1. Home
  2. Family
  3. So bewältigt Dongua Li den Tod seines Sohnes

Zum zweiten Todestag von Donghua Lis Sohn

«Janis ist tot. Aber ich lebe weiter»

Vor zwei Jahren verliert Donghua Li seinen kleinen Sohn. Heute sind Wut und Trauer tiefer Dankbarkeit gewichen. Bei der Verarbeitung hilft dem Kunstturn-Olympiasieger sein neues Projekt, eine Golf-Challenge.

Donghua Li, Ehemaliger Schweizer Kunstturner, 2er Todestag von seinem Sohn Janis, 11. August 2021, Adligenswil und Meggen, SI 33/2021

Donghua Li trauert am Grab seines Sohnes Janis. 

Fabienne Buehler

Als Janis Ruilong Li am 20. August 2019 stirbt, ist er sieben Jahre, drei Monate und zwei Tage alt. Er ist 121,8 Zentimeter gross und wiegt 20,7 Kilo. Janis wäre wohl ein guter Kunstturner geworden. Wie sein Papi. Fünf Tage vor seinem Tod gilt der Kleine als vollkommen gesund. Donghua Li, 53, geht mit seinem Sohn wegen eines geblähten Bauches zum Arzt. Wenig später die schockierende Diagnose: Krebs. Vier Tage später ist Janis tot. Gestorben nicht an den Tumoren, sondern innerlich verblutet, nach einem Routineeingriff zur Vorbereitung der Chemotherapie.

Mehr für dich

Janis' Zimmer ist seit zwei Jahren unverändert

«Ich habe mich tausendmal gefragt, warum», sagt Donghua Li. «Warum er? Warum jetzt?» Mittlerweile glaubt er, die tagelangen Untersuchungen und Biopsien waren einfach zu viel für den krebsgeschwächten kleinen Körper des Buben. «Niemand trägt Schuld an dem, was geschehen ist», sagt Donghua. Er steht in der Tür von Janis’ Kinderzimmer zu Hause in Adligenswil LU. Es ist seit zwei Jahren unverändert. Eine Nintendo-Switch-Konsole liegt auf dem Schreibtisch, ein unfertiges Puzzle. Am Schrank hängen zwei Kinderzeichnungen. Janis’ Eltern sind getrennt, der Bub lebte beim Papi, war jedes zweite Wochenende bei seiner Mutter und seinem vier Jahre älteren Halbbruder.

Donghua Li vor seinem Wohnmobil

Donghua Li mit seinem Wohnmobil auf dem Golfplatz Meggen LU, hoch über dem Vierwaldstättersee. Für seine Golf-Challenge fährt er mit dem Mobil durch die ganze Schweiz. 

Fabienne Bühler

Jeden Morgen geht Donghua Li an der offenen Tür des Kinderzimmers vorbei, das direkt neben seinem Schlafzimmer liegt. Jeden Morgen dreht es ihm den Magen um. «Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich ab sofort, wenn ich an Janis’ Zimmer vorbeigehe, kurz stehen bleibe und mich an etwas Schönes mit ihm erinnere.» So weichen Wut, Schmerz und Trauer – beziehungsweise «das unendliche schwarze Loch, in dem ich mich befand», wie Donghua sagt – langsam der und der Dankbarkeit. «Ich habe aufgehört, nach dem Warum zu fragen, und akzeptiert, dass ich keine Antwort darauf bekomme», sagt Donghua Li. Und: «Janis ist tot. Aber ich lebe weiter. Ich muss. Und ich darf. Ich darf wieder lachen und Freude haben. Und ich darf zwischendurch traurig sein.» 

Wie sähe Janis wohl heute aus?

Gerade gestern habe er mit seiner Mutter in China telefoniert, und sie hätten sich gefragt, wie Janis wohl heute aussehe. Am Tag nach seinem Tod wäre er in die Schule gekommen. «Jetzt ginge er schon in die dritte Klasse, könnte lesen und schreiben.» Der Kindergarten, in den Janis ging, liegt neben Donghua Lis Wohnung. Lange war jedes Kinderlachen, das herüberdrang, ein Stich in sein Herz. «Heute lächle ich, wenn ich es höre.»

