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Joëlle schaut fern

Seelenlose Oscar-Verleihung lässt jedes Auge trocken

Wie ein Kind vor Weihnachten hat sich unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil auf die Oscar-Verleihung gefreut. Nun bereut sie, sich extra dafür den Wecker gestellt zu haben. 

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AP/Keystone

Meine eigenen Haare habe ich wachsen hören, während im Fernsehen die Academy Awards 2019 liefen. Ich bin ja normalerweise eine dankbare Zuschauerin, denn ich bin bekennende Solidaritätsheulerin. Wenn ein neugekrönter Preisträger vor Rührung Tränchen vergiesst, schluchze ich mit. Aber dieses Jahr blieben meine Augen trocken und mein Herz unberührt.

«Knock, knock» - «Wer ist da?» - «Keiner»

Dass dieses Jahr kein Moderator/keine Moderatorin die Oscars hostete, hatte ich irgendwo im Hinterkopf. Dann aber effektiv zu sehen, dass da K-E-I-N HOST steht, war wie warme Cola ohne Kohlensäure. Die unfassbar unlustigste und uncharmanteste Begrüssung, welche ich je bei einer Oscar-Verleihung gesehen habe, habe ich Maya Rudolph, 46, Tina Frey, 48, und Amy Poehler, 47, zu verdanken. Die drei sorgten für einen sehr irritierenden Beginn der Show. Zwischen ungelungenen Witzen versuchten sie, eine «Frauenpower»-Botschaft zu vermitteln und scheiterten auf der ganzen Reihe kläglich.

Generell geht mir dieses ganze «Empowering women!!!»-ins-Mikro-schreien wahnsinnig auf die Nerven. Natürlich verstehe ich die Relevanz dieses Aufrufes, aber wenn jede zweite Frau denselben Satz ohne Zusammenhang raushaut, wird daraus schlicht und einfach das 2019-Pendant zu «Ich wünsche mir Weltfrieden».

Kurze Entschuldigung zwischendurch: Ich muss weiter Dampf ablassen

Ich kann auch nicht verstehen, warum sich fast alle Preisträger bei ihrer Rede für eine endlose Aneinanderreihung von Namen entscheiden. Das sind doch Menschen, die ihr Geld damit verdienen, andere Menschen auf bestem Niveau zu unterhalten. Jetzt steht man auf dieser enormen Bühne, hat ein Mikrofon vor dem Gesicht, die ganze Welt hört zu und das Inspirierendste, was den vermeintlichen Unterhaltungskünstlern unserer Zeit einfällt, ist: «Danke an Hans, Max und Moritz.» Und als Zuschauer bleibt einzig und alleine die Frage: «Wer sind Hans, Max und Moritz???»

Die Besten sprachen am besten

«Bester Hauptdarsteller» Rami Malek, 37, («Bohemian Rhapsody») hat es immerhin geschafft, etwas Bedeutungsvolles und Berührendes auf der Bühne zu sagen, als er über seinen Migrationshintergrund und Werdegang ein Wort verlor. Auch die «beste Hauptdarstellerin» Olivia Colman, 45, («The favourite», sie war zusammen mit Lady Gaga, 32, nominiert) hat befriedigend abgeliefert und sprach relativ lustig, authentisch und sorgte so wenigstens für etwas Unterhaltung. Das wars dann aber auch schon. Als Zuschauer wurde mir nicht mehr als diese beiden Mini-Reden hingeworfen. Und auch die beiden glänzten nur, weil alles um sie herum matt wie Kohle war.

Ohne Gastgeber hat dieser Preisverleihung einfach Charakter gefehlt. Es gab weder einen roten Faden, noch gute Unterhaltung, weder Witz noch Charme. Ein Hollywood-Star nach dem andern stand auf der Bühne, überreiche Oscars und irgendwann war es dann eben fertig. Nostalgisch erinnerte ich mich während dieser Nacht an Ellen DeGeneres, 61, oder an Neil Patrick Harris, 45, die beide schon durch die Oscar-Nacht geführt haben. Zwei charismatische Persönlichkeiten, die zwischen dieser Hollywood-Welt und dem Zuschauer vermitteln konnten und der Show Leben einhauchten, ganz im Gegensatz zu diesem Jahr. Einen bedeutungsvollen Eindruck hinterliess der Oscar 2019 nämlich überhaupt nicht.

Von Joëlle Weil am 25.02.2019
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