1. Home
  2. Style
  3. Lifestyle
  4. Das gefährliche Schönheitsideal von Victoria’s Secret

53 Shops von Schliessung bedroht

Das gefährliche Schönheitsideal von Victoria’s Secret

Was wäre, wenn Nahrung plötzlich nur noch böse wäre und unser Körperfettanteil dem eines Stück Holzes entspräche? Nun, wir wären vielleicht VS-Angels. Aber womöglich auch sehr einsam und allenfalls bald auch arbeitslos.

Die Victoria’s-Secret-Show, die Anfang November in New York aufgezeichnet wurde, verkauft eine Fantasie. Doch das Dessous-Label hat ein Problem: Es strauchelt am veralteten Frauenbild, das den US-Wäscheriesen zusehends in die Bredouille bringt. Um sieben Prozent soll der Umsatz laut CNN im letzten Quartal eingebrochen sein. Laut US-Medien sollen 2019 53 Shops geschlossen werden. Aktuell hangeln sich Heerscharen an Verkaufspersonal von Ausverkauf zu Ausverkauf. Nur kaufen will die Höschen keiner. Zu weit scheint die Fantasie von der Wirklichkeit entfernt.

Dabei fing alles mit einem Traum an. Die Akteurinnen der kreativ betitelten «Fantsy»-Show erlebten mit dem Zuschlag für einen Job in der Show laut ihren Instagramposts im Spätherbst «die Erfüllung ihres Kindheitstraumes» oder fühlten sich belohnt für ihre «harte Arbeit». Für diese Show, die 2018 angeblich die tiefste Einschaltquote in der Geschichte hatte, geben sie alles. Vielleicht sogar zu viel. Denn laut Medienspekulationen dürfen die Frauen einen maximalen Körperfettanteil von 18 Prozent haben, sie müssen mindestens 1.75 Meter gross sein und der erlaubte Taillenumfang liegt bei 60 Zentimetern. Zum Vergleich: Bei Frauen zwischen 20 und 39 wird ein Körperfettanteil unter 21% als niedrig beziffert. 

Das ist doch kein Marathon 

Aber eben, die Angels sind ja auch nicht durchschnittlich. So verzichtet Ex-Superengel Adriana Lima, wie sie einst in einem Interview behauptete, schon mindestens neun Tage vor der Show auf feste Nahrung. Und Jasmine Tookes soll sieben Tage die Woche mindestens zweimal am Tag trainieren. Victoria’s Secret bezeichnet seine Models leger als «Athletinnen». Dabei geht es hier weder um Olympische Spiele, noch um einen Marathon. Die Damen sollen schlicht Unterhosen verkaufen. Gerne an die Masse. Und die ist ja so doof, dass sie dem Label diese Illusion der leichtfüssigen Perfektion einfach so abkauft. Dass diese Illusion potenziell gesundheitsschädigend ist, darüber täuscht die ekstatische Freude der neugekürten Engel ausreichend hinweg.  

Jetzt mal ehrlich: Welche Mutter oder welcher Vater wünscht sich für ihre/seine Tochter, dass sie tagelang auf feste Nahrung verzichtet, um dann in knapper Unterwäsche vor angeblich bis zu einer Milliarde Menschen herumzustolzieren? Das Schönheitsideal von Victoria’s Secret ist ja nichts, was einfach so «in den Genen liegt» (Jennifer Lawrence hat hierzu kürzlich wunderbar gemotzt), es muss – wie selbst die Engel gerne und oft betonen – hart erarbeitet werden. Da geht das Fitness-Regime schon mal auf Kosten von zwischenmenschlichen Beziehungen und der Speiseplan, nun, auf Kosten von Speisen (einige Models sollen sich ein Fresspaket für nach der Show in die Handtasche packen). Sich hier und da ein paar Übungen bei den Damen abzugucken, dagegen hat keiner was. Es geht um das Extrem, um die Selbstkasteiung, den Punkt, an dem das «mal kurz was abgucken» ins Nacheifern bis zum Umfallen kippt.

Nichts zu essen ist keine Leistung, sondern gefährlich

So wird ein dysmorphes Verhältnis zum eigenen Körper plötzlich als Erfolg anerkannt und die Pathologisierung der Nahrungsaufnahme zur erstrebenswerten Leistung. Oder wie es Ex-Engel Erin Heatherton formuliert: «Ich war irgendwann soweit, dass ich vom Training nach Hause kam, mein Essen angeschaut habe und dachte, vielleicht sollte ich das doch nicht essen.» Sie wollte nicht mehr mitmachen. «Ich wollte meinen Körper nicht mehr herumzeigen und gegenüber all den Frauen, die zu mir aufschauen, so tun, als wäre das alles leicht.» The Guardian bezeichnet die Show als «livegestreamten Zirkus der kompetitiven Anorexie.» 

Victoria’s Secret hat (das zeigen die Zahlen längst) den Weckruf verpasst. Im Prinzip könnten sie jedes Jahr auf Replay drücken. Die alljährliche Show-Extravaganza fühlt sich nicht erst 2018 wie die dritte Traumschiff-Wiederholung im Spätprogramm an (ob das Konzept deshalb jetzt überprüft werden soll, bleibt eine Vermutung). Vor diesem Hintergrund fegte Rihanna an der New York Fashion Week im Herbst 2018 mit ihrer Savage X Fenty Kollektion wie ein Tornado der Selbstliebe übers Parkett. Mit ihrer Lingerie-Kollektion hat Rihanna, die 2012 noch singend für VS auf der Bühne stand, mal eben husch die Antithese zu den Engeln erfunden. Savage X Fenty feiert Frauenkörper – ob die nun schwanger, dick, dünn, schwarz oder weiss sind. Oder, um es mit den Worten von Rihanna zu sagen: «Frauen sollen Unterwäsche verdammt noch mal für sich selbst tragen.» Ob Victoria's Secret das Ruder wohl noch einmal rumreissen kann? Der Konzern müsste wohl etwas mehr und die Models etwas weniger an sich arbeiten. 

Von Bettina Bendiner am 01.03.2019