Donghua Li, Ehemaliger Schweizer Kunstturner, 2er Todestag von seinem Sohn Janis, 11. August 2021, Adligenswil und Meggen, SI 33/2021

Verletzlich, aber stark: «Die Trauer um Janis wird immer zu mir gehören. Aber Hoffnung und Dankbarkeit tun es auch.» 

Fabienne Buehler

Dann schaut er Fotos seines Sohnes an. «Ich verspüre eine tiefe Dankbarkeit für die Zeit, die wir zusammen hatten. Vielleicht hatte Janis seine Aufgabe, und die hat er erfüllt.» Wenn Donghua Li von seinem Sohn spricht, liegt viel Wärme und Liebe in seiner Stimme. Und er tut es so unverkrampft, als wäre der Bub noch am Leben. Wenn er von Jasmin redet, seiner 24-jährigen Tochter aus erster Ehe, spricht der pure Stolz aus ihm. Jasmin studiert Philosophie und Kulturwissenschaft der Antike und hat gerade eine Assistenzstelle an der Uni Zürich erhalten. An Janis’ erstem Todestag sassen Vater und Tochter den ganzen Nachmittag lang auf einem Bänkli bei dessen Grab und haben geredet. «So waren wir drei doch irgendwie zusammen.» Für Jasmin sei Janis’ Tod sehr hart gewesen. «Sie ist so jung, war noch nie mit der Sterblichkeit konfrontiert. Und dann stirbt der kleine Bruder. Das ist sehr schwierig für die ganze Familie.» Vater und Tochter sind einander aber eine grosse Stütze.

Golf hilft bei der Verarbeitung

Noch etwas hilft Donghua Li in der schweren Zeit: Golf. Zwar trainiert der Olympiasieger, Welt- und Europameister am Pferdpauschen nach wie vor täglich in seiner Paradedisziplin. Er arbeitet als Sportexperte bei der International School in Altdorf, absolviert Show-Auftritte, gibt Turnstunden und Seminare. Genauso viel Zeit investiert er allerdings in den Golfsport. «Mich faszinieren der sportliche wie der mentale Aspekt», sagt Donghua. «Man braucht Kondition, aber auch Präzision und Konzentrationsfähigkeit.» So hilft ihm das tägliche Golftraining bei der Verarbeitung von Janis’ Tod. Donghua setzt sich ein neues Ziel: Er möchte innerhalb eines Jahres sein Handicap von 17,4 auf ein einstelliges verbessern, um an der Schweizer Senioren-Meisterschaft teilnehmen zu können. Dafür trainiert er nicht nur auf dem «heimischen» Green in Meggen LU, sondern reist mit seinem Wohnmobil an Turniere in der ganzen Schweiz.

Donghua Li, Ehemaliger Schweizer Kunstturner, 2er Todestag von seinem Sohn Janis, 11. August 2021, Adligenswil und Meggen, SI 33/2021

Fokussiert: Donghua übt sogar bei Nacht auf dem Golfplatz – mit eigener Lichtanlage. Alle über Donghua Li gibts hier. 

Fabienne Buehler

Zusätzlich schwingt er mit anderen Persönlichkeiten die Golfschläger. Daraus ist die «Donghua Li Challenge Tour & Talk» entstanden. Donghua sucht momentan noch eine Produktionsfirma, welche diese für eine Dokumentation begleitet. Im «Talk»-Teil unterhält er sich mit seinen Partnern. «Alle haben ihre eigene Geschichte und Schönes und Trauriges erlebt. Nicht nur ich.» Donghua Li trägt seinen Rucksack – beziehungsweise seinen Golfbag – so, wie er es seinem Sohn einmal beigebracht hat, als dieser lernte, Golf zu spielen: «Jeden Tag ein kleines Stück weiter.»

Von Sandra Casalini am 20.08.2021
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer