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Gynäkologin über Schwangerschaft in der Pandemie

«Auch infizierte Mütter sollen unbedingt stillen»

Soll ich mich mit Baby im Bauch impfen lassen? Darf ich stillen, wenn ich coronapositiv bin? Schwangere und stillende Mütter sind ultimativ verunsichert. Irene Hösli, Chefärztin Geburtshilfe und Schwangerschaftsmedizin des Unispitals Basel, beantwortet die wichtigsten Fragen.

interview Irene Hösli Schwangerschaft und Covid

«Für ungeimpfte Schwangere kann eine schwer verlaufende Infektion gravierende Folgen haben», sagt Prof. Irene Hösli, Chefärztin Geburtshilfe und Schwangerschaftsmedizin am Unispital Basel.

ZVG

Frau Prof. Hösli, ist es überhaupt eine gute Idee, während einer Pandemie schwanger zu werden?
Prof. Irene Hösli: Ich finde nicht, dass man die Familienplanung der Pandemie anpassen sollte - zumal man ja nicht weiss, wie lange sie noch geht. Der Zeitpunkt der Familienplanung muss immer noch in erster Linie für das Paar stimmen. Vielleicht ist es in einer Zeit wie dieser aber noch wichtiger, das Gespräch mit der Gynäkologin oder dem Gynäkologen bereits bei der Planung einer Schwangerschaft zu suchen. Stellen Sie alle Fragen, die Sie zur Schwangerschaft haben, egal, ob sie mit Corona zu tun haben oder nicht. Und: Alle Fachgesellschaften raten dringend zur Covid-Impfung vor einer Schwangerschaft.

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Und wenn man bereits schwanger ist?
Ab der 12. Schwangerschaftswoche wird die Impfung inklusive Booster empfohlen. Es ist allerdings auch möglich, sich vorher impfen zu lassen, da die Impfung kein erhöhtes Abort- oder Fehlbildungsrisiko in den ersten drei Monaten gezeigt hat.

Hat der Impfstoff keinen Einfluss auf den Verlauf der Schwangerschaft?
Dazu wurden bereits sehr viele Daten erhoben, und ich kann guten Gewissens sagen: nein. Bei geimpften Patientinnen kommt es weder häufiger zu Früh- oder Fehlgeburten, noch zu vorzeitigen Wehen oder Blutungen. Selbst bei Impfdurchbrüchen verläuft die Krankheit in der Regel mild und hat keinen Einfluss auf die Schwangerschaft.

Wie sieht es bei ungeimpften Schwangeren aus?
Für sie kann eine schwer verlaufende Infektion gravierende Folgen haben. Studien haben gezeigt, dass bei ungeimpften Schwangeren, selbst wenn sie nur leichte Symptome haben, die Versorgung des Kindes in Gefahr sein kann. Teile der Viren können in die Plazenta, den Mutterkuchen, gelangen, sich dort einnisten und eine akute Entzündung auslösen, was die kindliche Versorgung gefährdet. So kann es bei ungeimpften Schwangeren zu vorzeitigen Wehen und Früh- oder Fehlgeburten kommen, selbst wenn sie selbst keinen schweren Krankheitsverlauf haben. Ist letzteres aber der Fall, ist die Gefahr noch grösser, für Mutter und Kind, besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel. Während der Schwangerschaft muss die Mutter das Baby über die Plazenta mit Sauerstoff versorgen und benötigt in der Folge selbst mehr Sauerstoff als ausserhalb der Schwangerschaft. Wird in dieser Situation die Lunge im Rahmen einer Lungenentzündung angegriffen, kann die Sauerstoffversorgung für Mutter und Kind kritisch werden.

Diese Gefahr besteht bei Impfdurchbrüchen nicht?
Mir ist kein einziger Fall einer geimpften Schwangeren mit schwerem Covid-Verlauf, akuter Plazenta-Entzündung oder Frühgeburt aufgrund von Corona bekannt.

