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  4. Warum eine Trennung unter Freunden auch Liebeskummer bedeutet

Von allen guten Geistern verlassen

Der übelste Liebeskummer ist nicht der romantische

Liebeskummer ist ein Arschloch. Die Autorin hat schon viel geweint und mehr oder weniger still gelitten. Jungs zogen vorbei, machten Spass, nisteten sich ein, gingen wieder. Das war scheisse. Aber wenn man von einer guten Freundin verlassen wird, bricht das Herz anders. Und zwar profunder.

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Warum das Herz in so viele Teile zerbricht? Weil man so viel teilt.

Getty Images

Liebe auf den ersten Blick gibt es, das weiss ich. Schon zu Kindergartenzeiten hat ein blondes, sommersprossiges Mädchen manchmal schüchtern aus der anderen Gruppe zu mir rüber gewunken. Ich fand dieses dünne, kleine Wesen sofort gut. Und sie mich auch. Wie es das Schicksal (oder die geringe Einwohnerzahl des Dorfes) wollte, kamen wir in die gleiche Klasse. Auf dem Foto vom ersten Schultag grinsen wir uns zahnlückig zu. Und es kam, wie es kommen musste: Wir verliebten uns gemeinsam hemmungslos in alle Boybands dieser Welt, wurden fanatische Fans eines Sports, den sonst keiner cool findet (Skispringen) und brachen den ersten Urlaub mit Führerschein überstürzt, viel zu früh und beschämt ab, weil wir uns betrunken auf einem Campingplatz daneben benommen hatten. Inzwischen leben wir in verschiedenen Städten, sie ist verheiratet und hat ein bezauberndes Kind. Wir teilen kein Leben mehr. Aber eine tiefe Liebe. Dementsprechend klaffend wäre die Wunde, würde meine Freundin Julia mit mir Schluss machen.

It Must Have Been Love

Ich habe mich in erheblich mehr Mädchen platonisch verliebt als romantisch in Jungs. Ich wurde von deutlich mehr Männern verlassen als von guten Freundinnen, aber – wann auch immer das der Fall war – habe ich schluchzender geweint, war verzweifelter, ohnmächtiger, alles tat ein bisschen weher. Weil man bei Freundschaften doch wirklich und wahrhaftig ans «für immer» glaubt. Ganz ohne Erwartungen. Es gibt keine platonische Paartherapie, keine platonischen Scheidungen. Aus Gründen. Eine Freundschaft ist eine Liebesbeziehung, ohne dass man ein Commitment abgesprochen hat. Sie ist deshalb komplex, man muss sie schleifen und polieren, aber sie reift so herrlich selbstverständlich heran wie kaum etwas anderes.

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Schliesslich lernen wir von klein auf, wie es ist, befreundet zu sein. Der oft so lästige Rest kommt erst mit der Pubertät dazu. Ganz organisch fangen wir an, Dinge und Gedanken zu teilen, sich mit- und füreinander zu freuen, sich umeinander zu kümmern und zu sorgen. An der besten Freundin wächst man, sie spiegelt unsere glorreichste Version wider. Verliert man sie, zweifelt man zurecht an sich selbst. Wer die Heftigkeit des platonischen Liebeskummers also für kindisch hält, hat irgendwie Recht.
Leider stellt man die fragile Vase mit den munter blühenden Freundschaften nicht irgendwann ab. Man hat es nie und zu keinem Zeitpunkt im Leben im Griff. Vor viereinhalb Jahren wurde ich das letzte Mal verlassen. Und da ist heute noch ein notdürftig geklebter Riss in meinem (eigentlich den Männern vorbehaltenen) Steinherz.

Manche mögen jetzt ächzen, jede noch so innige Freundschaft könne niemals mit einer romantischen Beziehung mit Sex und allem Drum und Dran mithalten. Aber warum nicht? Liebe ist Liebe. Wie bereits erwähnt, beinhaltet Freundschaft auch, sich an- und hingezogen zu fühlen. Nicht körperlich unbedingt, aber geistig. Wir fühlen einfach. Viel. Sehr viel. Das macht uns verletzlich.

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Warum denkt man beim zuckrigen Konstrukt Liebe immer so rasend schnell an Romantik? The One? Die grosse Liebe als vermeintliches Lebensziel? Wie es so in der Liebe laufe, werde ich oft gefragt. Och, naja, geht so. Beziehungsweise: Wenig geht. Denkste! Ich liebe ja durchaus sehr viel und stark. Neben meinen Eltern nämlich auch all meine fantastischen Freunde. Was einem aber von jeher als Inbegriff der Liebe eingetrichtert wird, ist die aus dem Bilderbuch. Die Gesellschaft (und die eine Person, die ständig fragt, wie es in der Liebe läuft) drängt uns in gewisse Strukturen: Irgendwann findet man diesen einen Menschen, mit dem man im Optimalfall eine Familie gründet, der einem Sicherheit gibt.

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Aber sind beste Freunde nicht auch Familie? Geben einem nicht gerade die treu ergebensten Verbündeten Sicherheit, wenn es mit der Romantik den Bach runter geht? Muss man sich mit Zunge küssen, damit ein Herz brechen kann? Bei einer Trennung bröselt immer eine relevante Ecke ab. Es ist immer schlimm, es tut immer weh – aber der schmerzliche Verlust von Freunden wird unterschätzt. Es trifft einen wie ein heranrasendes Auto und gefühlsmässig wird im Anschluss oft Fahrerflucht begangen. Der sexy Liebeskummer wird stark priorisiert und thematisiert, der platonische aber ist schlicht keiner, der in Liedern besungen wird. Dabei liesse er sich durchaus besser verarbeiten, wenn man ihn ernster nehmen würde.
Man muss trauern, man muss nachdenken, Kopfschmerzen bekommen und darüber sprechen. Man muss akzeptieren. Die Option, Freunde zu bleiben, gibt es nämlich nicht.

Von Linda Leitner am 27.01.2020
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