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Schweizerin auf US-Tour

Kings Elliot – unsere neue Pop-Königin

Noch vor Kurzem tingelte Kings Elliot durch Londons Pubs. Jetzt rockt die Schwyzerin die grössten Bühnen der Welt. Das Thema ihrer Songs: psychische Gesundheit. Vor allem ihre eigene.

Kings Elliot / Anja Gmür, Singer Songwriterin, in ihrem Wohnort im Südwesten von London, 29.06.2022, Foto Lucia Hunziker

Seit sechs Jahren lebt und arbeitet Kings Elliot in London. Ihre Mutter ist Britin, sie hat viele Verwandte in Südengland.

Lucia Hunziker

In Kings Elliots Zuhause im Südwesten von London regieren vier kleine Vierbeiner: Loppy, Blue, Rain und Summer. «Meine Babys» nennt die Musikerin ihre Kaninchen. Sich selbst sieht Anja Gmür, 28, nicht als Regentin. Im Gegenteil. Den Künstlernamen hat sie sich verpasst, «weil er alles ist, was ich nicht bin: männlich, Mehrzahl, royal». So ist Kings Elliot (Elliot ist ein Nachname aus Anjas Stammbaum) denn auch nicht ihr Alter Ego. «Es gibt mir den Mut, den ich brauche, um meine Songs veröffentlichen zu können.» In diesen erzählt sie vom seelischen Schmerz, vom Kampf gegen sich selbst. «Das möchte ich nicht als Anja Gmür aus Altendorf tun.»

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WG-Zimmer mit schimmligen Wänden

So schweizerisch wie ihr Name ist auch ihre Kindheit, obwohl die Mutter Britin ist. Papa Banker, Mama Kindergärtnerin, sie und ihr älterer Bruder sind Scheidungskinder. Dem KV in einer Bank hängt sie die Matura an. Musik sei ein Hobby, kein Beruf, hört das Mädchen, das seit frühester Kindheit im Chor singt, ständig. Doch die Leidenschaft für Musik ist so gross, dass die Schwyzerin vor sechs Jahren nach London geht und sich an einer Musikschule einschreibt. Sie hält sich mit diversen Jobs über Wasser, wohnt «in einem winzigen WG-Zimmer mit Schimmel an den Wänden». Sie komponiert Songs, schickt sie an Plattenfirmen. Antwort bekommt sie nie. Ab und zu tritt sie in Pubs auf, in erster Linie, um ihr Lampenfieber in den Griff zu bekommen.

Kings Elliot / Anja Gmür, Singer Songwriterin, in ihrem Wohnort im Südwesten von London, 29.06.2022, Foto Lucia Hunziker

Ihre vier Kaninchen – hier Rain – dürfen sich frei in Haus und Garten bewegen. «Sie sind meine Seelentiere.»

Lucia Hunziker / Ringier Axel Springer Schweiz

Dann kommt Covid. Eine Herausforderung für Anja Gmür, die seit Teenagertagen immer wieder dunkle Phasen durchmacht, regelmässig von Panikattacken heimgesucht wird. Wenn die Trauer sie zu verschlucken droht, geht sie in die Tierhandlung in der Nähe, um die Tiere anzuschauen. Schliesslich bekommt sie dort einen Job und adoptiert Tage später das erste Kaninchen, Loppy, das in der zugehörigen Auffangstation abgeben wurde. «Eine verlorene Seele. Ich konnte mich so gut mit ihm identifizieren.» In Abständen folgen drei weitere Kaninchen. Dann kündigt Anja ihren Job – «sonst hätte ich heute wohl das ganze Haus voll», sagt sie lachend.

Der Grund für die Kündigung ist aber ein anderer – einer, von dem sie seit Jahren träumt: Ihre Musikkarriere nimmt endlich Fahrt auf. Nachdem sie es aufgegeben hat, mit ihren Liedern bei Plattenfirmen zu hausieren, lädt Kings Elliot sie selbst ins Internet. Einer landet auf einer Spotify-Playlist, worauf sie über Instagram von einem amerikanischen Manager kontaktiert wird, der fragt, ob sie schon ein Management habe. «Warum sollte ich? Ich schrieb Songs, die kaum jemand hörte, und spielte hin und wieder in einem Pub», meint die Musikerin.

Kings Elliot / Anja Gmür, Singer Songwriterin, in ihrem Wohnort im Südwesten von London, 29.06.2022, Foto Lucia Hunziker

Grosse Liebe: Kings Elliot adoptierte Kaninchen Loppy aus der Tierhandlung, in der sie jobbte.

