1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Zum Tod von Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda: Chronist des Absurden

Zum Tod von Stiller-Has-Frontmann Endo Anaconda

«Glück ist eine Momentaufnahme»

Zuhinterst im Emmental hatte er seine Hasenhöhle. Jetzt ist Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda verstummt. Der begnadete Künstler hinterlässt einzigartige Songs – und Worte, die mitten ins Herz treffen.

Andreas Flückiger alias Endo Anaconda, Schweizer Singer-Songwriter  und Schriftsteller fotografiert zuhause in Trub, Emmental.

Endo Anaconda vor zwei Jahren in seinem Zuhause im Emmental. Hier, ohne Strom und ohne WLAN, fand er seinen Frieden.

Digitale Massarbeit

Es gibt Menschen, die sagen einfach, wies ist. «Chotzbrockemässig isch das gruusig.» – «Stelle u nid lege.» – «Gang doch echli dr Aare naa.» Die nennen den Umzug aus Biel in die österreichische Heimat der Mutter als Kind «eine Verschleppung». Bezeichnen die eigene erfolgreiche Band (wenn auch im Scherz) «mein Alimente-Beschaffungsprogramm». Und kommen irgendwann zum Schluss, dass «Glück eine Momentaufnahme ist. Was zählt, ist Zufriedenheit.»

Mehr für dich
 
 
 
 
Grosse Trauer unter den Kolleginnen und Kollegen

Es gibt Menschen wie Endo Anaconda, die mit Worten genau das ausdrücken können, was sie fühlen. Diese Fähigkeit bringt ihm nicht nur unzählige Preise als Musiker und Autor ein – darunter den prestigeträchtigen Salzburger Stier –, sondern auch die Liebe und den Respekt von Fans und Kolleginnen und Kollegen. Von Stephan Eicher über Patent Ochsner bis Züri West – sie alle trauern am Mittwoch, 2. Februar, öffentlich um den Stiller-Has-Poeten.

Endo Anaconda, 2020, Nachruf zu seinem Tode, SI 05/2022

Endo Anaconda fit, alkohol- und drogenfrei: «Leben geht auch ohne ständiges Leiden.»

Tanja und Simon Kurt

«Endo Anaconda ist nach kurzer Krankheit am 1. Februar 2022 an den Folgen von Lungenkrebs für uns alle unerwartet schnell verstorben.» Selbst für das engste Umfeld des Musikers und Autors kommt sein Tod überraschend. «Wir sind total überrumpelt und brauchen erst einmal Zeit zum Verarbeiten», sagt Stiller-Has-Komponist und Produzent Roman Wyss. «Nicht den Tod, aber das Sterben», antwortet Endo vor fünf Jahren auf die Frage, ob er den Tod fürchte. «Allerdings meinen meine Ärzte, ich habe eine Pumpe wie ein Dreissigjähriger. Ich hege den Verdacht, dass Gott mich mit einem hohen Alter quälen wird.» Endo Anaconda wird 66 Jahre alt.

Es ging nie um Verkaufszahlen

Geboren wird Andreas Flückiger – aus Andreas wird Ändu wird Endo – in Burgdorf, dem Tor zum Emmental. Sein Vater, ein Polizist, stirbt bei einem Autounfall, als Andreas fünf ist. Der Bub zieht mit den beiden Brüdern und der Mutter in deren Heimat Kärnten, besucht in Klagenfurt ein katholisches Internat. Schön sind die Erinnerungen an diese Zeit nicht. Als schönsten Teil seiner Kindheit bezeichnet er die Sommerferien bei seinen Grosseltern in Biel. Nach einer Lehre als Siebdrucker in Wien kehrt Endo in den frühen 1980er-Jahren in die Schweiz zurück. 1989 gründet er mit Ueli Balsiger alias Balts Nill, 68, Stiller Has. Charts hin, Hitparade her – all ihre Alben landen dort – doch bei den «Hasen» gehts immer um anderes als um Verkaufszahlen. Es geht um Liveauftritte, es geht um Poesie – es geht um Magie. Denn Endo Anaconda spricht bei allem politischen Engagement immer die Sprache der Leute. Und schlägt so scheinbar mühelos eine Brücke.