«Es wird auch stillenden Müttern zur Impfung geraten. Der Impfstoff selbst wird so schnell abgebaut, dass er nicht in die Muttermilch gelangt. Die Antikörper, welche das Baby schützen, schon. »

Kann das Ungeborene im Mutterleib mit Covid infiziert werden?
Das wissen wir noch nicht ganz genau. Wir haben bei Schwangeren, die kurz vor der Geburt an COVID 19 erkrankt waren, keine Symptome beim Neugeborenen oder nur milde Anpassungsstörungen gesehen.

Sind schwangere Frauen anfälliger auf das Virus als nicht schwangere?
Nein. Und wer schwanger ist, ist in der Regel ja sowieso vorsichtiger, und achtet zum Beispiel mehr auf Hygiene.

Was passiert, wenn sich die Mutter mit Corona angesteckt hat und die Geburt geht los?
Wenn keine zusätzlichen Massnahmen nötig sind – zum Beispiel die Gabe von Sauerstoff – kann sie ganz normal gebären. Bei einer natürlichen Geburt kann auch der Vater dabei sein. Mutter und Kind müssen danach in die Isolation. Ist ein Kaiserschnitt nötig, darf der Vater leider nicht dabei sein, da dann mehr Leute im Raum sind, um die Gefahr einer Ansteckung für alle zu minimieren.

Darf die infizierte Mutter nach der Geburt ihr Baby stillen?
Unbedingt. Die Viren übertragen sich nicht durch die Muttermilch auf das Kind, die Antikörper, welche durch die Infektion entstehen, hingegen schon. Es wird deshalb auch stillenden Müttern zur Impfung geraten. Der Impfstoff selbst wird so schnell abgebaut, dass er nicht in die Muttermilch gelangt. Die Antikörper, welche das Baby schützen, schon. Dasselbe gilt übrigens auch für Impfungen gegen andere Krankheiten, zum Beispiel Keuchhusten.

Viele Frauen sollen sich aus Angst vor einer Covid-Infektion im Spital für eine Hausgeburt entscheiden. Ist das sinnvoll?
Mir ist nicht bekannt, dass die Zahl der Hausgeburten signifikant gestiegen wäre. Grundsätzlich gilt: Wer eine Hausgeburt wünscht, sollte sich gut informieren und diese gut vorbereiten. Angst, sich im Spital mit Covid anzustecken, ist sicherlich kein guter Grund, zu Hause zu gebären. Zudem sind Covid-Infizierte im Spital isoliert, andere Patientinnen und Patienten kommen nicht mit ihnen in Kontakt.

Studien zufolge ist weltweit nicht nur die Zahl der Frühgeburten gestiegen, sondern auch die Müttersterblichkeit. Was hat es damit auf sich?
Die Covid 19 Infektion kann vorzeitige Wehen auslösen, die zu einer Frühgeburt führen. Es kann aber auch der schlechte Zustand der Mutter oder die gefährdete Versorgung des Ungeborenen der Grund sein, weshalb ein Kaiserschnitt in einer früheren Schwangerschaftswoche notwendig ist. Das erklärt die vermehrte Rate an Frühgeburten. Die Erhöhung der Müttersterblichkeit ist einerseits durch die direkt an Corona verstorbenen Frauen zu erklären, aber auch durch indirekte Gründe, wie fehlende Medikamente oder fehlende Schwangerschaftskontrollen, weil kein medizinisches Personal vorhanden ist. Dies kommt in unseren Breitengraden zum Glück nicht vor. Aber weltweit geht man von über 25’000 zusätzlichen Todesfällen bei Müttern aus, vor allem in Gebieten, in denen finanzielle Mittel für die Gesundheitsversorgung fehlen, und es nicht genügend Impfstoff gibt. Das ist ein grosses medizinisches Problem und wird uns noch lange beschäftigen.

Von Sandra Casalini am 27. Januar 2022 - 07:09 Uhr
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