Lucia Hunziker

Noch jemand entdeckt Kings Elliot online: Hollywood-Star Reese Witherspoon postet einen ihrer Songs in einer Instagram-Story ihres Accounts. Plötzlich explodieren nicht nur Kingsʼ Follower-Zahlen, auch ihre Fangemeinde wächst. Und endlich folgt der langersehnte Plattenvertrag. Nicht mit irgendeinem Label, sondern mit Universal USA. Das gelang bisher höchstens einer Handvoll Schweizer Künstlern. Die EP «Chaos in My Court» erobert auch die Schweiz im Sturm. Kings Elliot wird in die Reihe der «SRF 3 Best Talents» aufgenommen und für einen Swiss Music Award nominiert. Ihren ersten Auftritt in der Heimat hat sie an der Verleihung.

Es kommt noch besser. Ihr Management besorgt Kings Elliot einen Live- Agenten, damit sie auftreten kann. Dieser verpflichtet sie als Eröffnungs-Act für eine der grössten Rockbands der Gegenwart: Imagine Dragons («Thunder»). So spielt sie ihr zweites Konzert in der Schweiz kürzlich im ausverkauften Berner Stade de Suisse. «Total surreal, all diese Leute!», sagt die Schwyzerin. Es wird noch grösser werden: Die Stadien, die sie ab Anfang August auf der gemeinsamen US-Tour rocken wird (auf der auch Hip-Hop- Superstar Macklemore mit von der Partie ist), fassen teilweise doppelt so viele Leute wie das Wankdorf. Auch dass sie mit gerade mal einer EP im Gepäck an zwei der grössten Schweizer Festivals auftreten darf – auf dem Gurten (15. 7.) und am Montreux Jazz Festival (14. 7.) –, gleicht einem Ritterschlag.

Kings Elliot / Anja Gmür, Singer Songwriterin, in ihrem Wohnort im Südwesten von London, 29.06.2022, Foto Lucia Hunziker

Ihren hellblauen Beetle nennt sie «Obi», nach der «Star Wars»-Figur Obi-Wan Kenobi. Sie ist Fan der Filme.

Lucia Hunziker

Noch könne sie das alles gar nicht richtig fassen, sagt Kings Elliot, während sie bäuchlings auf dem Wohnzimmerboden liegt und Zeichnungen signiert, die man in ihrem Fanshop kaufen kann. Zwischendurch entfährt ihr ein herzhaftes Gähnen. Gerade ist sie zurück aus Hamburg, wo sie eine TV-Show aufzeichnete, zuvor stand sie in Wien auf der Bühne. Gleich muss sie noch Inhalte für ihre Social-Media- Accounts produzieren. «Das ganze Drumherum ist sehr zeitaufwendig. Aber von dem leben zu können, was ich so liebe, ist ein unglaubliches Privileg.» Nicht nur das: Dass sich Kings Elliot in den Songs bewusst ihren seelischen Dämonen stellt, hilft nicht nur ihr selbst, sondern auch den Fans. Das sieht sie an unzähligen Nachrichten, die sie jeden Tag erhält. Sie selbst hat in Therapien gelernt, mit der dunklen Seite umzugehen. Verschwinden wird sie nie. «Sie gehört zu mir, und niemand trägt Schuld daran», sagt Anja Gmür. Aber: «Das heisst nicht, dass ich ein total melancholischer Mensch bin, auch wenn meine Musik so klingt.»

Kings Elliot / Anja Gmür, Singer Songwriterin, in ihrem Wohnort im Südwesten von London, 29.06.2022, Foto Lucia Hunziker

Die Bilder, die sie in ihrem Fanshop verkauft, zeichnet sie selbst. Eine Grafikerin perfektioniert und koloriert sie.

Lucia Hunziker

Am 3. August erscheint die neue Single «Butterfly Pen», im Herbst eine neue EP. Gut möglich, dass auch ihr Cover (so wie das der aktuellen Platte) unter anderem vier kleine Kaninchen zieren. «Ich werde euch so vermissen», seufzt Anja und knuddelt Loppy. Zum Glück gibts Freund Ryan, der während ihrer US-Tour auf die kleinen Lieblinge aufpasst – und sie in die Facetime-Kamera hält. «Damit sie wenigstens meine Stimme hören.» Ein Königreich für vier mal vier Pfoten!

Von Sandra Casalini am 9. Juli 2022 - 12:10 Uhr
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