Endo Anaconda,  1999, Nachruf zu seinem Tode, Konzert in Wien, SI 05/2022

Endo 1999 bei einem Stiller-Has-Konzert in Wien.

Keystone

Aber da sind immer die Dämonen. «Ein Päckli Zigi pro Tag. Und eins in der Nacht.» Irgendwann auch eine Flasche Gin pro Tag. Aber die schlimmsten Geister sind vielleicht die eigenen Gefühle. Die Tendenz, sich mit Haut und Haar und allem, was man hat, in Dinge hineinzustürzen, als gäbe es kein Morgen. Und dann zu leiden, als sei es das Ende der Welt. «Alles, wo i gliebt ha, hani vertribe.» Auch wenn er über seine Ex-Frauen und Mütter seiner Kinder sagt, «ich glaube, sie hassen mich nicht».

Sein Vermächtnis sind seine Kinder

An der Wand in der Küche von Endos Haus im hintersten Emmental hängt ein Andy-Warhol-Druck. Er überklebt diesen «nadisna» mit Fotos seiner Kinder, wenn sie bei ihm sind. Das Highlight ist, wenn alle drei zusammen beim Papa sind. Nina, 30, Max, 21, und Masha, 13. Sie haben alle verschiedene Mütter. Sie sind das Grösste im Leben ihres Vaters. Und auch wenn er findet, es sei nicht die Aufgabe der Kinder, zu sein wie ihre Eltern, sieht er in jedem seiner Kinder ein Stück seiner selbst. Nina ist Künstlerin mit eigenen Ausstellungen – «dummerweise ist sie sehr begabt». Max sei ein Philosoph: «Er sagt nicht viel, aber wenn, dann haut er dich mit einem Satz um.» Und Masha, «die Kleine, ist hochmusikalisch. Sie intoniert unglaublich gut.» Endo Anaconda hinterlässt ein beeindruckendes Werk. Andreas Flückigers Vermächtnis sind sie, seine Kinder.

Endo Anaconda, 2007, Nachruf zu seinem Tode, SI 05/2022

Ein Glas Whisky in der Hand, die Zigi immer dabei. Endo Anaconda, mit bürgerlichem Namen Andreas Flückiger, genoss das Leben mit allem, was es zu bieten hat. Er war stets der, der er ist. Verstellen gabs für ihn nicht – auch nicht beim Besuch der Schweizer Illustrierten 2007.

Kurt Reichenbach

«Man schreibt keine besseren Texte, nur weil man trinkt oder Drogen konsumiert»: Als Endo Anaconda merkt, dass es zuerst ohne Alkohol nicht mehr geht und dann «mit Alkohol nichts mehr geht», schiebt er einen Riegel. Er will nicht mehr «Dinge sagen, die ich später bereue, und mich an andere nicht mehr erinnern können». Endo ändert seinen Lebensstil, nimmt 15 Kilo ab, geht dreimal pro Woche ins Fitness. Lebt in seinem Bauernhaus, da, wo sich Fuchs und Has gute Nacht sagen, ohne WLAN und ohne Strom. Verkauft sein Cabrio. «Ich brauche keinen Statusstress.»

«Was soll man machen, wenn einem noch so viele Songs im Kopf herumschwirren?»

Glück ist eine Momentaufnahme. Der Moment auf der Bühne, wenn das Publikum mitsingt, klatscht, jubelt. Der Moment, wenn man am Morgen aufsteht, Holz holt, einfeuert. Zufrieden mit sich ist. «Was soll man machen, wenn einem noch so viele Songs im Kopf herumschwirren?», fragt Endo, als er vor zwei Jahren trotz geplanter Frühpensionierung noch das Album «Pfadfinder» herausbringt. Jetzt sind alle Lieder gesungen. Alle Geschichten erzählt. Und das Schöne: Sie werden für immer bleiben. «Vier roti Rose füre Mao. Vier roti Rose für mi.»

Endo Anaconda, 2007, Nachruf zu seinem Tode, SI 05/2022

Songs und Texte für die Ewigkeit. Endo Anaconda verstarb am 1. Februar 2022 mit 66 Jahren.

Kurt Reichenbach
Von Sandra Casalini am 3. Februar 2022 - 11:23 Uhr
Mehr für dich