Gedenkfeier in Interlaken Tränen und rührende Worte für Ueli Steck

Die Anteilnahme am Tod von Ueli Steck in den letzten Wochen war riesig. Mit einer würdigen Gedenkfeier in Interlaken BE bedanken sich seine Frau Nicole, Familie und Freunde – und nehmen Abschied.
Ueli Steck tot 2017 am Mount Everest ohne Frau

Auf die Frage, ob es sich lohne, für einen Traum zu sterben, sagte Ueli Steck einst: «Das ist etwas hart ausgedrückt. Aber es gibt Träume, für die es sich lohnt, etwas zu wagen.» Als Speedbergsteiger ging er jahrelang ans Limit. Er verschob die Grenzen des Alpinismus nach oben, machte das Unmögliche möglich, eröffnete neue Dimensionen. Und auch jetzt im Tod schafft er, was vor ihm noch nie ein Bergsteiger schaffte: tiefe Betroffenheit in der breiten Öffentlichkeit und ein Medienecho bis weit über die Schweiz hinaus.

Hunderte Menschen kamen vergangenen Dienstag in den altehrwürdigen Kursaal Interlaken, um gemeinsam Ueli Steck zu gedenken. Freunde, alte Weggefährten, Nachbarn, Fans. Und auch einige bekannte Bergsteiger und Kletterer – etwa Stephan Siegrist, Simon Anthamatten, Roger Schäli, Michael Wohlleben, Nina Caprez und Cédric Lachat. 

Stephan Siegrist, 44, mit Frau Niki.
© Valeriano Di Domenico

Alpinisten-Kollege aus Ringgenberg: Stephan Siegrist, 44, mit Frau Niki.

Ein Teil der Asche in der zweiten Heimat

Ueli Stecks Gattin Nicole, 38, empfing im Saal die Besucher persönlich und herzlich. Nach Ueli Stecks Tod am 30. April war sie sogleich nach Nepal geflogen, zusammen mit ihren Eltern und Uelis Eltern Lisabeth und Max. Im engsten Familienkreis nahmen sie am 4. Mai Abschied von ihm: während einer drei Stunden dauernden traditionellen Zeremonie im buddhistischen Kloster Tengboche im Khumbu-Gebiet, auf fast 4000 Metern – mit Blick auf Mount Everest, Lhotse und Ama Dablam. Einen Teil von seiner Asche verstreuten sie dort «in seiner zweiten Heimat». Den anderen nahmen sie mit in die Schweiz.

Den Traueranlass im Kursaal Interlaken moderierte Mona Vetsch. Sie begann ihre Rede mit einem tibetischen Zitat, das Ueli Steck gefallen habe: «It’s better to be a tiger for one day than a sheep for thousand years» – es ist besser, einen Tag wie ein Tiger zu leben als tausend Jahre wie ein Schaf. «Ueli lebte sein Leben als Tiger», sagte Vetsch. «In einer Welt, wo es mehr Schäflein gibt, ist es schwierig, als Tiger verstanden zu werden.»

Gedenkfeier Ueli Steck Interlaken
© Valeriano Di Domenico

Trauergaeste auf dem Weg zur Gedenkfeier von Ueli Steck im Congress Center Kursaal Interlaken.

Ueli Bühler, ein langjähriger Freund, blickte auf das Leben von Ueli Steck zurück. Er verriet, dass das erste Date von Nicole und Ueli in Bern stattgefunden habe. Darauf habe ihm Nicole vorgeschlagen, am Wochenende eine Skitour zu unternehmen – ohne zu wissen, dass Ueli mit Skitouren wenig am Hut hatte.

Aber Ueli war Feuer und Flamme. So sehr, dass er sich bald darauf auch die erste Pflanze in seinem Leben kaufte, damit seine spartanisch eingerichtete Wohnung in Interlaken etwas freundlicher auf seine neue Freundin wirkte. «Es war eine Palme aus der Ikea.» Die Palme hielt sogar seine langen Expeditions-Abwesenheiten tapfer durch – und lebt noch heute. Sie ist gross geworden und steht jetzt im Haus von Nicole und Ueli in Ringgenberg, Bern.

Ueli Steck: «Was andere von mir denken, ist mir eigentlich egal»

Die Fotografen Robert Bösch und Jonathan Griffith würdigten Uelis bergsteigerische Leistungen – und zum Schluss traten Uelis Brüder René und Bruno ans Mikrofon: «Dies hier ist der schwerste Gang, den unsere Familie je machen musste. Es ist uns aber ein Bedürfnis, allen für die Anteilnahme zu danken.»

Profibergsteiger Roger Schäli an der Gedenkfeier von Ueli Steck.
© Valeriano Di Domenico

Profibergsteiger Roger Schäli, 38, aufgewachsen in Sörenberg LU.

Mag nun hoffentlich bei der Familie etwas Ruhe einkehren. Und auch Besonnenheit in der Öffentlichkeit. Denn seit die Meldung seines Todes am Nuptse (7861 m) über den News-Ticker lief, wurde viel gesagt und geschrieben. Viele würdige Worte, aber auch einige pietätlose. Ueli Steck sagte einmal: «Was andere von mir denken, ist mir eigentlich egal. Mit Kritik muss man lernen umzugehen. Konstruktive Kritik nehme ich gerne entgegen. Aber wenn eine Kritik tief unter der Gürtellinie liegt, hat der Kritisierende wohl noch ein anderes Problem im Leben als mich.»

Ueli Steck hatte eine beispiellose Disziplin

Von seinen Speed-Freesolos liess er sich von nichts und niemandem abhalten. «Sie erfüllen mich, machen mich glücklich und zufrieden», sagte er. So war er auch jetzt wieder glücklich und zufrieden in den Himalaja gereist. Um heute an der Weltspitze zu klettern, braucht es mehr, als «nur» gut klettern zu können. Es braucht Ideen, Visionen und  Kreativität. Diese hatte Ueli Steck.

André Lüthi an der Gedenkfeier für Ueli Steck.
© Valeriano Di Domenico
Bergsteiger und Globetrotter-Präsident André Lüthi, 56, aus Bern.

Ebenso eine beispiellose Disziplin und den Willen, auf vieles zu verzichten. Denn je schwieriger die bergsteigerischen Ziele, desto mehr Fitness und Erfahrung sind erforderlich. Umgekehrt brauchte er ein Ziel, um sich für das Training zu motivieren. «Ich könnte nicht trainieren, um einfach ein bisschen zu trainieren. Für mich unmöglich», sagte er. Die Ziele sind ihm nie ausgegangen. 

Ueli war kein «Superman» mit geschenkten Kräften

Mit den Risiken setzte er sich intensiv auseinander – und akzeptierte, dass er sie selbst bei bester Vorbereitung nicht alle eliminieren konnte. «Ein Risiko besteht immer, das kann keiner wegdiskutieren. Es ist die Realität in den Bergen, auch wenn man meint, es treffe nur die anderen und nicht einen selber», sagte er einmal.

«Es ist ein persönlicher Grundsatzentscheid, wo man seine eigene Grenze zieht.» Ueli war kein «Superman» mit geschenkten Kräften, er hat sich alles selber erarbeitet. Er war auch keine «Swiss Machine», sondern ein aussergewöhnlicher Bergsteiger, der die Alpinistenszene mit frischem Wind aufwirbelte. Und er war ein Mensch, der in seinem Leben alle Höhen und Tiefen kennenlernte. 

Evelyne Binsack an der Gedenkfeier von Ueli Steck
© Valeriano Di Domenico

Alpinistin Evelyne Binsack aus Geissholz BE, soeben 50 geworden.

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