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  4. Brustkrebs: Diese Pilateslehrerin spricht über die Diagnose

breast cancer awareness month

«Ich rede offen über meine Diagnose, um zu helfen»

Trost und Stärkung: Die Pilates- und Yogainstruktorin Anita Preece-Kopp erfuhr vor einem halben Jahr, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Die Bernerin redet offen über ihre Krankheit und bricht damit ein Tabu.

Anita Preece-Kopp Brustkrebs Yogainstruktorin Pilates

Trotz schwerer Zeit hört Anita Preece-Kopp immer wieder eine innere Stimme, die ihr zuflüstert, ruhig zu bleiben.

Kurt Reichenbach

Zufall? Oder steht doch alles in einem grösseren Zusammenhang? Solche Gedanken gehen Anita Preece-Kopp seit Anfang April immer wieder durch den Kopf, wenn sie ihr letztes halbes Jahr Revue passieren lässt. Damals hat die 45-jährige Berner Grafikerin und Gründerin des Yoga- und Pilatesstudios Origin8 eine Anfrage von Pink Ribbon Schweiz für «pinke» Yogastunden erhalten. Der helvetische Ableger der Charity-Organisation agiert international im Kampf gegen Brustkrebs, eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen: Weltweit ist jede achte Frau damit konfrontiert.

Die Charity-Aktion, bei der die Studios und ihre Mitglieder gemeinsam Geld spenden, «erinnerte mich an meine eigene Brustkontrolle, die schon eine Weile zurücklag», erzählt Preece-Kopp rückblickend. So meldet sie sich mitten in der Planung für die «pinken» Yogastunden bei ihrer Frauenärztin für einen Brust-Check an. Eine Routineunter- suchung, wie sie dachte. Am Abend nach der Mammografie – die sportliche Instruktorin hat gerade ihre Lektion beendet – ploppt auf dem Handydisplay ein verpasster Anruf ihrer Gynäkologin auf. Nach dem Rückruf ist sie verunsichert. Um Dinge auszuschliessen, wolle man anhand einer Biopsie Gewebe entnehmen und im Labor untersuchen.

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Anita Preece-Kopps Ehemann Richard unterrichtet ebenfalls Yoga. Er ist eine wichtige Stütze

Kurt Reichenbach

Plötzlich aus dem prallen Leben gerissen

Zwei Tage später sitzt Preece-Kopp in der Praxis ihrer Ärztin. «Sie redete zum Glück nicht um den heissen Brei herum.» Klein und von Hand nicht spürbar, wachse ein Gewebeknoten in ihrer linken Brust. Diese Diagnose stellt das Leben der Bernerin auf den Kopf.

Zehn Tage später wird der Tumor operativ entfernt. Wie fühlt man sich da, aus dem prallen Leben gerissen und in die fragile Zone aus Angst, Wut und Verzweiflung katapultiert? «Ich funktionierte. Eine Stimme tief in mir flüsterte mir aber zu: Sei aufmerksam, bleib ruhig, geh Schritt für Schritt, dann kommt es gut», erzählt Preece-Kopp.

Ein früh erkannter Brustkrebs ist denn auch keine hoffnungslose Diagnose. Je nachdem, ob ein Tumor in den Lymphen Metastasen gebildet hat oder nicht, werden die möglichen Behandlungen besprochen, wie Chemo-, Radio- oder eine antihormonelle Therapie. Brustkrebstumore unterscheiden sich nicht nur in ihrer Aggressivitätsstufe, sondern auch darin, ob sie hormonell beeinflusst werden oder nicht. Die hormonell beeinflussbaren sind, vereinfacht gesagt, erfolgreicher zu bekämpfen.

Anita Preece-Kopp Brustkrebs Yogainstruktorin Pilates

Die gelernte Grafikerin hat sich mit ihrem eigenen Yogastudio in Bern einen Traum erfüllt.

Kurt Reichenbach

Von Gedanken zum Leben zu denen über den Tod

«Wenn man sich bisher vor allem Gedanken zum Leben gemacht hat, so macht man sich plötzlich viele über den Tod», erklärt Preece-Kopp. «Ich könnte ja auch von einer Sekunde auf die andere verunfallen.» Die Existenzkrise sei für viele auch eine Wende, weil man «radikal Bilanz zieht und bewusster lebt».

Sie erinnert sich noch ganz genau an die Pink-Ribbon-Lektion. Es ist ein Freitag, und das Studio bis auf die letzte Matte belegt. Eine kraftvolle Stimmung herrscht. Am Schluss sagt sie zu den Yogis: «Ich habe vor wenigen Tagen erfahren, dass ich selber Brustkrebs habe.» Ganz ehrlich und voller Würde. Die emotionalen Reaktionen aus der Klasse bestätigten Preece-Kopp, was sie schon ahnte, bevor sie selber betroffen war: Krebs ist ein Tabu. Viele Betroffene schämen sich und ziehen sich zurück. Etwa, weil sie denken, Schuld zu tragen, oder weil es ihnen unangenehm ist, darüber zu reden. Dabei wäre der Dialog mit anderen Betroffenen und mit den Liebsten gerade in dieser Zeit tröstend und stärkend. Mit ein Grund übrigens, weshalb sie zu dieser Geschichte einwilligte. «Denn seit ich offen darüber rede, weiss ich, wie viele Frauen mein Schicksal teilen», sagt die mutige Bernerin.

Von Martina Bortolani am 1. Oktober 2019