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Diagnose einer Krankheit

«Die Psyche spielt bei Vaginismus eine grosse Rolle»

Wenn sich die Beckenbodenmuskulatur beim Sex verkrampft, kann Vaginismus die Ursache sein. Dr. Hanne Horvath klärt über die sexuelle Funktionsstörung auf.

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Studien zufolge sind mehr als 20 Prozent der Frauen vor der Menopause von Penetrationsschmerzen betroffen.

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Schmerzen beim Sex kann viele Ursachen haben. Viele Frauen leiden unter Vaginismus, einer Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur. Laut Dr. Hanne Horvath, Mitgründerin der Therapieplattform HelloBetter und Co-Entwicklerin des Online-Therapieprogramms Vaginismus Plus, sei davon auszugehen, dass die Psyche dabei «eine grosse Rolle spielt». Die Expertin klärt über die sexuelle Funktionsstörung auf.

Was versteht man unter Vaginismus?
Dr. Hanne Horvath: Vaginismus beschreibt Schmerzen, manchmal auch das Gefühl der Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur während des Einführens oder bei Einführungsversuchen in die Vagina. Also zum Beispiel beim Sex, beim Einführen eines Tampons.

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Welche Symptome treten bei Vaginismus auf?
Betroffene erleben Schmerzen beim Einführen (Dyspareunie) oder eine unwillkürliche Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur, die die Vagina umgibt. Das macht ein Einführen z. B. eines Penis, Tampons oder eine gynäkologische Untersuchung schmerzhaft oder unmöglich. Die Schmerzen werden als brennend, pochend, stechend oder schneidend beschrieben. Häufig geht Vaginismus daher auch mit Angst vor dem vaginalen Einführen und Schmerzen einher. Das kann nicht nur die Sexualität beeinträchtigen, sondern auch gynäkologische Untersuchungen können dadurch zu einer Belastung werden. Nicht selten führt vor allem die Angst dazu, dass sexuelle Situationen vermieden werden. Das kann dann nicht nur die eigene Sexualität belasten, sondern auch das Sexualleben mit dem Partner oder der Partnerin.

Sind die Symptome hauptsächlich physisch oder psychisch bedingt?
Wir können davon ausgehen, dass die Psyche dabei eine grosse Rolle spielt. Sexuelle Reaktionen sind nicht nur rein körperliche, sondern auch psychologische Prozesse. Die meisten Frauen trifft Vaginismus zwar völlig unerwartet und es wirkt beinahe wie ein Zufallsereignis. Doch alles hat eine Ursache, auch wenn das Betroffenen oft nicht unmittelbar bewusst ist. Häufig ist es ein Geflecht unterschiedlicher Erfahrungen, die zu der Entwicklung von Vaginismus beitragen – kein einzelnes Ereignis. Zu den häufigsten Ursachen zählen negative Erfahrungen in der Kindheit, Leistungsdruck und übersteigerte Erwartungen, Angst vor Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten, ein negatives Körperbild und geringer Selbstwert oder Angst, die Kontrolle abzugeben sowie Stress.

Welche und wie viele Frauen leiden häufig unter Vaginismus?
Studien zufolge sind mehr als 20 Prozent der Frauen vor der Menopause von Penetrationsschmerzen betroffen. Dies entspricht etwa vier Millionen Frauen in Deutschland. Experten und Expertinnen gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus, da sich Betroffene oft schämen, über Beschwerden im Genitalbereich zu sprechen. Die Ausprägung und Entwicklung von Vaginismus kann sich von Frau zu Frau unterscheiden. Manchen Frauen war Geschlechtsverkehr noch nie möglich oder nur unter Schmerzen und Beeinträchtigungen. Bei anderen sind die Symptome erst im Laufe der Zeit entstanden. Diese Unterschiede müssen jedoch keine Auswirkungen auf den Behandlungsverlauf haben. Auch die weiteren Auswirkungen von Vaginismus sind unterschiedlich.

Wie kann man Vaginismus behandeln?
Die gezielte Entspannung der Beckenbodenmuskulatur, aber auch die allgemeine Entspannung des Körpers kann helfen, Vaginismus zu behandeln und zu lindern. Eine effektive Methode, um zu entspannen, ist die Atementspannung. Dafür reichen täglich etwa fünf Minuten Zeit, in denen man darauf achtet, die Ausatmung etwas länger als die Einatmung sein zu lassen.

Auch die so genannte Exposition ist eine gute Möglichkeit, Vaginismus zu behandeln. Hierbei setzt man sich in ganz kleinen Schritten dem aus, was Schmerzen bereitet oder Angst macht. Im Fall von Vaginismus geht es dabei um ein Vaginaltraining mit sogenannten Dilatoren, das sind Gegenstände in Penisform verschiedener Grössen. Zur Anwendung sollte Rücksprache mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen gehalten werden. Im Allgemeinen wird mit dem Einführen des kleinsten Dilators begonnen und die Grösse nach und nach gesteigert. Dabei geht es auch darum, dass die Muskeln lernen, nicht zu verkrampfen. Durch die Erfahrung des behutsamen Einführens «lernt» der Körper und Betroffene bauen Ängste ab.

Wie sollte die Partnerin oder der Partner damit umgehen?
Vaginismus führt nicht selten dazu, dass Angst vor sexuellen Situationen entsteht und diese vermieden werden. Das kann dann nicht nur die eigene Sexualität belasten, sondern auch das Sexualleben mit dem Partner oder der Partnerin. Wichtig ist, darüber zu sprechen, die Ängste zu thematisieren und zu ergründen, was beide tun können, um die Angst zu nehmen. Der Partner oder die Partnerin sollten selbstverständlich keinen Druck ausüben, sondern versuchen, Verständnis für die Ängste aufzubringen. Sich gemeinsam mit den Beschwerden zu befassen und nach Möglichkeiten der Linderung zu recherchieren, kann sehr hilfreich sein.

Halten Sie die Krankheit aktuell für ausreichend thematisiert? 
Ich denke, dass hier noch ganz viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss und vor allem kann. Laut Studien ist mehr als jede fünfte Frau betroffen – viele vermutlich sogar ohne es zu wissen. Wenn wir offen über Vaginismus sprechen, erreichen wir vielleicht auch Personen, die zwar Beschwerden beim Sex oder beispielsweise beim Einführen eines Tampons haben, aber gar nicht ahnen, dass sie da etwas gegen tun können! Noch immer stellt die Erforschung effektiver Therapiemassnahmen zur Bewältigung sexueller Schwierigkeiten bei Frauen ein Randgebiet dar, dem weltweit nicht ausreichend Beachtung geschenkt wird. Ich denke aber wir sind auf einem guten Weg.

Von spot am 4. August 2022 - 09:09 Uhr
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