. Fischer lehnt ab. «Mein langjähriger Trainer und mein Umfeld hielten mich in Möriken», erklärt der heute 27-Jährige. Lucas Fischer wächst in einer Kunstturner-Familie auf. Sein Grossvater, seine Eltern und sein älterer Bruder Raphael, 29, gehen ebenfalls in der Halle in Niederlenz ein und aus.

«Ausserhalb der Halle wollte ich nicht übers Turnen reden»

Anders als sein Bruder wird Lucas von Beginn an vom Russen Nikolai Maslennikow, 61, trainiert. «Mein Bruder wurde eine Zeit lang von meinem Vater unterrichtet. Das hätte ich nie gekonnt. Ich war immer jemand, der ausserhalb der Halle nicht übers Turnen reden wollte», so Fischer. Im 2010 wechselt er dann ins Nationalkader nach Magglingen BE. Aus mangelndem Selbstbewusstsein zieht sich Fischer immer mehr in seiner Persönlichkeit zurück: «Ich war nie der starke Mann. Aber von einem Kunstturner erwartet man das».

Während seine Schulkollegen aus Möriken Feste feiern und an Festivals gehen, verbringt Fischer seine Tage in der Halle. Bis zu 30 Stunden pro Woche trainiert er auf seinen Traum hin: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Ein Traum, der niemals Wirklichkeit wird. Im Alter von 20 Jahren erkrankt der Spitzenturner an Epilepsie. «Die Diagnose traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte mein Leben lang geturnt und sah keinen anderen Weg», sagt Fischer.

Seinen ersten epileptischen Anfall erlebte er in seinem Zuhause in Möriken. Als seine Krämpfe zu Ende waren und er wieder zu sich kam, verstand Fischer die Welt nicht mehr: «Als Kunstturner war ich es mir gewohnt, meinen Körper bis in die Zehenspitzen im Griff zu haben. Während des epileptischen Anfalls verlor ich jegliche Kontrolle.»

Lucas Fischer Zuhause in Möriken AG
© Joseph Khakshouri

Lucas Fischer im Gespräch mit SI-online-Redaktorin Sarah Huber. An der Wand hängt sein «Cats»-Kostüm. Das Kleidungsstück und die Originalmaske auf dem Sims erinnern ihn an seine Zeit in Thun.

Mit Willenskraft holt Lucas Fischer EM-Silber

Nur wenige Tage nach dem ersten folgt der zweite Anfall. Damit wird klar: Fischer ist Epileptiker. Nach etlichen Gesprächen mit Ärzten entscheidet er sich mit Unterstützung seiner Trainer und Eltern seine Karriere fortzusetzen: «Ich wollte nicht aufgeben und sagte mir, dass die Krankheit nicht mein Leben bestimmt.» Sein Ziel sind die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Wegen der Epilepsie verpasst er sie. Obschon fast niemand mehr daran glaubt, wird er 2013 für seine Willenskraft und Disziplin belohnt. Mit seiner Barrenübung holt er an der Europameisterschaft in Moskau Silber. Fischer über diesen Moment: «Das Kämpfen und immer wieder Aufstehen hat sich gelohnt. Meine Geschichte zeigt, dass man seinen Träumen immer eine Chance geben muss und niemals aufgeben soll.»

Es ist sein letzter Wettkampf. Die Jahre danach plagt ihn eine hartnäckige Warze an der Hand. Die Epilepsie und weitere Verletzungen zwingen ihn aufzuhören. Am 15. September 2015 gibt Fischer offiziell seinen Rücktritt aus dem Spitzensport bekannt. «Bis zur Pressekonferenz hatte ich keine Träne geweint», erzählt der Aargauer. Er habe sich nicht getraut, den Entscheid zu akzeptieren. «Als ich die traurige Nachricht dann verkünden musste, ist alles aus mir herausgesprudelt.»

