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Beautiful Boy

Warum Timothée Chalamets Looks so wichtig für ein neues Männerbild sind

Er trug Leder an den SAG Awards ohne Rockstar zu sein. Er sieht in Pailletten gut aus und steht auf Frauen. Er trägt *more*Harness auf dem roten Teppich und ist nur bedingt (bis gar nicht) muskulös. Timothée Chalamet definiert Männlichkeit neu. 

Die Tränen fliessen hemmungslos bei Elio. Die Augen rot unterlaufen, die Verzweiflung darin so herzzerreissend, dass man nicht anders kann, als sich auch völlig gehen zu lassen. Es ist die Schlussszene des Filmes «Call Me By Your Name», in der der 17-Jährige am Telefon erfährt, dass die Liebe zu Oliver, die in einem italienischen Sommer voll saftiger Früchte so honigsüss herangewachsen war, endgültig keinen Sinn macht. Oliver hat sich verlobt. Und während man so mitschluchzt, fällt auf: Man ist (mindestens dann) ziemlich verknallt in Elio. Also in Timothée Chalamet. Nicht in Armie Hammer, der den älteren, souveränen Oliver spielt – mit machohaft offenem Hemd, Brusthaar und einem anständigen Körper. Des Internets neuer Boyfriend ist nicht mehr der sexy Hollywood Hunk, nein, es ist der heulende Hering.

Wer nicht hören will, muss fühlen

Time's Up für den Mainstream-Helden. Wer braucht aggressive, mächtige Muskelberge, wenn man sich in Welpenlocken und dem ungelenken Lächeln eines 23-Jährigen verlieren kann. Timothée hat mit seiner Rolle als Elio gezeigt, dass Verletzlichkeit weder Schwäche noch soziale Barriere ist.

Es bedeutet nicht, dass du verrückt oder hyper-emotional bist, sondern nur, dass du menschlich bist. [...] Menschen sind komplex, wir müssen jede Menge fühlen. Wir sind nicht homogen,

so der Schauspieler zum i:D Magazin. Fühlen ist das neue Pumpen. Den so begehrten sensiblen Körper hüllt Timothée bei öffentlichen Auftritten mit Vorliebe in High Fashion. In Looks, die glänzen, die knallen, die romantisch oder feminin sind, aber auch herausfordern. Dem virilen Klischee von sexy entsprechen sie nicht. Der Schauspieler trägt sie, weil er selbsternannter «Fanboy» von Designern wie Raf Simons, Haider Ackermann und Hedi Slimane ist. Ihre Kunst verehrt er abgöttisch. Ein Outfit von Letzterem für Celine trug er jetzt bei den SAG Awards.

Das Verliebt-Sein ist dringend notwendig

Gewonnen hat er die Kategorie «Male Actor in a Supporting Role» für seinen neusten Film «Beautiful Boy», der bei uns gerade im Kino läuft, nicht. Aber der Look war gut. Ziemlich gut. Und das, obwohl er nicht der Bad Boy ist, mit dem man eine Lederhose eigentlich assoziiert. Muss auch gar nicht. Sein Bild von Männlichkeit ist laut eines Interviews mit i:D eh ein ganz anderes:

Du kannst sein, was auch immer du sein möchtest. Um männlich zu sein, musst du keiner bestimmten Vorstellung entsprechen, keine bestimmte Jeansgrösse oder ein bestimmtes Muskelshirt haben, keinem Gehabe wie Augenbrauenhochziehen oder Drogenkonsum folgen. Es ist aufregend. Es ist eine mutige neue Welt.


Wenn sich Maskulinität nun neuerdings in Verletzlichkeit und Feminität manifestieren darf und muss, ist das vermutlich die logische Konsequenz nach Skandalen um Männer wie Bill Cosby, Harvey Weinstein und Woody Allen. Bewegen wir uns tatsächlich weg von einer Gesellschaft, die die viel diskutierte «toxic masculinity» so lange akzeptiert hat? Man kann vom hübschen Timmy halten, was man will, aber ganz offensichtlich ist die allgegenwärtige Obsession ein Fortschritt. Die spitzen Schreie, die jedes Mal bei seinem Anblick ausgestossen werden, sind also Therapie. Amen, omm und hach.

 
Von Linda Leitner am 29. Januar 2019