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  4. Waldbaden ist der neueste Gesundheitstrend

Baden im Dickicht

Den Wald vor lauter Bäumen sehen lernen

Wisst ihr, was Waldbaden ist? Nein? Im Berner Oberland sollen jetzt sogar Retreats dafür entstehen. Wir waren vor Ort und haben uns andächtig im Moos gesuhlt.

Saanenwald Waldbaden

In der Gruppe unternimmt man täglich Streifzüge durch die Natur. Während des Waldbadens fördern Übungen die Achtsamkeit: Mal sucht man Naturmaterialien (etwas Grosses, etwas Weiches, etwas Duftendes …), mal sitzt man einfach nur da und lauscht der Geräuschkulisse.

Melanie Uhkoetter

Das Geräusch eines plätschernden Bachs schmeichelt den Ohren. Es duftet nach feuchter Erde und Moos. Im Dickicht steht ein Fliegenpilz. Langsam streifen wir umher, baden uns in der Atmosphäre des Waldes. Jeder bewegt sich in seinem Tempo, die Sinne auf Empfang gestellt. Shinrin-Yoku heisst diese Entspannungsmethode. Waldbaden.

«Wie Nomaden, die aus der Wüste kommen und das erste Mal in ihrem Leben einen Schweizer Bergwald sehen» lautete die Inspiration zum Spaziergang. Das einwöchige Waldbaden-Retreat findet in der Saanewald Lodge bei Gstaad statt. Der Tag beginnt jeweils um sieben Uhr mit einer Meditation. Während alle verschlafen auf ihren Kissen sitzen, herrscht draussen eine magische Stimmung: Sonnenstrahlen drücken durch herbstliche Nebelschwaden, auf den Gräsern glitzert der Tau. Hinter der Lodge beginnt gleich der Wald, eine Naturwiese umschliesst die Terrasse. Während wir meditieren, geht Melanie Uhkötter durchs hüfthohe Gras und pflückt Blumen.

Shinrin-Yoku – Grüne Achtsamkeit auf Japanisch

Die 33-jährige Norddeutsche lebt in der Lodge und organisiert das Retreat, von der Yogalehrerin über die Ayurveda-Köchin bis zum Waldbaden-Coach hat sie alle Kursleiterinnen und Kursleiter ausgewählt. Ursprünglich wurde das Waldbaden vor über vierzig Jahren in Japan von Forschern, Medizinern und dem Amt für Forstwirtschaft entwickelt. Damals konkurrenzierte billiges Importholz die lokale Forstwirtschaft, und man suchte nach neuen Möglichkeiten, um die Wälder zu nutzen und zu pflegen. So entstand Shinrin-Yoku, auf Deutsch «ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen». Statt Holz zu schlagen, führte man von der Natur entfremdete Städter durch die Wälder. Die Wissenschaft belegte die gesundheitsförderndeWirkung: Achtsame Spaziergänge haben einen positiven Einfuss auf den Blutdruck, helfen Stress abzubauen und stärken das Immunsystem.

Saanenwald Waldbaden

Während des Retreats gibt es täglich Meditation und Yoga.

Melanie Uhkoetter

In den USA wurde Shinrin-Yoku für den Westen adaptiert und kam danach als «Forest Bathing» nach Europa. In den nordischen Staaten oder auch in Deutschland spricht man bereits von einem Trend. Nur hierzulande löst der Begriff noch fragende Blicke aus. In den Wald gehen? Dafür brauchen wir doch keine Anleitung! Melanie Uhkötter kennt diese Reaktionen. «Das fanden meine Geschwister auch, als ich ihnen vom Waldbaden erzählte», sagt sie. «Sie sind alle sportlich, besteigen in ihrer Freizeit Berge und haben dabei die Fitnessuhr stets im Blick.» Doch genau um Leistung geht es beim Waldbaden nicht.

Als wir an einem Morgen auf einer Wiese sitzen und Waldbaden-Coach Nadine Gäschlin zuhören, schlummert einer der Teilnehmer gemütlich auf dem Moos. Für Gäschlin kein Affront: «Ich will die Menschen vor allem zurück in die Natur bringen, mittlerweile verbringen wir fast neunzig Prozent unserer Zeit in geschlossenen Räumen. Schläft jemand während des Waldbadens ein, habe ich mein Ziel erreicht.»

Mehr Sinn statt Luxus

Noch befindet sich das Retreat in der Testphase. Gelingt diese, sollen in der Saanewald Lodge ab nächstem Sommer mehrere Wochen stattfnden. Vor dreieinhalb Jahren, als Melanie Uhkötter in die Schweiz kam, war die Lodge noch ein Hotel. Sie leitete dieses ein Jahr, dann schloss Besitzer Paul Peyer den Betrieb, um zusammen mit Melanie ein neues Konzept für das Haus zu erarbeiten. Nur leicht gefallen sei ihr das nicht, sagt sie. Sie habe sich mehrmals gefragt, ob sie nicht für ihre Karriere hätte weiterziehen sollen.

Saanenwald Waldbaden

Melanie Uhkötter ist die Initiantin hinter den Waldbaden-Wochen in der Saanewald Lodge in Saanenmöser bei Gstaad BE.

Melanie Uhkoetter

Doch ihr Bauchgefühl hielt sie in der Lodge. Gelernt hat Melanie Uhkötter in der Fünf-Sterne-Hotellerie. Sie war unter anderem in Portugal, leitete in Irland ein Boutique Hotel, fühlte sich aber stets auch zu alternativen, nachhaltigen Konzepten hingezogen. Sie, die in einem karriereorientierten Umfeld gross geworden war, suchte nach mehr Sinn statt Luxus. Melanie ist selbst viel in der Natur. Zum Fotografieren, Wandern, Surfen oder Snowboarden. Mit Esoterik könne sie wenig anfangen, das Konzept des Waldbadens habe damit auch wenig gemeinsam. Überzeugt hat sie der gesundheitliche Aspekt: «Wir kennen doch alle eine Vielzahl von Menschen, die unter enormem gesellschaftlichem Druck und Stress leiden.»

Das Bemerkenswerteste an den Retreats ist, dass sie nicht nach einem herkömmlichen Geschäftsmodell funktionieren werden. «Es fühlt sich so falsch an, mit Gesundheitsförderung Profit zu schlagen», findet Melanie. Zusammen mit Paul Peyer gründete sie den Verein Friends of Saanenwald. Die Idee ist, dass die Erlöse der zahlenden Kursteilnehmer andere, die sich die Woche nicht leisten können, mitfinanzieren. Partnerschaften mit Stiftungen, Vereinen und anderen Institutionen sollen diese Vision unterstützen. Jede Person habe das Recht auf Gesundheit, sind die Initianten überzeugt. Die Wirkung des Waldbadens spürt man schon nach kurzer Zeit. Die Sinne sind geschärft, der Geist ist ruhig. Man geht mit neuer Kraft nach Hause – und der Einsicht, die schönste (und günstigste) Wellnessoase gefunden zu haben: unseren Wald.

Waldbaden in der Saanewald Lodge: saanenwald.org
Waldbaden-Coach Nadine Gäschlin: waldbaden-akademie.ch

Saanenwald Waldbaden

Bei schönem Wetter wird draussen getafelt. So viel zum Thema: Erfahrung mit allen Sinnen.

Melanie Uhkoetter
Von Barbara Halter am 19.10.2019