Zurück im Kinderzimmer

Aller Träume beraubt zieht er zurück in sein Kinderzimmer in Möriken. In diesem Haus wohnt er auch heute noch mit seinen Eltern. Die ersten Tage und Wochen habe er sich so schlimm gefühlt wie nie zuvor in seinem Leben: «Es fühlte sich an, als hätte ein Dämon von mir Besitz ergriffen. Ich mochte nicht aufstehen und litt an Depressionen.» In der Natur findet der sensible Mann zurück zur Lebensfreude. «Als Spitzenturner hatte ich vergessen, wie schön unsere Welt ist. Ich kannte jahrelang nur den Weg von Zuhause in die Halle und vom Hotel in die Halle.»

Lucas Fischer Zuhause in Möriken AG
© Joseph Khakshouri

Seit seinem Rücktritt ist Lucas Fischer wieder öfter in Turnschuhen unterwegs. Die roten Sneakers zählen zu seinen Lieblingsschuhen.

Die Natur bringt ihm seine Lebensfreude zurück

Seine mehrstündigen Spaziergänge zwingen ihn dazu, sich mit seiner neuen Situation auseinanderzusetzen, alle bösen Gedanken niederzuschreiben. Aus den Zeilen werden Lieder. Lucii, wie ihn seine Freunde nennen, fasst sich ein Herz und sagt sich: «Warum nicht Turnen und Gesang verbinden?» Von der neuen Leidenschaft gepackt, entwickelt er ein Konzept.

Im Januar 2016 tritt er in Paderborn D zum ersten Mal mit seiner ‹Lucas-Fischer-Show› auf. Das Publikum ist begeistert. Ein Schlüsselmoment für Fischer: «800 prüde Paderborner standen auf und applaudierten. Da wusste ich: Das Showbusiness ist mein neuer Weg.»

Als Showkatze singt und tanzt er

Danach geht es Schlag auf Schlag: Im Sommer 2017 gibt Fischer mit «Cats» sein Debüt als Musicaldarsteller. An den Thunerseespielen begeistert er das Publikum in der Rolle der Katze Tumbelbrutus. Von da an kennt ihn die Schweiz als Multitalent.

Lucas Fischer Cats Musical
© Marco Zenoni

Seit seiner Rolle im Musical «Cats» im Sommer 2017 ist klar: Lucas Fischer gehört auf die Bühne.

Direkt von Thun nach Bremen

Ohne Trainingsvorlauf reist er am Tag nach der ersten und einzigen Doppelshow von «Cats» für die Aufzeichnung von «Das Supertalent» nach Bremen. Bevor er vor die drei Jury-Mitglieder und die rund 1500 Zuschauer tritt, klopft sein Herz bis zum Hals: «Als ich meine Hände ins Magnesium tunkte, zitterte ich am ganzen Körper.» Doch sobald die ersten Takte erklingen, taucht der Künstler in seine eigene Welt ein. Die nächsten Minuten turnt er am Barren und singt unter anderem zu Adeles «Skyfall» absolut souverän und schafft dank Jurorin Nazan Eckes den direkten Einzug in den Final.

Heute ist er nicht mehr der starke Mann ohne Emotionen

Die Moderatorin nimmt ihn auf der Bühne mitten im Goldschnipsel-Regen in den Arm und sagt: «Manchmal ist der zweite Weg der bessere.» Über diesen Satz hat Lucas Fischer lange nachgedacht: «Ich bereue nichts, was ich gemacht habe im Leben. Es war richtig, so lange zu turnen. Aber in meinem jetzigen Beruf kann ich mehr Emotionen zeigen. Ich bin heute mehr ich selbst.» 

Jetzt gilt es ernst

Heute Samstagabend wird er seine Geschichte weitererzählen. Für seine zweite Darbietung in der Castingshow trainiert Lucas Fischer bis zu fünf Stunden am Tag. Sein Handstandgerät nimmt er überallhin mit. Viel verraten über seinen Finalauftritt darf er noch nicht: «Es wird gigantisch und sehr emotional.»

Lucas Fischer Zuhause in Möriken AG
© Joseph Khakshouri

Mit gepacktem Koffer: Bereits am Montag reiste Lucas Fischer nach Köln, um sich vor Ort auf den Final vorzubereiten.

Wir haben den Aargauer am 1. Dezember 2017 besucht. Bei dieser Gelegenheit hat uns Lucas Fischer gleich gezeigt, was für ein grosser Schneefan er ist (Klicken, um Video abzuspielen):

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